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StartseiteRock et ceteraSeltsam erhebend03.07.2016

Neuseeländer Marlon WilliamsSeltsam erhebend

Ein mit Bachs Matthäus-Passion sozialisierter Chorknabe entdeckt Country-Musik und mischt sie mit Maori-Harmonien seiner Heimat Neuseeland: Marlon Williams. Sein Solo-Debüt besticht durch frühen Rock'n'Roll, alte Mörderballaden, fast vergessenen Folk. Düsteren Sujets entlockt er dabei eine seltsam erhebende Stimmung.

Von Jörg Feyer

Der neuseeländische Singer/Songwriter Marlon Williams zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Der neuseeländische Singer/Songwriter Marlon Williams zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Der Laie genießt, die Fachwelt sucht staunend die richtige Schublade – für Marlon Williams.

Musik: Marlon Williams -”Dark Child"

Der 25-jährige Neuseeländer kennt sich mit Bachs Matthäus-Passion und dem Harmoniegesang der Maori ebenso gut aus wie im Songbook von Hank Williams. Und sagt, Songs zu schreiben, das sei für ihn immer noch so ähnlich wie Zähne ziehen.

Musik: Marlon Williams -”Hello Miss Lonesome"

Darf man sein schlicht "Marlon Williams" betiteltes Solo-Debüt unter Country einsortieren? Nicht wirklich.

Wie alternativ auch immer: Wenn Marlon Williams seine im Kirchenchor geschulte Tenor-Stimme in düsteren Mörderballaden und dunklen Kinderschicksalen versenkt, klingt das oft genug: "Seltsam erhebend"

Großartig sei der Abstecher nach Europa bisher gewesen, sagt Marlon Williams. Vier Shows in England, dann Rotterdam, Berlin, und heute eben hier in Hamburg. Positive Resonanz allerorten. Nach seinen ersten Solo-Stippvisiten sei es vor allem schön, die Songs jetzt mit Band präsentieren zu können.

Und so schallte mir denn auch ein mehrstimmiges, sehr vertrautes "Hey, Hey, Hey!!” entgegen, als ich den Nochtspeicher auf St. Pauli betrat. Marlon Williams und die Yarra Benders, seine Dreimann-Formation, waren noch beim Soundcheck und versuchten gerade "Keep On Runnin‘" einzustudieren. Später werden sie den alten Hit der Spencer Davis Group zum ersten Mal öffentlich spielen. Nicht als Zugabe, wie man vermuten könnte, sondern einfach mal so mittendrin. Auch an den Anfang seines Konzerts stellte der Neuseeländer ein Lied, das er nicht selbst geschrieben hat. Freilich ein kaum vertrautes: "Silent Passage."

Musik: Marlon Williams - "Silent Passage"

"Silent Passage", im Original ein Song von Bob Carpenter. Bob Wer? Bob Carpenter ist ein kanadischer Folkie, der gerade mal ein Album veröffentlichen konnte, 1974 war das. Mit seiner stilsicheren, breitgestreuten Coverauswahl bringt dieser Marlon Williams selbst Menschen ins Schleudern, die sehr viel Musik hören und kennen.

"Jeder mag es doch, Musik für andere Leute zu spielen, die diese vermutlich noch nicht gehört haben. Das ist ein Aspekt. Und dann ist es so, dass ich gern ein paar Covers dazwischenschiebe, um das Ego rauszunehmen. Um letztlich eine Setlist zu haben, bei der du nicht unbedingt weißt, wer jetzt was geschrieben hat. Ich mag das Unpersönliche daran. Songs schreiben und sie zu singen, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge für mich. Du musst jeden Song interpretieren, als ob er brandneu und fremd wäre, egal, ob du ihn selbst geschrieben hast oder nicht." 

Williams wuchs privilegiert auf, zumindest was Musik und Kunst angeht. Die Mutter ist Malerin, der Vater spielte in Punk-Rock-Bands. Da lief es schon früh auf eine Musiker-Laufbahn hinaus.

