
Koalition
Sobald das Ergebnis feststeht, wird Präsident Herzog einen Kandidaten mit der Regierungsbildung beauftragen. Das muss nicht derjenige sein, dessen Partei an der Spitze liegt, sondern jener mit der besten Aussicht, mindestens 61 Abgeordnete von 120 Knesset-Sitzen hinter sich zu vereinen. Regieren wird, wem es gelingt, eine mehr oder weniger breite und stabile Koalition zu schmieden. Das Problem: Bislang erreicht kein Lager die nötigen Stimmen.
Der ARD-Korrespondent in Tel Aviv, Julio Segador, betonte, die Wahl habe alles Andere als Klarheit gebracht
. Israel drohe eine zähe politische Blockade mit wochenlangem Postenpoker, bei dem um jede einzelne Stimme gefeilscht werde. Dies sei das Gegenteil von politischer Stabilität, die das Land eigentlich brauche.
Deutliche Zugewinne verzeichneten die beiden Listen der arabischen Staatsbürger - sie könnten nun zum Königsmacher werden. Allerdings lehnte Ministerpräsident Netanjahu von der Likud-Partei ein solches Bündnis noch in der Wahlnacht deutlich ab. Herausforderer Eisenkot von der Mitte-Partei "Jaschar" hat bislang nicht öffentlich erklärt, ob er mit den überwiegend arabischen Listen zusammenarbeiten würde. Partner aus seinem Block lehnten eine Kooperation jedoch ab.
Der Historiker Wolffsohn sieht die Opposition in Israel in einer Sackgasse. Seiner Einschätzung nach lehnt die Opposition zwar die Politik von Netanjahu ab, bietet aber keine wirklichen Handlungsoptionen.
Dafür habe die Opposition eine Quittung bekommen, sagte Wolffsohn im Deutschlandfunk
. Alle Verantwortlichen in Israel, insbesondere die Oppositionspolitiker, seien nun gefordert, strategisch darüber nachzudenken, wie man aus dieser innenpolitischen Doppelblockade herauskommen könne.
Minderheitsregierung
Sollte es keinem Block gelingen, mindestens 61 Abgeordnete hinter sich zu vereinen, könnte ein Kandidat versuchen, ohne eigene Mehrheit zu regieren. Dabei wäre er bei jeder Abstimmung auf einzelne Abgeordnete angewiesen, die nicht zu seinem Lager gehörten. Ein kräftezehrendes Unterfangen.
Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Tal Elovitz wäre eine Minderheitsregierung unter Eisenkot wahrscheinlicher als unter Netanjahu. Eine besonders hohe Wahlbeteiligung unter den arabischen Staatsbürgern deute auf einen starken Wunsch nach Partnerschaft hin, sagte Elovitz der Nachrichtenagentur AFP.
Regierung der nationalen Einheit
Medienberichten zufolge arbeitet Präsident Herzog hinter den Kulissen daran, Netanjahu und Eisenkot zusammenzubringen, sollte es tatäschlich zu einem politischen Patt kommen. Angesichts der Polarisierung in Israel erscheint eine solche Regierung der nationalen Einheit aber unrealistisch. Dieses Szenario würde auf Widerstand auf beiden Seiten stoßen, insbesondere beim Oppositionsblock, der die Wahl als Referendum gegen Netanjahu betrachtet.
Patt und Neuwahlen
Der vom Präsidenten benannte Kandidat hat 28 Tage Zeit, eine Koalition zu schmieden. Diese Frist kann um 14 Tage verlängert werden. Gelingt es keinem Kandidaten, eine Regierung zu bilden, stehen erneut Neuwahlen an.
Im Falle eines Scheiterns gibt es weitere Möglichkeiten zu verhindern, dass sofort Neuwahlen angesetzt werden. Bis eine neue Regierung steht, bleibt Netanjahu als geschäftführender Ministerpräsident im Amt.
Der Meinungsforscher und Publizist Shmuel Rosner sagte dem Magazin Spiegel, für Netanyahu sei das "Aussitzszenario" die realistischste Option, um seine Macht zu sichern. Er könnte am Ende gewinnen, indem er zunächst nicht verliere. Die Opposition wiederum könnte ihr Momentum in einem wochenlangen Patt verspielen.
Diese Nachricht wurde am 28.10.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.









