Mittwoch, 08. Dezember 2021

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Neuordnung der Berliner Museen

Statt von der alten Idee des Museums auszugehen und nur die "Crème de la Crème" zu zeigen, habe man in Berlin schlicht alles gesammelt und sei in die Breite gegangen, kritisiert der DLF-Kulturredakteur Stefan Koldehoff. Die Folge: überquillende Museen ohne erkennbare Ordnung.

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Michael Köhler | 29.06.2012

Michael Köhler: Die Idee ist nicht neu, aber das Geld dafür ist neu. Kulturstaatsminister Neumann hat zehn Millionen Euro locker gemacht und im Nachtragshaushalt frei bekommen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat mit ihren Sammlungen jetzt neues vor. Die Altmeistersammlung am Berliner Kulturforum soll künftig in, so heißt es wörtlich, "komprimierter Weise" gezeigt werden. Ich habe meinen Kollegen Stefan Koldehoff gefragt, was ist denn da geplant? Soll die Gemäldegalerie ausgeräumt werden?

Stefan Koldehoff: Ja das ist in der Tat der Plan. Wir reden vom Neubau der Gemäldegalerie, der vor 14 Jahren eröffnet wurde – am Potsdamer Platz, in Sichtnähe zur neuen Nationalgalerie. Da, ist man nun der Meinung, seien die alten Meister fehl am Platze, da gehöre auch Moderne hin, nämlich 20. Jahrhundert, und um dafür Platz zu haben, möchte man die alten Meister verlagern. Damit einfach mal als Grundlage klar ist, worüber wir sprechen: Wir reden über eine der bedeutendsten Altmeistersammlungen weltweit.

18., 19. Jahrhundert wurde begonnen mit dem Sammeln. Wilhelm von Bode hat ganz systematisch Sammler, viele jüdische Sammler übrigens, überzeugt, fantastische Bilder dort hinzugeben, und so gibt es denn heute Meisterwerke von Tizian und Rubens und Rembrandt und Lucas van Leyden und Frau Angelico und Sebastiano del Piombo und, und, und, und die brauchen jetzt eine neue Heimstatt. Und da ist man eben der Meinung, weil man brav kategorisieren will, die Moderne ans Kulturforum auf dem Potsdamer Platz, die alten Meister künftig konzentriert auf die Museumsinsel. Da gibt es aber eigentlich gar keinen Platz mehr, höchstens vielleicht im Bode-Museum. Um da den Platz zu schaffen, muss dann aber die Hälfte der jetzigen Bestände weg und es kann nur die Hälfte der Gemäldegalerie rein. Also wenn Sie von einer komprimierten Sammlung sprechen, dann würde ich eher von einer kastrierten Sammlung sprechen.

Köhler: …, oder reduziert, massiv reduziert. Ist da also ein großer Bilderumzug geplant? Die Moderne soll, wenn ich das richtig verstanden habe, in die Gemäldegalerie, die alten Meister ins Bode-Museum. Was steht kulturpolitisch dort für eine Absicht dahinter, also lieber Picasso und Warhol zu zeigen, statt Velazquez und Tizian?

Koldehoff: Man muss da, glaube ich, zwei Dinge sehen: einmal sicherlich einen marketingtechnischen Aspekt. Es ist leichter, den Leuten zu sagen, so, hier habt ihr konzentriert alles bis zum ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhundert, nämlich auf der Museumsinsel, und wer das Modernere will, der geht bitte künftig an den Potsdamer Platz, also sozusagen klare Wegweiser im kulturellen Berlin. Das ist das eine.

Das andere, was man betrachten muss, ist aber auch eine meiner Meinung nach völlig verfehlte Ankaufs- und Museumspolitik in Berlin in den vergangenen Jahren. Man hat einfach alles genommen und gesammelt und angekauft, was nur kam, und zwar nicht, wie zu Wilhelm von Bodes Zeiten, in einzelnen herausragenden Werken, sondern gleich ganze Sammlungen en Block: die Sammlung Marx, die Sammlung Flick, die Sammlung Scharf mit Surrealisten, jetzt noch eine andere Surrealisten-Sammlung, für die auch im Vertrag steht, sie müsse gezeigt werden, dann hat man die Sammlung Berggruen angekauft – alles durchaus gute Sammlungen, nicht in allen Stücken, auch in großen Sammlungen ist manchmal Mittelmäßiges oder Zweitrangiges dabei, aber oft eben mit der Verpflichtung, dafür auch Raum zu schaffen, und an diesem Raum fehlt es einfach.

Also statt von der alten Idee des Museums auszugehen, nämlich sozusagen die Crème de la Crème zu zeigen, auszuwählen, ist man in die Breite gegangen. Das war vor allen Dingen Peter-Klaus Schuster, der inzwischen ausgeschiedene Generaldirektor der Berliner Museen, und dessen Nachfolger haben jetzt eben zu gucken, wie diese Probleme gelöst werden. Man hofft darauf, dass es noch einen Neubau geben wird, nämlich ebenfalls am Rande der Museumsinsel, angedockt durch eine Brücke, wo man allerdings mal erst schauen muss, ob die überhaupt in diesem denkmalträchtigen Umfeld gebaut werden darf – ein ehemaliges Kasernengelände.

Dort hofft man, noch Platz zu schaffen, auch für die alten Meister. Sollte das allerdings jemals – geschätzte Kosten 150 Millionen Euro, tatsächliche Kosten wahrscheinlich mindestens das Doppelte – zustande kommen, dann will man (und auch das wäre einigermaßen einmalig und vollkommen unsinnig) die alten Meister nicht etwa ideengeschichtlich aufteilen, sondern schlicht geografisch: Nördlich der Alpen bleibt im Bode-Museum, südlich der Alpen kommt rüber in diesen eventuell mal entstehenden Neubau.

Statt das alles sinnvoll im ohnehin umstrittenen, neu zu bauenden Schloss oder der Schloss-Kopie unterzubringen und damit dann alles zusammen an einem Ort zu haben als Bildungsort, und das sehr umstrittene Konzept, das es jetzt fürs Humboldt-Forum gibt, einfach mal in den Wind zu schießen, jetzt also die Idee, mal erst halbieren, mal erst die Hälfte ins Depot, später vielleicht wieder neuer Anbau und, und, und und. Absolut unausgegoren, absolut unverständlich.

Köhler: …, sagt Stefan Koldehoff zur Neuordnung einiger Berliner Museen.