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Nachbarstaaten an der Belastungsgrenze
Syrische Flüchtlinge in der Türkei

Die Türkei hat mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als ganz Europa. Politischer Sprengstoff ist daraus aber nicht erwachsen. Denn beide Seiten profitieren, wie das Beispiel der grenznahen türkischen Stadt Gaziantep zeigt.

Von Gunnar Köhne | 14.07.2015
    Eine Syrerin trinkt Wasser aus einer Flasche.
    Eine geflohene Syrerin wartet an der türkisch-syrischen Grenze. (afp/Simsek)
    Mit einem Hämmerchen schlägt ein Händler im alten Basar von Gaziantep filigrane Muster in den Rand einer Kupferschüssel. Uraltes Handwerk, für das die Ostanatolische Stadt weithin berühmt ist. Zwei Jugendliche schlendern vorbei und werfen den Händlern fragende Blicke zu. Sie kommen aus Syrien, geben ihr Alter mit 16 Jahren an:
    "Wir suchen Arbeit, aber das ist schwierig. Auf dem Basar können wir in der Woche höchstens 100 Lira verdienen, umgerechnet 30 Euro. Manche Türken haben Mitleid mit uns, andere hassen uns."
    250.000 Flüchtlinge in der Stadt
    Die Millionenstadt Gaziantep liegt nur 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Traditionell lebt Gaziantep von der Textilindustrie - vor Ausbruch des Bürgerkrieges im Nachbarland wurde hier auch viel mit Syrien gehandelt. Jetzt muss die Stadt mit rund 250.000 syrischen Flüchtlingen auskommen - das ist mehr als die gesamte Europäische Union aufgenommen hat.
    Längst lebt die Mehrzahl der Syrer nicht mehr in Flüchtlingslagern. Sie suchen ihr Glück in den türkischen Großstädten. Syrische Autokennzeichen, arabische Werbung, aber auch zahlreiche Bettler prägen das neue Bild in Gazianteps Straßen. Türkische Nationalisten fordern eine Begrenzung des Zustroms von Syrern. Mesut Basüzümcü vom örtlichen Büro der rechtsnationalen MHP:
    "Die Kriminalität nimmt zu und die Arbeitslosigkeit auch. Wenn ein Türke 1.000 Lira Lohn verlangt, der Syrer aber nur 500 - wen würden Sie dann als Arbeitgeber einstellen?"
    Doch anders als in Westeuropa gibt es um die knapp zwei Millionen Flüchtlinge im Land kaum politischen Streit. Zwar bekommen Syrer offiziell keine Arbeitserlaubnis, doch die türkischen Behörden drücken meistens ein Auge zu. Großzügig vergibt der türkische Staat auch Ausweise, die den Syrern eine kostenlose medizinische Behandlung in staatlichen Krankenhäusern ermöglichen.
    Kriminalität und Arbeitslosigkeit nehmen zu
    Aber die Syrer sind nicht nur eine Bürde für eine Stadt wie Gaziantep. Viele syrische Geschäftsleute konnten mit ihrem Geld in die Türkei fliehen und haben es hier investiert. Überall in Gaziantep trifft man auf Restaurants, Cafés, Bäckereien, Reisebüros und sogar Kindergärten, die von Syrern betrieben werden. In den türkischen Großstädten haben die Syrer mittlerweile ihre eigene Parallelgesellschaft errichtet. Besonders die Einwohner Aleppos, des einstigen wirtschaftlichen Zentrums Syriens, gelten als ungewöhnlich tüchtig. Der Besitzer eines syrischen Schnellrestaurants in Gaziantep, ebenfalls aus Aleppo, erklärt warum:
    "Ich bin von Beruf Ingenieur, in Dubai habe ich für eine Baufirma gearbeitet. Und nun betreibe ich hier ein Restaurant. Wir Syrer sind sehr anpassungsfähig. Wenn es notwendig ist, arbeitet der Arzt eben als Kellner. Das tut er lieber, als andere um Geld anzubetteln."
    Die Mietpreise In Gaziantep sind wegen der gestiegenen Nachfrage durch die Syrer - zum Leidwesen der Einheimischen – in den vergangenen Jahren um 30 Prozent gestiegen. Verdienst haben aber nicht allein die Hausbesitzer. Auch die Taxifahrer berichten zufrieden, dass das Geschäft dank der Neuankömmlinge besser laufe als zuvor.
    Die Nähe zur syrischen Heimat - auch kulturell und wettermäßig - sehen viele Syrer als großen Vorteil von Gaziantep und anderen grenznahen türkischen Städten. Dennoch wollen gerade viele der jüngeren unter ihnen weiter nach Westeuropa, berichtet ein syrischer Student:
    "Wir haben nicht den Rechtsstatus von Flüchtlingen, sondern werden als Gäste angesehen. Und wer weiß, wie lange die Gäste bleiben dürfen?"