Samstag, 26. November 2022

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Neue Serie von Christian Ulmen
"Ich mag es, Grenzen zu überschreiten"

In seiner neuen Serie "Jerks" spielt sich Schauspieler und Regisseur Christian Ulmen selbst – und lotet dabei auch die Grenzen der Peinlichkeit aus. Im Corso-Gespräch sagt Ulmen, man spüre die Grenzen nur, wenn man sie wirklich übertrete. Er nennt Scham einen Schmerz, der weniger werde, wenn man ihn teile.

Christian Ulmen im Gespräch mit Christoph Reimann | 26.01.2017

    Fahri Yardim und Christian Ulmen posieren Arm in Arm für Pressefotos
    Die Schauspieler Fahri Yardim (l.) und Christian Ulmen posieren bei der Premiere der ersten deutschen Video-on-Demand-Serie "Jerks" am 18.01.2017 in Berlin. (dpa / Jörg Carstensen)
    Christoph Reimann: "Jerks" – das kann vieles bedeuten: Trottel, Idiot oder Wichser. Zu den Protagonisten in der neuen Serie von Christian Ulmen würde das alles passen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im Zentrum steht Ulmen, der sich selbst spielt. Und in seinem Alltag von einer peinlichen Situation in die nächste stolpert. Oft geht es dabei unter die Gürtellinie. Der Humor, der ist provokativ, und er geht vor allem auf Kosten von Ulmen.
    Anfang der Woche habe ich den Schauspieler zum Corso-Gespräch getroffen. Meine erste Frage: Woher kommt denn diese Lust an der Peinlichkeit?
    Christian Ulmen: Ich finde es befreiend, wenn man Menschen trifft, denen Sachen auch peinlich sind, die sich auch schämen. Ich glaube, dass Scham ein Schmerz ist, der weniger wird, wenn man ihn teilt. Im Grunde geht es ja immer darum, in einer Gruppentherapie in die Mitte des Raums gesetzt zu werden und als Einziger erzählen zu müssen erst mal. Oder wenn eine Ski-Reise zu Ende gegangen ist, habe ich mich als Kind immer sehr geschämt, wenn ich dann vor allen erzählen musste, was denn meine liebsten Begebenheiten auf der Ski-Reise war und was ich nicht so mochte. Und du musst das vor 25 Leuten erzählen. Wenn du aber zwei, drei andere weißt, denen es auch so geht, die dieses Gefühl der Blamage auch so unerträglich finden wie du, dann hast du sozusagen einen Freund in diesem Leid, und das macht es etwas erträglicher. Und darum gucke ich wahnsinnig gern Sachen zum Beispiel von Louis C.K. oder Ricky Gervais, wo es auch um Scham und Peinlichkeit geht. Dann habe ich das Gefühl, ich bin nicht allein damit. Denn es hilft dir, wenn du als einziger, wenn eine Ski-Reise zu Ende gegangen ist, vor der Gruppe erzählen musst, wie es so war und du dich dafür schämst.
    Reimann: Was war so schlimm, was konntest du nicht beim Skifahren?
    Ulmen: Na ja, alles. Ich konnte gar nichts natürlich. Ich war derjenige, wo immer alle warten mussten. Ich kam immer als Letzter den Hang runter, ich konnte die Skier nicht parallel halten. Ich habe es auch immer nicht verstanden, weil parallel heißt ja nur, dass zwei Geraden sozusagen parallel zueinander stehen. Aber parallel heißt beim Skifahren zusammen, also die Skier müssen zusammen. Und ich dachte, parallel ist doch okay, ich hab sozusagen drei Meter Abstand zwischen den Skiern gehabt – sah furchtbar aus, so als hätte ich mir in die Hose gemacht. Und das war unangenehm, ausgerechnet ich musste am Schluss erzählen, was mir am besten gefallen hätte. Und dazu kommt grundsätzlich, dass ich vor Gruppen nie reden konnte. Sobald mehr als vier Leute im Raum waren, war es für mich absurd, über Kommunikation oder eine Unterhaltung nachzudenken, weil das geht für mich immer nur zwischen maximal drei Leuten kann man sich unterhalten, ab vier wird es unangenehm.
    "Vor allem wichsen geht"
    Reimann: Als Moderator, ich meine, sind Sie ja auch vor einem Publikum aufgetreten, oder als Schauspieler haben Sie auch immer eine Crew um sich herum, und in der Serie bauen Sie auch keinen Schutzschild auf, da spielen Sie sich, und Ihr Kumpel Fahri Yardim spielt sich als Ihren Kumpel. Und dann gibt es eben noch Emily Cox, gibt es, die spielt sich selbst, und Feline Roggan. Kostet das nicht auch Überwindung, sich selbst zu spielen? Sie tragen ja jetzt sogar dieselbe Mütze wie in der Serie.
