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Nach der Auflösung des dualen Machtsystems

Parag Khanna fordert in seiner Schrift "Der Kampf um die Zweite Welt" dezidiert die Emanzipation Europas von der Supermacht USA - schon aus ökonomischen Gründen, die in Khannas Darstellung weit mehr im Vordergrund stehen als das Räsonnieren über von westlichen Demokratievorstellungen geeinte Wertegemeinschaften. Jochanan Shelliem hat Khannas Buch gelesen.

23.06.2008

Parag Khanna, Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Informatikerin aus Uttar Pradesh, hat schon als Kind die Welt bereist und im Nahen Osten, in Dubai, Abu Dhabi und Berlin gelebt, bevor er in die USA gekommen ist. Der dreißigjährige Politologe arbeitet als Publizist und außerdem für das Weltwirtschaftsforum in Davos und renommierte Institute wie die Brookings Institution. Geblieben sind ihm die Lust am Reisen und seine Neugier, die Dynamik von Mentalität, Wirtschaft und Moral in den verschiedenen Regionen der Welt zu beobachten.

"Ich habe an der School of Foreign Service, das ist eine diplomatische Akademie an der Universität Georgetown studiert, in Washington. Das war mein Vordiplom und in der Zeit habe ich auch ein Austauschjahr an der Freien Universität in Berlin gemacht. Und dann habe ich mein weiteres Studium in Georgetown verlängert zum Masters und ich mache gerade meinen Ph.D. an der LSC in London."

Khanna, der also heute in Washington lebt, geht der Frage nach, wie nach der Auflösung des dualen Machtsystems des Kalten Kriegs die Geometrie globaler Allianzen aussehen wird. Im Zentrum seiner Arbeit stehen mit der Zweiten Welt jene bevölkerungs- und rohstoffreichen Staaten, die das Wachstum der westlichen Industrienationen mit dem Elend der Dritten Welt vereinten und in einem zukünftigen globalen Gleichgewicht das Zünglein an der Waage bildeten. Anders als in der bipolaren Welt, in der die ehemaligen Kolonialstaaten ihre Dominanz militärisch fortschreiben konnten, sieht der junge Politologe die Welt heute in einer zweiten Phase der Globalisierung, die keine Blockbildung mehr zulässt. Die wirtschaftliche Dynamik der Globalisierung erscheint ihm als zu stark, das Erbe einer imperialen Vergangenheit wie in den USA gar als Ballast.

"In den Neunziger Jahren haben die USA geglaubt, dass sie nicht nur die Welt beherrschen, also an erster Stelle sind, sondern auch, dass die Globalisierung der Fortsetzung des amerikanischen Imperiums dienen würde."

In einer entkolonialisierten Welt dürfe die militärische Präsenz, so Parag Khanna, nicht mit der wirtschaftlichen Vorherrschaft verwechselt werden.

Die Amerikaner bilden sich gern ein, sie würden das erste globale Weltimperium der Geschichte regieren, aber tatsächlich war Großbritannien das letzte globale Imperium, "in dem die Sonne nie unterging." Großbritannien besaß keine Außenpolitik, denn viele Regionen der Erde gehörten zu seinem Kolonialreich und unterstanden seiner Herrschaftsgewalt.

Längst hätten wirtschaftliche Entwicklungen nationale Dogmen ausgehebelt. Khanna sieht die US-amerikanische Außenpolitik, die auf die Bildung multinationaler Koalitionen ziele, heute als das Handicap der Supermacht, während sich die chinesische Außenpolitik auf ihr Handelsinteresse konzentriere und so punktuelle Interdependenzen schmiede. Als dritte Supermacht betrachtet Parag Khanna die Europäische Union, deren Ausbau zunehmend ökonomischen Interessen folge.

"Den europäischen Stil beschreibe ich als eine Konsenspolitik, also als eine Diplomatie der Konsensbildung mit Nachbarländern und anderen Partnern. Das läßt sich mit den Kopenhagen-Kriterien belegen."

Anders als auch von Joschka Fischer in den Neunziger Jahren prognostiziert, hätten diese Beitrittskriterien der EU - so Parag Khanna - zu inneren Veränderungen der neuen Mitgliedsstaaten und damit zu einer Konsensbildung innerhalb der Gemeinschaft sowie zu einer Vergrößerung der Einflusszone der Europäischen Union geführt.

