Freitag, 30. September 2022

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Neue alte Kammermusik von Max Bruch
Der Reiz des Unentdeckten

Die Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle fand bei Recherchen in der Frankfurter Mozart-Stiftung eine Schachtel mit einer Streichquartett-Partitur ohne Autorenangabe. Später stellte sich der Fund als ein bislang unveröffentlichtes Jugendwerk des 14-jährigen Max Bruch heraus. Das Münchener Diogenes-Quartett hat das Stück nun zusammen mit Bruchs Streichquartetten op. 9 und op. 10 zu einer Gesamteinspielung zusammengefasst.

Von Norbert Hornig | 28.03.2016

    Detailaufnahme eines Cellos
    Der Bruch-Forschung war zwar bekannt, dass dieses Streichquartett existierte, es galt aber als verschollen. (picture alliance / dpa / Lehtikuva Nukari)
    Vorgestellte CD:
    Max Bruch
    Streichquartette op. 9, op. 10 und op. posth.
    Diogenes Quartett
    LC 09421
    Brilliant Classics/Edel 95051
    EAN 5028421950518
    Musik 01
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett c-Moll op. posth.
    1. Satz (Adagio ma non troppo - Allegro molto)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take 01
    Dauer: 1:55
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    Mit seinem frühen Streichquartett in c-Moll hatte sich der junge Max Bruch 1852 um ein Stipendium der Frankfurter Mozart-Stiftung beworben. Und er hatte Erfolg damit, alle drei Sachverständigen wählten das Werk als das beste aus. Der Komponist Louis Spohr war besonders beeindruckt und bat im Begleitschreiben zu seinem Gutachten:
    "... dass Sie mich von dem Namen und Wohnort des jungen Künstlers, den ich des Stipendiums am würdigsten erkannt habe, gefälligst in Kenntnis setzen wollen. Es intereßiert mich sehr, näheres über ihn zu erfahren, da ich ihm eine glänzende Zukunft prophezeie".
    Der Bruch-Forschung war zwar bekannt, dass dieses Streichquartett existierte, es galt aber als verschollen. Die Uraufführung mit dem Münchener Diogenes-Quartett fand am 10. September 2014 im Frankfurter Holzhausenschlösschen statt.
    Max Bruch hat seinem Quartett-Erstling den lateinischen Titel "Nunquam retrorsum" vorangestellt, was soviel heißt wie "Niemals rückwärts". Aber niemand sollte dem gerade 14-jährigen, die Welt der Töne erst erforschenden Max Bruch verübeln, dass in dem Werk Anklänge an Beethoven, Mendelssohn, Schumann und, wie im zweiten Satz, wohl auch an auch Schubert nicht zu überhören sind. Das Diogenes-Quartett gibt dem Satz einen ruhigen, entspannten Fluss, alles klingt hier sehr natürlich, organisch und atmend. Die Musik kommt gewissermaßen zu sich selbst – und entfaltet einen stillen Zauber.
    Musik 02
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett c-Moll op. posth.
    2. Satz (Adagio)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take: 02
    Dauer: 2:14
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    Das Adagio aus Max Bruchs frühem c-Moll-Streichquartett, klingt wie ein feingesponnenes, klangsinnliches "Notturno", Romantik pur. Dieser wunderschöne zweite Satz ist unmissverständlich auch Ausdruck der außergewöhnlichen Begabung des jungen Komponisten, der ein Stipendium erhielt, das ihm ein Studium bei Ferdinand Hiller am Konservatorium seiner Heimatstadt Köln ermöglichte. Eine wichtige Etappe für den aufstrebenden Max Bruch, denn jetzt kam er einen wesentlichen Schritt voran bei der Suche nach einer eigenen, melodisch charakteristischen Tonsprache. Doch die deutet sich in dem frühen Streichquartett bereits an, etwa im Finale, das in seinem stürmischen Charakter an den ersten Satz des Quartetts erinnert. Hier packt das Diogenes Quartett kräftig zu, schärft die Akzente, man spürt förmlich, wie die vier Musiker nach vorn an die Stuhlkante rücken. Temperament haben sie alle.
    Musik 03
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett c-Moll op. posth.
    4. Satz (Finale. Presto agitato)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take: 04
    Dauer: 2:08