    Ulmen: Das kostet Überwindung, das ist aber ehrlich gesagt auch der Spaß, diesen Schmerz auszuhalten. Und ich mag daran, so Grenzen zu übertreten – man ahnt so Grenzen ja nur, man sieht die ja nie. Und du spürst ja deine eigenen Grenzen nur, wenn du sie wirklich mal übertrittst. Und drum habe ich so eine Freude an Grenzüberschreitung, einfach um für sich auszuloten, ach, da ist die Grenze – hätte ich jetzt nicht gedacht. Oder auch: Da ist die Grenze nicht, da hätte ich sie aber erwartet. Also, es ist mir nicht unangenehm, ich weiß nicht, vor einem Kamerateam zu onanieren, also auch in einer Spielszene, wo ich vorher dachte, das ist mir doch wahnsinnig peinlich – war nicht peinlich. Andere Sachen, mit denen andere Leute keine Probleme haben, da schäme ich mich in Grund und Boden.
    Reimann: Zum Beispiel?
    Ulmen: Ich bin da einfach sehr neugierig. Ich kann keine Ansprachen halten. Ich war ja Regisseur dieser Serie und musste auf dem Abschlussfest vor allen Leuten einfach eine Rede halten, sagen, wie es so war. Und ich mochte die Dreharbeiten sehr, es war eine wirklich gute Zeit, und es gab da überhaupt nichts, was ich hätte beschönigen müssen, oder wo ich Angst vor einer Lüge gehabt hätte. Sondern einfach nur die Tatsache, dass da 50 Leute stehen – obwohl ich die alle kenne, das ist mir wahnsinnig peinlich. Aber vor allem wichsen geht. Ja, das ist interessant, wo so die eigenen Grenzen liegen.
    Reimann: Warum war das denn wichtig, eben mit vertrauten Leuten zusammenzuarbeiten?
    Ulmen: Es waren nicht alle vertraut, fast niemand.
    Reimann: Aber es wirkt ja so.
    Ulmen: Ja. Wir haben lange gecastet. Denn was alle mitbringen mussten, und was nicht das Steckenpferd eines jeden Schauspielers ist, ist die Improvisation. Wir hatten keine Drehbücher. Wir haben ein klares Skript gehabt, was die Geschichte betraf, aber jeder Schauspieler war für seinen Text und für seine Haltung selbst verantwortlich. Und da musste man Leute finden, die das können, denn es wurde sehr vertraut. Es musste auch vertraut werden, weil es so wahnsinnig intim ist.
    Serie wurde teilweise improvisiert gedreht
    Reimann: Kein Drehbuch – dreht man da nicht wahnsinnig lange, bis die Szenen sitzen?
    Ulmen: Nein, das nicht. Das Schönste daran, Regie zu führen, war, dass ich all das, was ich in den vielen Jahren als Schauspieler so hasste, nicht mehr machen musste. Ich habe mir vorgenommen, ich werde nicht proben. Ich hasse Proben. Ich werde auch kein Licht setzen. Wir werden nicht nach jedem Take drei Stunden umleuchten und überall die Energie runter, weil man wartet, bis das Licht endlich steht. Sondern wir machen einmal Licht und drehen dann mit zwei Kameras durch. Und das hat dazu geführt, dass wir sehr schnell durch den Tag kamen, und dass wir sehr schnell auch an unsere Figuren kamen. Du bist wirklich mal zwölf, 14 Minuten am Stück in so einer Szene. Wir haben teilweise zwölf, 14 Minuten lange Takes gedreht, aus denen wir dann immer nur zwei Minuten in die Szene geschnitten haben, aber… Also die Improvisationsform hat dazu beigetragen, dass das Ding auch eine Natürlichkeit kriegt.
    Reimann: Eigentlich ist "Jerks" ja auch die Adaption einer dänischen Serie, die da ziemlich erfolgreich war. Und die Rollen der Hauptdarsteller und auch die Plots, die ähneln sich ja zum Teil. Was für Möglichkeiten hatten Sie da überhaupt noch, was Eigenes einzubringen?
    Ulmen: Wahnsinnig viel. Ich finde, dass sich die Figuren sehr sehr wenig, eigentlich gar nicht ähneln. Die beiden Hauptfiguren sind vollkommen andere Typen als Farey und ich.
    Reimann: Im Original aber auch Schauspieler, oder?