"Es gab nicht so viele andere Dinge, bei denen ich gut war. Mit 5 fing ich an, Geige zu spielen. Eigentlich wäre mir Trompete lieber gewesen, aber darauf musste ich warten, bis meine Zähne alle richtig gewachsen waren. Nein, ich habe nie ernsthaft erwogen, etwas anderes zu machen. Ich hab also Glück, dass es für mich so gut hingehauen hat."

Musik: Marlon Williams - "After All"

"After All" von Marlon Williams. Als Background-Sänger: Ein gewisser David Williams. Ja, das ist sein Vater, der seinen Sohn schon früh auf die Americana-Schiene gesetzt hatte, gipfelnd wohl in dieser Hank Williams-Platte, die er zum 12. Geburtstag geschenkt bekam.

"Zuerst kam Gram Parsons. Nein, zuerst kam The Band: "Music From Big Pink”. Und dann Gram Parsons. So bewegte ich mich immer mehr rein in diese Musik. Aber mein Vater ging da sehr subtil vor. Erst später kamen die ganz alten Sachen. Hank Williams. Die Stanley Brothers und Bluegrass."

Tragische Welt der Country-Ikone

Mit dieser musikalischen Grundversorgung hat sich Marlon Williams damals weder besonders privilegiert noch als Außenseiter unter Seinesgleichen gefühlt. Doch am Rande der Pubertät schon die durchaus tragische Welt der Country-Ikone Hank Williams zu betreten, kann ja durchaus herausfordernd gewesen sein - emotional gesehen.

"Country ist ja als Musikform sehr stark um gewisse Strukturen und Archetypen gebaut. Und wenn Hank singt: "Ich bin so einsam, ich könnte losheulen" - dann ist das für mich nicht so hart wie es vielleicht klingt. Klar, es ist traurig und mürrisch. Aber es wiegt doch nicht so schwer wie in anderen Musikformen mit einer emotionalen Intensität."     

Das klingt einerseits nicht wie eine Erkenntnis, die man für gewöhnlich schon mit Zwölf haben kann. Passt aber zu einem Sänger, dessen Songs oft einen seltsam erhebenden Effekt haben, gerade da wo sie düstere Sujets behandeln. Denn letztlich hält es Marlon Williams mit dem deutschen Regisseur Tom Tykwer, der kürzlich sinngemäß sagte: Kunst zu machen, sei immer ein optimistischer Akt. Oder anders: Was soll der ganze Zirkus, wenn man nicht doch irgendwie an ein besseres Morgen glauben kann.

"Es ist so wichtig, diese Sachen mit einem gewissen Unernst rüberzubringen. Sonst können sich das die Leute einfach nicht über längere Zeit anhören, und es verliert seine Resonanz. Da muss immer ein humanistischer Kern sein, sonst verliert es seine Funktion. Und das kannst du fühlen, in der Musik selbst."  

Verstörend genug

Für die handelsüblichen Zeremonien des Musikgeschäfts bleiben seine Songs aber schon noch verstörend genug. Man kann sich etwa auf YouTube anschauen, wie Marlon Williams "Dark Child" singt, im November 2015 bei den neuseeländischen Music Awards. Das ist nicht nur toll neu arrangiert, nur mit Akustik-Gitarre und zwei Bläsern. Großartig ist vor allem, wie Williams es schafft, da oben in der riesigen Vector Arena in Auckland, ganz konzentriert bei sich und diesem Song zu bleiben. Umkreist von aufgeregt-gelangweilten Teenagern, die schon ungeduldig den nächsten Hit-Budenzauber erwarten. Selten schien ein Lied weniger zum Ambiente zu passen. Doch Marlon Williams sagt:

"Ich hab mich sehr gut gefühlt damit. So, als ob ich einen Ball knapp neben dem Pfosten ins Tor gemogelt hätte. Ich war ziemlich überrascht, dass sie mich gefragt hatten, diesen Song da zu singen. Aber sie wollten das unbedingt. Zwischen den ganzen HipHop-Bands, mit dem ganzen Licht. Vermutlich war so ein ungeschminktes Zwischenspiel gut für die Dramaturgie des Abends.             

