
Die Diagnose Alzheimer ist für Betroffene meist ein Schock. Sie bedeutet einen mehr oder weniger schnell fortschreitenden Verlust von Gedächtnis und Selbstständigkeit. Umso größer sind die Hoffnungen, die auf neuen Medikamenten ruhen.
Seit gut einem Jahr sind in Deutschland Lecanemab und Donanemab verfügbar. Erste Patienten werden bereits damit behandelt. Doch die Mittel könnten schon bald wieder vom Markt verschwinden. Es geht dabei auch um eine Kalkulation: Steht der Nutzen in einem angemessenen Verhältnis zu den Kosten?
Wie neue Alzheimer-Medikamente wirken und wie verträglich sie sind
Ein typisches Zeichen für eine beginnende Alzheimer-Erkrankung ist das Eiweiß Amyloid, das sich an Nervenzellen im Gehirn ablagert. An diesen schädlichen Eiweißablagerungen setzt der Antikörper Lecanemab an. Körpereigene Immunzellen können das Amyloid dann besser erkennen und abbauen. Ähnlich wirkt ein zweiter in Deutschland angewendeter Wirkstoff: Donanemab.
Nach Schätzung des Alzheimer-Forschers Frank Jessen werden deutschlandweit rund 1.500 Patientinnen und Patienten mit der neuen Therapie behandelt. "Wir sehen eine sehr gute Verträglichkeit, viel besser als erwartet nach den Studien", sagt der Chefarzt der Psychiatrie an der Uniklinik Köln. Ähnliches zeigen auch Daten aus Italien.
Dass Nebenwirkungen so selten auftreten, könnte vor allem einen Grund haben: In Europa dürfen nur bestimmte Menschen die neuen Anti-Amyloid-Medikamente erhalten. Die Zulassungsbehörde hat die Vorgaben streng gefasst, um das Risiko für Hirnblutungen und -schwellungen zu senken, die in Studien aufgetreten waren. Wer besonders gefährdet ist, lässt sich vorab per Gentest erkennen.
Lecanemab und Donanemab: Was aktuelle Studien belegen
Durch die Entfernung von Amyloid-Ablagerungen soll der Krankheitsprozess verlangsamt werden. Dafür sprechen Daten über einen Behandlungszeitraum von 48 Monaten, so der Psychiater Frank Jessen, der auch die Hersteller von Lecanemab und Donanemab regelmäßig berät.
Allerdings sind diese Langzeitdaten bislang weder vollständig veröffentlicht noch unabhängig begutachtet. Belastbarer ist die Datenlage für die ersten drei Jahre. Demnach scheinen die Medikamente die Alzheimererkrankung um rund sechs bis neun Monate zu verlangsamen.
In den Langzeitstudien fehlen zudem zufällig ausgewählte Placebo-Gruppen. Stattdessen werden die behandelten Personen mit Patientengruppen aus früheren Alzheimer-Beobachtungsstudien verglichen. Das kann das Ergebnis verzerren.
Das Institut für die Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sieht bei Lecanemab und Donanemab keinen Zusatznutzen zu bereits etablierten Behandlungsmethoden. Dabei stützte sich das IQWiG auf die Daten aus den Zulassungsstudien. Diese placebokontrollierten Studien zeigen, dass die Medikamente die Alzheimerkrankheit statistisch leicht ausbremsen können. Ob dieser Effekt den Betroffenen spürbar hilft, ist unter Experten umstritten.
Krankenkassen kalkulieren Kosten und Nutzen
Noch bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland die Behandlung. Das ist im ersten Jahr der Zulassung üblich. Allerdings verhandeln sie mit den Herstellern über einen neuen Preis. Scheitern die Gespräche, könnten die neuen Medikamente wieder vom deutschen Markt verschwinden.
Bei den Verhandlungen orientieren sich die Krankenkassen an den Gutachten des IQWiG. Dass es eine Debatte um den Zusatznutzen der Medikamente gibt, erklärt Frank Jessen so: "Das liegt daran, dass die Effektgröße genau an der Grenze liegt, wo die einen sagen würden, das ist gut, und die anderen sagen, das ist zu wenig."
Auch in Großbritannien wird über die Therapie diskutiert. Der staatliche Gesundheitsdienst NHS übernimmt die Kosten derzeit nicht. Wer die Behandlung mit Lecanemab möchte, muss sie privat bezahlen. Nach Meinung des Molekulargenetikers John Hardy sollten aber Ärzte über den Einsatz entscheiden. Auf Hardys langjährige Forschung geht die Entwicklung der neuen Medikamente maßgeblich zurück.
Der Psychiater Rob Howard verweist dagegen auf das Verhältnis von Risiken, Kosten und Nutzen. Die "harte Wahrheit" sei, dass Patienten "sehr wenig erwarten" könnten, so Howard. Die Kosten betragen dagegen 50.000 bis 80.000 Pfund für jeden Patienten. Das entspreche dem Jahresgehalt einer Krankenschwester.
Wie Alzheimer bisher behandelt wird
Nach Angaben Rob Howards lässt sich bereits viel mit den sogenannten Acetylcholinesterasehemmern erreichen. Sie sind seit Jahrzehnten verfügbar und mittlerweile sehr günstig. Howard kritisiert, dass sie zu selten eingesetzt würden.
Alzheimer-Medikamente aus dieser Gruppe unterstützen das Gedächtnis, indem sie die Menge eines Botenstoffs im Gehirn erhöhen. Der Effekt ist aber Studien zufolge überschaubar. Anders als Lecanemab und Donanemab zielen diese Mittel nicht auf die Amyloid-Ablagerungen ab. Der Krankheitsprozess wird also nicht aufgehalten. Ergänzend können Angebote wie Logo- und Ergotherapie Patienten dabei unterstützen, so lange wie möglich selbstbestimmt zu leben.
Der Psychiater Frank Jessen warnt vor der Vorstellung, es gebe eine "Magic Bullet", mit der Alzheimer zu besiegen sei. Der Fortschritt komme schrittweise; künftig könnten Kombinationstherapien größere Effekte erzielen.
Radiobeitrag: Lukas Kohlenbach, Onlinetext: Beate Thomsen