"Europa wird zu einem imperialen Raum und dazu trägt diese Konsens-Politik bei. Chinas Politik beschreibe ich als eine Diplomatie der Konsultation, die kontroverse Themen zur Seite setzt und stattdessen auf wirtschaftliche Kooperationen fokussiert. Ohne dass die Souveränität der Partner in Frage gestellt wird. Durch diese Konsultations-Diplomatie baut China langsam einen breiteren um sich zentralisierten, diplomatischen, politischen Raum auf. Und das ersetzt natürlich das, was im Kalten Krieg ein US geführtes dominiertes System war. Und das dritte K im diplomatischen Stil, also nicht Konsens oder Konsultation, sondern Koalition - damit ich den US-diplomatischen Stil."

Nur wenn sich die Europäer von den USA emanzipierten, so Parag Khanna könnten sie ihre Position erhalten. Denn die umworbene Zweite Welt, zu der der Autor neben Japan Russland, Lateinamerika und die arabische Welt zählt, verändere im Zeitalter der Globalisierung auch ihre Position und schmiede regionale Bündnisse. Rohstoffreiche Regionen wie den Nahen Osten betrachtet Khanna im zukünftigen globalen Gleichgewicht nicht mehr allein als Beute - wessen Beute? -. Aus den Kolonien von einst würden heute regionale Pole, die ihren Marktplatz zunehmend souverän gestalteten.

"Saudi-Arabien wäre das beste Beispiel. Das ist ein Land, das viele Jahre lang als enger Alliierter der USA galt. Langsam kann man spüren und merken an der Saudi Arabischen Diplomatie, dass sie sich nicht nur als Spieler auf diesem Marktplatz sehen, sondern auch als Eigenpol. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele: Der GCC wächst, das ist der Golf Kooperationsrat, der sechs Golf-Staaten vertritt. Er hat ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. Also es gibt immer mehr Handel mit Europa, fast soviel wie mit den USA, vielleicht sogar mehr und sogar der Ölpreis wird möglicherweise irgendwann auf eine Euro-Basis umgestellt gestellt werden. Das heißt dass der wirtschaftliche Einfluss der USA auf Saudi Arabien sinkt, vor allem weil die Direktinvestitionen aus Europa zeitgleich deutlich zunehmen."

Parag Khanna kombiniert in seine Analyse volkswirtschaftliche Daten und individuelle Eindrücke, soziokulturelle Determinanten, und Reisebeobachtungen, sodass eine komplexe Einschätzung der Rolle des jeweiligen Landes entsteht. Ein Beispiel. Aufgrund der jungen Bevölkerung von Georgien schätzt er die historische Einbindung von Georgien in die sowjetische Hemisphäre als weniger wichtig ein als die soziale Orientierung der Bewohner.

"Ich bin dann über die türkische Grenze nach Georgien gefahren. Georgien hält sich vor allem unter der Präsidentschaft des neuen Präsidenten Saakaschwili, der in den USA ausgebildet worden ist, für ein sehr westliches, christliches Land, das noch vor der Türkei der EU beitreten sollte. Ich habe ein gebrochenes Land erlebt. Ohne Straßen, wirklich eher Dritte Welt. Aber was mir dann sofort einfiel, war: Nur Europa wird dieses Land erlösen."

Es ist eine Welt im Wandel, die hier beschrieben wird. Eine Welt, in der die Mobilität und Kommunikation, die Stärkung durch vielfältige Allianzen und der Mut zum Sprung über den eigenen Schatten zählen. Für die europäischen Nationen bedeutet das den Abschied von der Idee einer europäischen Leitkultur, so Parag Khanna. Europa müsse sich auf seine wirtschaftlichen Eigeninteressen konzentrieren, völlig unabhängig vom moralischen Verhalten der Handelspartner. In dieser Welt heißt Stillstand Untergang. Sao lautet die Mahnung Khannas an die Adresse der europäischen Nationen und der USA. Man muss Khannas Schlussfolgerungen nicht zustimmen, um sich für seine Ausführungen zu interessieren doch der Geopolitologe steht für eine neue Generation von Politikberatern. Es werden multikulturelle Experten wie Parag Khanna sein, die man künftig im Umfeld politischer Führer wie Barak Obama antreffen wird.

Parag Khanna: Der Kampf um die Zweite Welt: Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung.
Berlin Verlag