Musik: Marlon Williams -"Dark Child"

"Der Geruch brennender Kohle. Die Geräuschkulisse des Hafens. Kräne, die ineinander krachen. Arbeiter, die Kisten abstellen. Natürlich gibt es noch kompliziertere Assoziationen. Aber dies sind die Oberflächlichen. Auch die Berge drumherum. Und dieser natürliche Hall im Amphitheater, das in einem alten Vulkan liegt. Da ist alles ganz eng beieinander.

Musikalischer Ziehvater

Marlon Williams zählte auf, was ihm, backstage vor einem Konzert in Hamburg, auf Anhieb einfällt, wenn er an Lyttelton denkt. Lyttelton mit y. Hafenstädtchen auf der Südinsel Neuseelands mit rund 3.000 Einwohnern, bis ins größere Christchurch sind es nur zwölf Km. In Lyttelton ist er geboren und aufgewachsen. Dort lernte er früh auch schon Tim Moore kennen, den Co-Autor von "Dark Child". Wie Marlon Williams freimütig erzählt.

"Tim war damals im anglikanischen Kirchenchor, ich im katholischen. Aber wir spielten zu der Zeit auch beide schon in Bands und sind immer noch gut befreundet. Aber ich hab nichts von diesem Song geschrieben, sondern ihm nur die Rechte für die eine Hälfte davon abgekauft. Eigentlich ist "Dark Child" komplett sein Song. Wir sind beide Atheisten, also hielt sich die Rivalität damals im Chor in Grenzen. Aber da war sie schon. Wir sangen jede Menge Bach und das ganze schwere klassische Zeug. Die Bandbreite war groß. Von der  Matthäus-Passion und ganz frühen Liedern bis zu moderner Avantgarde. Es war wunderbar. Und hat mich fünf, sechs Jahre lang jeden Sonntag wieder in die Kirche gebracht. Aber mit der Zeit lernte ich auch die Zeremonie selbst zu schätzen. Es ist einfach ein sehr beruhigender Ort."

An einem weniger beruhigenden Ort in Lyttelton lernte Marlon Williams Jahre später auch seinen musikalischen Ziehvater kennen. Delaney Davidson, Jahrgang 1972, ist eine kleine, lebende Legende in Neuseeland, gerade auch, weil er soviel anderweitig unterwegs war. Als Theatermusiker in Basel. Oder als Schauspieler in Kanada.

Geschlechter-Rollen

"Zwölf Jahre lang ist Delaney zwischen Neuseeland, Europa und Amerika gependelt, und hat dabei keinen Winter gesehen, wie es hieß. Ich kannte ihn nicht, als ich aufwuchs. Dann, mit 16 oder 17, traf ich ihn, als wir beide für die Wunderbar in Lyttelton gebucht waren. Wir beschlossen kurzerhand, dass wir die Show doch gleich zusammen spielen könnten. Also holten wir viele Hank Williams-Songs raus, die wir beide kannten, und ähnliche Sachen. Genug Material, um ein paar Stunden zu spielen. Und weil das so gut klappte, beschlossen wir, eine Platte zu machen, die in dieselbe Richtung geht. Wir nannten sie: "Sad, But True: The Secret History of Country Music Songwriting" Was natürlich ein gewisses Augenzwinkern einschließt. Das vage Konzept war, eine Art Kanon der Country-Musik zu erschließen. Am Ende hatten wir gleich drei Platten damit gemacht."

Die dritte Platte landete Anfang 2014 sogar in der neuseeländischen Top 20. Die Erste hatte zuvor gleich einen Preis als Country-Album des Jahres gebracht. Daraus nun: Marlon Williams und Delaney Davidson mit ”Heaven For You".

Musik: Marlon Williams & Delaney Davidson - "Heaven For You"  

Der Himmel für dich ist ein Gefängnis für mich. Das ist gute, alte Country-Dialektik aus der großen Honky Tonk-Herzensbrecher-Schule, die sich auch im Repertoire eines George Jones bestens gemacht hätte. Doch weil Williams nun mal kein George Jones ist, und seinem klassisch geschulten Tenor so etwas wie "Twang" ziemlich abgeht, entsteht ein kurioser Effekt. Jedenfalls klang Country selten androgyner, seit eine k.d. lang vor 30 Jahren in den Fußstapfen ihres Idols Patsy Cline zu wandeln begann, um die Grenzen des Genres neu auszuloten.

