Nachwuchsförderung"In der Corona-Zeit sind viele Dinge sichtbar geworden"

Bei den Olympischen Spielen in Tokio gewann die deutsche Mannschaft so wenig Medaillen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Im Sportgespräch analysieren Athletenvertreterin Silke Kassner, Olympiastützpunkt-Leiterin Ingrid Unkelbach und Sportwissenschaftler Arne Güllich die Gründe.

Ingrid Unkelbach, Arne Güllich und Silke Kassner im Gespräch mit Maximilian Rieger | 10.10.2021

Junge Schwimmerinnen und Schwimer vom SV Eisleben.
Junge Schwimmerinnen und Schwimmer vom SV Eisleben (dpa / picture alliance / Jens Wolf)
Bei einer Leistungssport-Konferenz äußerte sich Dirk Schimmelpfennig deutlich. Für Arne Güllich von der TU Kaiserslautern war das aber auch eine der wenigen Neuigkeiten: "Das einzig Neue war eigentlich zum ersten Mal das Eingeständnis, dass man bei immer mehr Wettbewerben und immer mehr Fördergeld so wenig Medaillen wie noch nie gewonnen hat." Ansonsten sei mit dem Talent-Transferprogramm eine in den 1990-ern abgelehnte Initiative wieder aktiviert worden.
Ingrid Unkelbach leitet seit 2001 den Olympiastützpunkt Hamburg, Schleswig-Holstein, Hannover. Sie spricht über die Schwierigkeiten bei der Analyse: "Ich glaube, das jetzt nun auch allgemeingültig zu machen ist schwierig, weil das doch durchaus sehr heterogen ist."
Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympiastützpunkts Hamburg/Schleswig-Holstein/Hannover.
Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympiastützpunkts Hamburg/Schleswig-Holstein/Hannover. (dpa - Axel Heimken)
Silke Kassner, ehemalige Wildwasser-Kanutin und Gründungsmitglied der Athletenvertretung Athleten Deutschland sieht vor allem ein Hindernis: "Es ist unglaublich schwer, auch ohne Leistungssport eine schulische Laufbahn, eine Ausbildung, vernünftig durchzuführen und aufrechtzuerhalten. Ich denke vor allen Dingen sind in der Corona-Zeit viele Dinge sichtbar geworden." Kassner sieht vor allem die Doppelbelastung Schule/Liestungssport als Problem. Es sei viel Aufwand für Familie und Verein, um einen Leistungsstand zu ermöglichen, mit dem man dann bei der Talentsuche gesehen werde, meint Kassner.
Silke Kassner, Athletensprecherin und Kanutin
Silke Kassner, Athletensprecherin und ehemalige Kanutin (Jessica Sturmberg / Deutschlandradio)
Güllich erklärt Ergebnisse einer Meta-Analyse, die bei ihm durchgeführt wurde. Athleten, die im Jugendalter und der nationalen Spitze sehr erfolgreich seien, hätten früh begonnen, sehr spezifisch trainiert und wenig anderes gemacht. "Die Weltklasseathleten unterscheiden sich von den nationalen Klasseathleten dadurch, dass sie mehr in anderen Sportarten trainiert und Wettkämpfe betrieben haben." Sie hätten "weniger in ihrer Hauptsportart insgesamt trainiert als die nationalen Klasseathleten - nicht mehr, weniger."
Arne Güllich, Professor für Sportwissenschaften (TU Kaiserslautern)
Arne Güllich, Professor für Sportwissenschaften (TU Kaiserslautern) (Deutschlandradio - Hendrik Maaßen)

"Als Talent auf mich allein gestellt"

Grund für Güllich: Wer früh stark gefördert werde, habe weniger Zeit für anderes, möglicherweise sinke die Motivation, es geben ein höheres Risiko für körperliche Schädigungen und Verletzungen. Außerdem bevorzuge das aber körperlich früh entwickelte und stark trainierte Kinder. Arne Güllich plädiert deswegen für eine späte Selektion. Besser wäre es, viele Talente lange und ohne zu starke spezifische Förderung aufzubauen.
Ingrid Unkelbach widerspricht, setzt andere Studien und Erfahrungen dagegen: Aus ihrer Sicht müssten in hochkoordinativen Sportarten wie Badminton aber auch im Schwimmen die Sportler sehr früh mit der Disziplin anfangen und spezifisch trainieren. Die Risiken früher Belastung sieht jedoch auch Unkelbach, auch die, dass junge Athletinnen sich früh vom Leistungssport abwendeten.
Silke Kassner beschreibt die Situation für die Nachwuchssportler so: "Im Moment der Talent-Situation, wo ich erstmal emporkommen möchte aus dem Sport, bin ich eigentlich auf mich allein gestellt und muss es tatsächlich irgendwie auf meiner privaten und privat-sozialen Ebene regeln."
Aus ihrer Sicht wäre es ideal, wenn Freistellungen durch Schulen und Ausbildungsstätten leichter ermöglicht würden. Dazu sieht sie eine Bundesinstitution wie einen Olympiastützpunkt als verlässlichen Förderungsstandpunkt als großen Faktor an.