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Neuer alter Diktator
Turkmenistans Präsident lässt sich bestätigen

Turkmenistan wird in einem Atemzug mit Nordkorea genannt. Das zentralasiatische Land mit offiziell 6,7 Millionen Einwohnern ist abgeschottet gegenüber dem Rest der Welt. Am Sonntag will sich Präsident Gurbanguly Berdymuchamedow im Amt bestätigen lassen - bei einer Wahl, die diesen Namen nicht verdient.

Von Gesine Dornblüth | 11.02.2017

Der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdymuchamedow: Oppositionelle verschwinden in seinem Land in Gefängnissen.
Der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdymuchamedow: Oppositionelle verschwinden in seinem Land in Gefängnissen. (imago/ZUMA Press)
Akmuhammet Baichanow sitzt in einer Einzimmerwohnung in einem Hochhaus im Moskauer Umland und singt von den Bergen und Weiten Turkmenistans. Der 50-Jährige ist vor vier Jahren von dort geflohen. Die Laute aus Maulbeerholz gehört zu den wenigen Dingen, die er aus seiner Heimat mitnehmen konnte. Fünf Jahre saß der ehemalige Fabrikdirektor in Turkmenistan im Gefängnis, verurteilt, weil er während einer Geschäftsreise nach Moskau einen turkmenischen Oppositionellen getroffen und das anschließend nicht den Behörden mitgeteilt hatte. Unterlassenes Zutragen heißt das im turkmenischen Strafgesetzbuch.
"Im Gefängnis habe ich gesehen, wie Mithäftlinge verprügelt wurden, Woche für Woche. Einige sind an den Folgen gestorben. In den Nachbarzellen habe ich sie fallen und stöhnen hören."
Baichanow kam 2007 frei. Danach durfte er weitere fünf Jahre das Land nicht verlassen. Viele andere Regimekritiker sind immer noch in Haft oder verschwunden. Dabei gibt sich der Präsident, Gurbanguly Berdymuchamedow, bei Auftritten im westlichen Ausland als Reformer.
Der turkmenische Dissident Akmuhammet Baichanow.
Der turkmenische Dissident Akmuhammet Baichanow. (Deutschlandradio / Gesine Dormblüth)
Bei einem Staatsbesuch in Berlin im vergangenen August versprach er, ausländische Inspekteure ins Land zu lassen, die die Zustände in den turkmenischen Gefängnissen überprüfen sollen. Das Auswärtige Amt in Berlin stellt denn auch fest, die Menschenrechtslage in Turkmenistan habe sich unter Berdymuchamedow "tendenziell verbessert". Zur Präsidentenwahl an diesem Sonntag wurden tatsächlich erstmals Kandidaten von drei Parteien zugelassen. Doch all das sei Augenwischerei, die Mitbewerber seien in Wirklichkeit gar nicht oppositionell, sagt Akmuhammet Baichanow. Er schaltet seinen Computer an, zeigt ein Internetvideo.
Der Präsident ist zu sehen: In Pullover und Steppweste steht er in der Steppe. Ein alter Mann mit Pelzmütze hält ein Paket in den Händen, bedankt und verneigt sich. Es sind Bilder des Staatsfernsehens.
"Sie spielen Wahlkampf. Der Präsident persönlich bringt den Schafhirten Geschenke. Und die Hirten versprechen dem Präsidenten vor laufenden Kameras: Wir werden Sie wählen. Er kauft die Leute."
"Der Herrscher gilt als von Gott gegeben, die Menschen passen sich an"
Die meisten Menschen in Turkmenistan leben in Armut. Das Land verfügt zwar über große Gasvorkommen und exportiert Gas. Die Einnahmen flossen aber bisher vor allem in die Hauptstadt Aschchabad, in ein Tourismuszentrum am Kaspischen Meer, in einen neuen Flughafen. Seit der Gaspreis gesunken ist, habe sich die soziale Lage weiter verschlechtert, berichten Exil-Turkmenen. Proteste werde es trotzdem nicht geben, meint der Moskauer Zentralasien-Experte Arkadij Dubnow:
"Die Bevölkerung Turkmenistans ist traditionell geprägt. Der Herrscher gilt als von Gott gegeben, die Menschen passen sich an. Sie sind damit beschäftigt, ihre Familie zu versorgen und ihren Kindern ein Mindestmaß an Bildung zu sichern. Es gibt praktisch keine Bedrohung für das Regime."
Der Dissident Akmuhammet Baichanow hat eine Widerstandsbewegung von Exil-Turkmenen gegründet. Er glaubt, dass das Regime ihn deshalb bis nach Moskau verfolgt. Drei Mal schon wurde er dort von Unbekannten angegriffen. Sie sprachen Turkmenisch. Und auch seine Familie hat Schwierigkeiten. Sie lebt noch in Turkmenistan. Der Bruder wurde vom Geheimdienst vorgeladen und bedroht: Er solle Baichanow zum Schweigen bringen, sonst werde es schlimm enden.
"Aber ich habe meiner Mutter vor meiner Abreise gesagt: Ich werde für Freiheit und Gerechtigkeit der Turkmenen kämpfen. Sie hat mich gesegnet und gesagt: Mein Sohn, du hast das Gefängnis überlebt. Das heißt, du musst den Kampf fortführen, für die, die es nicht geschafft haben oder die noch im Gefängnis sind."