Dieses gender bending treibt Marlon Williams auf seinem Solo-Debüt hübsch auf die Spitze, wenn er das Traditional "When I Was A Young Girl" singt. Auch Nina Simone und Feist haben das schon interpretiert. Übers Geschlecht, so Williams, denke er dabei gar nicht nach. Es komme allein darauf an, sich in die Figur einzufühlen.

Musik: Marlon Williams - "When I Was A Young Girl”  

So sicher Marlon Williams schon in der Auswahl und Interpretation seiner Covers wirkt, so fragil bleibt noch sein eigenes Songwriting. Williams ist das, was der Produzent Bob Ezrin im Gespräch mit Gary Louris von den Jayhawks mal mit feiner Ironie einen – Zitat -  "inspirierten Songschreiber" nannte. Einen also, der zwar eine gute Antenne für die Ideen hat, die da gerade in der Luft liegen. Aber halt auch nicht die Geduld, die Hartnäckigkeit, die Frustrationstoleranz, um die guten Ideen ganz zum Ende zu bringen.

Song-Handwerk

"Ich gehöre definitiv dazu. Es gibt da keinen Prozess, auf den ich bauen kann. Ich bin auch nicht sehr diszipliniert. Es passiert einfach, wenn es passiert. Neulich hatte ich in Austin, Texas eine Woche frei, die ich fürs Schreiben nutzen wollte. Aber meistens ist es wie Zähne ziehen. Ich hab oft Angst, mir Dinge genauer anzuschauen. Dann sind Songs halbfertig, ich werde ungeduldig und werfe sie weg. Oder ich stelle mich damit sogar auf die Bühne und erzähle den Leuten, der Song sei schon fertig. Auch wenn er‘s nicht ist. Ja, ich denke, ich muss mich mehr um den handwerklichen Aspekt des Songschreibens bemühen."

Musik: The Chills - ”Heavenly Pop Hit"

The Chills und ihr "Heavenly Pop Hit" aus dem Jahre 1990. Die Band um Sänger und Songschreiber Martin Phillipps stand damals an der Spitze einer Reihe neuseeländischer Bands, die zumindest vorübergehend auch den Sprung nach Europa und in die USA schafften. Doch der aktuelle Musikexport des Kontinents kreist weniger um Bands, eher um Solo-Künstler und Singer/Songwriter. Wie Marlon Williams. Wie seine Freundin Hannah, die als Aldous Harding auch fleißig durch die Welt tourt. Oder wie Nadia Reid, die kürzlich ebenfalls ein vorzügliches Debüt vorlegte.

Exodus und Rückkehr

"Vielleicht wollen die Leute heute, in einer zunehmend digitalisierten Welt, wieder mehr Intimität spüren. Eine persönliche Verbindung. Zudem ist der Blick nach innen eine gute Möglichkeit, wenn da draußen alles zuviel wird. Aber sicher sagen kann ich das natürlich nicht."

Doch egal, ob Pop-Band oder Solo-Songwriter, eine Konstante ist geblieben für neuseeländische Künstler:

"Irgendwann musst du fortgehen, wenn du eine Karriere als Musiker haben willst. Neuseeland hat nur 4 Millionen Menschen, da kannst du nicht zu oft an denselben Orten spielen. Für mich war es damals auf jeden Fall richtig, nach Australien zu gehen."

Williams ging 2011 nach Melbourne, ist inzwischen aber wieder nach Lyttelton zurückgekehrt. Nicht zuletzt, weil dann doch nur ein vertrauter Begleiter für die Sessions zum Solodebüt in Frage kam.