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    Nach Ende seiner Lehrzeit bei Ferdinand Hiller in Köln ging Max Bruch 1857 zu weiteren Studien nach Leipzig. Dort brachte er zwei weitere Streichquartette zu Papier, die als op. 9 und op. 10 im Druck erschienen. Im Quartett op. 9 verwendet Bruch ganz offenkundig thematisches Material aus dem frühen c-Moll Quartett, etwa im zweiten Satz, das ebenfalls ein Adagio ist, auch im darauf folgenden Scherzo zitiert er sich großzügig selbst.
    Besonders markant wirkt der wie eine Tarantella daher kommende Finalsatz. Etwas Aufgeregtes, temperamentvoll Ungestümes prägt den Charakter dieses "Molto vivace", und man spürt, wie Max Bruch auf der Suche nach einem eigenen Klang wieder ein Stück weiter gekommen ist. Das Diogenes Quartett hebt das Tänzerische in diesem Satz mit rhythmischer Prägnanz hervor und lebt sich dabei genussvoll aus.
    Musik 04
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett c-Moll op. 9
    4. Satz (Molto vivace)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take 08
    Dauer: 2:07
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    Mit seiner Gesamteinspielung der Streichquartette von Max Bruch hat das seit 1998 bestehende Diogenes-Quartett seine Diskografie auf dem Label Brilliant Classics um eine attaktive Einspielung erweitert. Gerade hat das in der Besetzung mit Stefan und Gundula Kirpal, Violine, Alba Gonzáles i Becerra, Viola und Stephen Ristau, Violoncello spielende Ensemble eine Gesamtaufnahme der Streichquartette Franz Schuberts abgeschlossen. Dieser Einspielung mit Max Bruchs Streichquartetten eine Rarität folgen zu lassen, war sicher eine gute Idee. Das schafft Aufmerksamkeit, hebt sich vom Mainstream-Repertoire ab und weitet ganz nebenbei den Blick auf das kaum bekannte Schaffen dieses immer ein wenig unterschätzten Komponisten, der leider oft nur mit einem einzigen Werk in Verbindung gebracht wird: dem sattsam bekannten g-Moll-Violinkonzert, das jeder Geiger im Repertoire hat und das Bruchs selbst aber gar nicht so gern mochte.
    Da weckt die Aufnahme seiner Streichquartette mit dem Diogenes-Quartett doch die Neugier, den gemeinhin als konservativ eingeordneten Komponisten, der in Mendelssohn sein großes Verbild sah, näher kennenzulernen:
    Musik 05
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett E-Dur op. 10
    1. Satz (Allegro maestoso)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take: 09
    Dauer: 2:09
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    Auch in seinem Streichquartett op. 10 profiliert sich Max Bruch als erfindungsreicher Melodiker und als Könner in Sachen Kontrapunkt. Seine Tonsprache wirkt herangereift, sie besitzt etwas Bodenständiges, rhythmisch Kraftvolles und betört immer wieder durch Kantabilität und lyrischen Feinsinn. Dadurch bauen sich effektvolle Kontraste auf, auch zwischen den einzelnen Sätzen, woraus eine oftmals mitreißende Vitalität entsteht. Das Diogenes-Quartett arbeitet diese musikalisch gegensätzlichen Aspekte sehr schön heraus. Es lässt sich dabei nicht zu Übertreibungen hinreißen und kultiviert einen geschlossenen und transparenten Gesamtklang. Und Kammermusikfreunde können sich jetzt über sämtliche Streichquartette von Max Bruch in einer schlüssigen Interpretation aus einer Hand freuen, dank der Entdeckerfreunde des Diogenes-Quartetts. Seine Aufnahme ist ganz sicher auch eine Werbung für die vielen wenig beachteten Werke des Komponisten, seine Sinfonien, Opern und Oratorien und letztlich für seine hochromantische Kammermusik.
    Musik 06
    Max Bruch
    Aus: Streichquartett E-Dur op. 10
    4. Satz (Finale. Vivace)(Ausschnitt)
    Diogenes Quartett
    Take: 12
    Dauer: 2:30
    LC 09421 Brilliant Classics/Edel 95051 EAN 5028421950518
    So lebendig und abwechslungsreich klingt das Rondo-Finale aus dem Streichquartett op. 10 von Max Bruch. Allein dieser Satz vermag das Interesse zu wecken an den weniger beachteten Werken dieses Komponisten, besonders auch seinen Streichquartetten. Diese hat das Münchener Diogenes jetzt auf dem Label Brilliant Classics in einer Gesamteinspielung vorgelegt.