    Ulmen: Jaja, die Idee im Original ist die – darum hat man ja auch dieses Format lizenziert, um sozusagen die Formatbestandteile rüberzuholen, und die bestehen schon daraus, dass da zwei Schauspieler sich selbst spielen. Das ist aber auch alles. Dann haben wir Grundplots einfach als Gerüst gehabt. Das war wahnsinnig angenehm, dass du einfach so eine klare dramaturgische Outline hattest. Und in dieses Gerüst haben wir dann unsere eigenen Geschichten gehängt. Davon sind wahnsinnig viele in die Serie geraten, auch Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen, die man aus dem tatsächlichen Alltag mitbringt.
    Reimann: Damit startet ja jede Ausgabe. Am Anfang wird immer gesagt, die geschilderten Ereignisse beruhen auf wahren Begebenheiten. In einer Episode entdecken Sie aber zum Beispiel eine Exfreundin, die in einem Müllcontainer steckt. Das ist nicht wirklich so passiert, oder?
    Ulmen: Das weiß man nicht. Ich fände es ja entzaubernd, wenn man so minutiös sagen würde, das ist jetzt echt, und das nicht. Letztlich ist die Wahrheit wie so Wolle, die wir in dieses Kleid "Jerks" reingenäht haben. Eine Möglichkeit, sich einer Geschichte zu nähern, ist zu gucken, was hat mich selber betroffen gemacht, wo habe ich mich selber geschämt, und das baue ich da jetzt ein.
    "Da haben sich so Parallelwelten gebildet"
    Reimann: In einer Szene treffen Sie auf Nora Tschirner, Ihre "Tatort"-Kollegin, und die hält Ihnen da vor, dass Sie zuletzt viele Sachen so in Richtung Schwiegermutter-Komödie gemacht haben – stimmt ja auch so ein bisschen. "Antonio schmeckt's nicht", in der Rolle waren Sie im Kino zu sehen, da haben Sie mitgespielt. Dann gibt es Ihre Rolle eben als "Tatort"-Kommissar, da sind Sie, klar, lustig, aber auch ein bisschen brav. Hatten Sie denn jetzt wieder Lust auf so ein bisschen was Provokativeres?
    Ulmen: Absolut. Da haben sich so Parallelwelten gebildet. Ich bekomme es natürlich – viele sagen, das ist dieses Schubladendenken, ich finde es ja gar nicht schlecht, das bedeutet einfach, dass du Arbeit hast. Du hast, wenn du einen Rollentypus erfolgreich gespielt hast, kriegst du danach Angebote desselben Typus. Das ist bei mir im Film- und Fernsehding so. Aber ich habe parallel ja immer mit Figuren von mir gearbeitet, die provokant waren, Sachen im Internet gemacht oder auf kleineren Sendern, und freue mich, dass ich mit dieser Form von Witz, den ich mag, jetzt auch ein größeres Publikum ansprechen kann.
    Reimann: Ihre Tochter ist jetzt vier Jahre alt. Haben Sie manchmal Angst vor der Moment, wenn sie dann entdeckt, was der Vater so alles für Sachen gemacht hat im Fernsehen?
    Ulmen: Also, die hat ja so auch schon keinen Respekt vor mir, und so wahnsinnig viel ist da eigentlich nicht mehr zu zerstören. Ich habe ja auch einen Sohn, der ist elf – da geht es los, dass der sich so grundsätzlich schämt für mich, weil man sich für Eltern schämt. Ging mir auch so früher. Meine Mutter war jeden Donnerstag in der Schule zum Milchverkauf. Ich fand einfach ihre Anwesenheit blamabel. Sie war nicht schlimm, eine ganz normale nette Frau, aber meine Mutter in der Schule, das war für mich Horror. Und bei meinem Sohn ist es auch so. Ich darf den immer nicht bis zur Schule bringen, niemand soll mich sehen und so. Ich darf auch nicht laut reden, wenn ich mit ihm über die Straße gehe. Insofern glaube ich, dieses ganze Ding, das Fernsehding, die Scham wird wahrscheinlich noch ein bisschen potenziert. Andererseits war mein Vater Beamter. Ich habe mich wahnsinnig für meinen Vater geschämt, weil er Beamter ist, und alle haben immer über Beamte Witze gemacht. Und der hat dann noch gearbeitet in so einer Behörde unweit unserer Schule. Und immer in der Schulpause konnte man manchmal meinen Vater sehen, wie er sich beim Bäcker Brötchen holte. Und dann haben die Mitschüler immer gesagt, ach, guckt mal, der Herr Ulmen genießt sein Leben in vollen Zügen als Beamter – weil man eben davon ausging, Beamte arbeiten nicht. Also, warum sollen es meine Kinder leichter haben als ich?
    Reimann: Das sagt Christian Ulmen. "Jerks" – die neue Serie startet heute Abend bei Maxdome, ist dann ab Februar auch bei ProSieben zu sehen. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!
    Ulmen: Ich danke!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.