Samstag, 28. Mai 2022

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Neuer Pakt gegen Lese- und Schreibschwäche

Die Bundesbildungsministerin will ein Bündnis gegen Analphabetismus schließen. Dass es im kommenden Jahr neue Projekte im Kampf gegen Lese- und Schreibschwäche geben wird, begrüßt Peter Hubertus. Wichtiger sei jedoch, so der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung, dass die Hilfsangebote auch wahrgenommen werden.

Peter Hubertus im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel | 27.12.2011

Ulrike Burgwinkel: Ein Bündnis gegen Analphabetismus will sie schmieden, einen Qualitätspakt schließen: Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat heute erneut zum Kampf gegen Lese- und Schreibschwäche aufgerufen, gegen den funktionalen Analphabetismus. Kein unbekanntes Terrain für Peter Hubertus. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung. Guten Tag, Herr Hubertus!

Peter Hubertus: Guten Tag, Frau Burgwinkel!

Burgwinkel: Sie begrüßen sicher die Offensive von Annette Schavan, aber was muss den Ihrer Meinung nach konkret getan werden?

Hubertus: Wir haben ja schon seit mittlerweile 30 Jahren in Deutschland das Wissen darüber, es gibt funktionale Analphabeten, es gibt Menschen, die trotz Schulbesuchs nicht richtig lesen und schreiben können, vielleicht allenfalls so gut wie jemand in der ersten oder zweiten Klasse das beherrscht. Das reicht natürlich überhaupt nicht aus, und man muss sagen, der Bund hat vor allen Dingen in den letzten Jahren auch eine ganze Menge getan. Das war vor allen Dingen Projektförderung, und das ist auch etwas, was jetzt ja auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gerade wieder angekündigt hat: Im nächsten Jahr wird es neue Projekte geben. Das ist auch gut so, Projekte zum Bereich Grundbildung und Arbeitswelt. Aber wir müssen natürlich auch etwas anderes haben als Projekte, denn wir haben eigentlich gar kein Erkenntnisdefizit mehr. Wir wissen, weshalb es in Deutschland dieses Problem gibt, wir wissen, welche Hilfsangebote es geben muss – wir haben ein Umsetzungsproblem, wir müssen eigentlich die Partner gewinnen, damit Menschen eine Chance haben, jetzt auch Lesen und Schreiben zu lernen, und wir müssen sie natürlich auch ermutigen, solche Hilfsangebote wahrzunehmen.

Burgwinkel: An welche Partner denken Sie denn da, Herr Hubertus?

Hubertus: Der Bundesverband hat ja vor vielen Jahren auch gerade mit den TV-Sendern eine groß angelegte Kampagne durchgeführt, Fernsehspots, in denen wir darauf aufmerksam gemacht haben, es gibt das Problem des funktionalen Analphabetismus, wer betroffen ist, kann etwas tun, er kann Lese- und Schreibkurse besuchen, und das Alphatelefon ist ja die zentrale Anlaufstelle, wo man sich beraten lassen kann und auch erfahren kann, wo gibt es solche Kurse. Und so etwas ist auf jeden Fall auch wieder erforderlich jetzt für die nächste Zeit. Wir brauchen nicht nur mehr Kurse, denn wir haben ja das Problem, dass angesichts der 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten höchstens 20.000 Menschen im Moment die Kurse besuchen. Ja, wir müssen also erreichen, dass wir auch die, die noch nichts von den Kursen wissen, und natürlich auch die, die von den Kursen wissen, aber noch gar keinen Mut aufgebracht haben, Hilfsangebote wahrzunehmen, ansprechen, und ihnen zeigen, was sie auch für ihr persönliches Leben tun können, und das sie bereichert, wenn sie solche Kurse besuchen, wenn sie sich auf den Weg des Lernens begeben.

Burgwinkel: Sie haben vorhin mehrfach Projektförderung erwähnt, und es klang durch, dass Sie damit nicht so ganz zufrieden sind. Es scheint, dass Dauerförderung angemessener sei.

Hubertus: Ja, Dauerförderung ist ganz wichtig. Wir müssen eben auf Dauer doch eine bestimmte Basis haben, auf der das Haus der Alphabetisierung in Deutschland errichtet wird. Das ist in anderen Staaten ja ein ähnliches Phänomen. Es gibt auch dort Menschen mit unzureichender Grundbildung, aber es gibt verlässliche Strukturen, und es gibt natürlich auch Programme, die von staatlicher Seite unterstützt werden. Wir haben in Deutschland das Problem, dass der Bund ja eigentlich für Bildung nicht zuständig ist und deshalb eben nur diese Projektförderung betreiben kann. Die Bundesländer, die machen mehr oder weniger ein Unterstützungsangebot für Einrichtungen, die auch Lese- und Schreibkurse anbieten, aber es gibt eigentlich keine verzahnte Strategie, und das ist etwas, was nicht nur projektbezogen sein kann. Wir haben im nächsten Jahr das Ende der Welt-Alphabetisierungs-Dekade der Vereinten Nationen. Zehn Jahre gab es dann die Welt-Alphabetisierungs-Dekade. Am Anfang war das Ziel, auch von Frau Schavan, ausgerufen, die Zahl der Analphabeten weltweit und auch in Deutschland zu halbieren. Anfangs hatten wir noch von der Schätzung vier Millionen Erwachsene in Deutschland, die funktionale Analphabeten sind, gesprochen. Seit Anfang 2011 wissen wir, es sind 7,5 Millionen. Wir haben also gar keine Zahl reduzieren können, sondern wir wissen jetzt präziser, es sind doch viel mehr, als wir bisher erwartet haben. Was wir brauchen, ist eine nationale Alphabetisierungsdekade vielleicht für die nächsten zehn, zwölf Jahre, denn das ist ein Phänomen, was sicherlich nicht von heute auf morgen dann beseitigt werden kann.

Burgwinkel: Es gibt viel zu tun. Vielen Dank für das Gespräch!

Hubertus: Gerne!

Burgwinkel: Peter Hubertus, der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung war das in "Campus & Karriere".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.