Mittwoch, 18. Mai 2022

Archiv

Neuen Räume für das Wende Museum in L.A.
Der Kalte Krieg im ehemaligen Waffenlager

Nur ein Prozent der mehr als 100.000 Artefakte aus den Beständen des Wende Museums in Los Angeles hat die Öffentlichkeit bis gestern gesehen. Jetzt endlich hat das Museum der Kalten-Kriegs-Geschichte ein Zuhause, in dem es sein Archiv öffnen und zeigen kann. Und das an passendem Ort: in einer ehemaligen Waffenkammer der kalifornischen Nationalgarde, inklusive Atombunker.

Von Kerstin Zilm | 20.11.2017

Spielzeugsoldaten aus der DDR
Spielzeug, Leninstatuen und Straßenschilder - das Wende Museum in L.A. hat endlich genug Platz für seine Sammlung (dpa-Zentralbild/Matthias Bein)
Bis zur letzten Minute wird gehämmert und gebohrt. Die Archivarinnen steuern vollgepackte Umzugslaster quer durch die Stadt. Der Chefkurator persönlich hängt bunte Sowjet-Flaggen unter die Decke. Und während der Inspektor der Aufsichtsbehörde prüft, ob alle Bauvorschriften berücksichtigt wurden, begrüßt Museumsdirektor Justin Jampol in zerknautschtem Hemd, ausgelatschten Turnschuhen und mit leicht glasigem Blick die Presse zur Vorschau.
"Wir haben noch ein paar Sachen zu erledigen, arbeiten in Tages- und Nachtschichten", sagt Justin Jampol. "'Wende' bedeutet Transformation und Wandel und wurde gebraucht, um die Zeit rund um den Mauerfall zu beschreiben. In gewisser Hinsicht ist heute für das Museum unser Tag der Wende."
Von der Studentensammlung zum Museum
Vor siebzehn Jahren studierte Jampol in Oxford Alltagskultur der modernen Geschichte Europas. Mit Entsetzen beobachtete er, wie Zeugnisse des Kalten Krieges massenhaft auf Müllhalden landeten. Von Ausflügen nach Berlin und in die ehemalige DDR kam er mit Geschirr, Schulbüchern, Heimvideos und allem anderen, was er fand und tragen konnte, zurück. In Frankfurt Oder rettete Jampol eine Komplett-Ausgabe des "Neuen Deutschlands" aus Kellern vor einer Flut. Er lagerte alles in Speichern und Garagen - bis die platzten und er eine Heimat für seine Sammlung fand: ein Bürogebäude mit Lagerhalle in einem abgelegenen Industrieviertel seines Geburtsortes Los Angeles.
"Am Anfang war ich nur ein Student, der sah, wie Artefakte, Kunst, Kultur zurückgelassen wurden und fand glücklicherweise andere, die das genauso beunruhigte."
Stiftungen und Privatleute unterstützten Jampols Museums-Vision. Die Sammlung wuchs durch Spenden und gezieltes Akquirieren. Vor allem Wissenschaftler und Künstler nutzten das Archiv. Die Museumsräume eigneten sich nur für Mini-Ausstellungen. Der Fundus beeindruckte selbst den Berliner Bürgermeister der Wendezeit, Walter Momper, der den Bestand vor Kurzem zum ersten Mal sah.
"Das Lager, was wir da an Objekten gesehen haben, das hat uns umgehauen", sagt Momper.
Bei einer Baustellen-Tour des neuen Standorts sah er eine große Zukunft für das Wende Museum voraus.
"Tolle Leistung und eine super Idee, hier auf der anderen Seite der Welt sozusagen so ein Museum zu machen. Ich glaube, das wird laufen. Das wird die Amerikaner sehr interessieren", meint Momper.
Eine vielversprechende erste Ausstellung
Nun entfaltet die Sammlung ihre Wirkung im lichtdurchfluteten Ausstellungsraum. Das Modell für Berlins Ernst-Thälmann-Skulptur ist Blickfang und Anker der ersten Ausstellung, die sich dem Thema "Space" widmet. Von "Grenzort" mit Gesichtserfassungsstudien der Volkspolizei über sozialistische Propagandabilder im "Öffentlichen" sowie systemkritischen Gemälden und Fotos im "privaten Raum" zum "geheimen Ort" mit einem Stadtplan von Berlin, in den die DDR-Regierung Invasions-und Besatzungspläne einzeichnete - Jampol schaut glücklich zu den unter der Decke hängenden Flaggen.
"Wir konnten sie bisher nie zeigen. Weil sei einfach zu groß waren für unsere alten Räume. Sie waren immer übereinandergestapelt. Das hat mich zur Verzweiflung gebracht, weil sie so toll sind. Sie sind diplomatische Geschenke oder von Jugendkollektiven bestickt. Jede hat eine eigene Geschichte."
Im Gang neben dem Ausstellungsraum freut sich Kurator Joes Segal, dass dort endlich das Licht hinter den Glasscheiben funktioniert. Hier ist Archivmaterial ausgestellt: Kleidung und Spielzeug, Leninstatuen und Straßenschilder, Speisekarten und Poesiealben. Bücher aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion laden Besucher zum Stöbern ein. Chefkurator Joes Segal:
"Sie können schmökern und die Bücher dann wieder zurücktun. Das ist das Konzept: Wir sind offen, demokratisch, leicht zugänglich und transparent. Alle sollen sehen, was wir hier tun. Darum geht's."
Wende-Museumsdirektor Jampol kommt mit ersten Besuchern vorbei. Langsam begreift er, was aus seiner Studentensammlung von DDR-Alltagskultur geworden ist.
"Gestern Abend war ich gegen Mitternacht der Letzte im Gebäude, bevor die Frühschicht kam. Ich war allein und plötzlich hatte ich das Gefühl: Das ist tatsächlich ein Museum!"
Sammlung und neues Gebäude haben das Potenzial, aus zeitlicher und räumlicher Entfernung die Geschichte des Kalten Krieges aus einmaliger Perspektive zu betrachten. Die erste Ausstellung ist vielversprechend.
Das Wende Museum in Los Angeles ist seit dem 19.11.2017 geöffnet. Der Eintritt ist frei.