"Ben Edwards, der die Platte mit mir aufgenommen und produziert hat, ist der einzige Studiotechniker, mit dem ich zusammengearbeitet hatte. Und für das, was ich versuchen wollte, war es wichtig, diese Vertrautheit, dieses Familiäre zu haben. Auch jemanden, der den Wert von Gesang zu schätzen weiß. Denn in der Kultur der Maori, der indigenen Bevölkerung in Neuseeland, gibt es einen dominierenden Harmoniegesang, den ich sehr liebe. Im Studio neige ich dann dazu, es damit zu übertreiben. Da ist es gut, wenn mich jemand wie Ben auch mal bremsen kann. Ja, Crooner haben eine große Tradition bei den Maori. Sir Howard Morrisson ist vermutlich das bekannteste Beispiel. Der singt dann auch mal alte Songs von Jim Reeves. Diese Form der Ballade, gesungen von einem Gentleman, hat einen sehr starken Bezug zur Kultur der Maori. Und da bediene ich mich auch, definitiv.

Musik: Marlon Williams - "I’m Lost Without You"  

"I’m Lost Without You”, im Original 1965 ein Hit für den britischen Rock 'n' Roller Billy Fury. Noch so eine Coverversion, mit der Marlon Williams inzwischen auch das amerikanische Publikum verblüfft hat. Gerade war er mit Sam Beam von Iron & Wine in den USA unterwegs. The Chills haben damals auch Platten in Los Angeles gemacht und sogar eine Westcoast-Größe wie Van Dyke Parks für die Streicherarrangements gewonnen. Ja, sagt Marlon Williams, so eine Session in L.A. oder New York könnte ihn schon mal reizen. Mit der Mentalität im Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten tut er sich indes schwer.

Eklektisches Debüt

"Es war viel die Rede davon, dass da jemand den Honig wieder zu den Bienen zurückbringt, was die Country-Musik angeht. Es gab zum Beispiel diesen Artikel über mich, in dem es hieß, der beste neue Americana-Künstler sei gar kein Amerikaner. Und das ist natürlich toll, so willkommen geheißen zu werden. Aber die Erwartungen der Amerikaner waren auch größer als meine an das Land oder die Auftritte dort. Sie denken dort einfach ganz anders: Karriere hat etwas Absolutes. Da kommen dann Fragen wie: Ist es dein Traum, berühmt in den USA zu werden? Hast du’s geschafft, wenn dies und das passiert? Dieses klassische American Dream-Zeug halt, das so ein großer Teil ihrer Kultur ist. Aber definitiv nichts mit der Kultur von Neuseeland zu tun hat. Das war schon ein bisschen nervig. Abgesehen davon, ist es natürlich wundervoll, dass ich die Möglichkeit habe, durch die USA zu touren. Es fühlt sich fast wie eine Fantasie an, wenn man dann wirklich dort ist. Weil amerikanische Kultur einfach überall ist, vom Fernsehen bis zur Musik."

Die Musik auf seinem Solo-Debüt könnte eklektisch und wahllos wirken, räumt Marlon Williams ein. Andererseits ist da diese Stimme, die das alles auch tragen und transportieren kann.

"Das war die Idee dahinter. Es geht um die Kraft einer Persönlichkeit, die in diesen Songs durch alles hindurchgehen kann. Und am Ende bleibt es immer noch zusammen als ein Stück. Viele Leute brauchen stilistisch bestimmt mehr Zusammenhalt, der dieser Platte vielleicht fehlt. Mein nächstes Album soll spezieller und das genaue Gegenteil werden: Im Prinzip immer derselbe Song, eine halbe Stunde lang. Nur ums mal zu versuchen. Aber als Solo-Debüt sollte diese Platte einfach überall sein. Damit ich jetzt von da aus hingehen kann, wo ich will. Ohne dass jemand deshalb ausflippt.”

Musik:  Marlon Williams - ”Hello Miss Lonesome" 

"Ich hab herausgefunden, dass meine Songs alle zum selben Punkt führen. Weil sie Songs geworden sind, nicht mehr die Idee, die dahintersteckte. Wie Geschichten aus zweiter Hand. Vielleicht ist das auch gefährlich, aber ich fühle nun mal eine gewisse Distanz zwischen mir und meinen Songs." 

Diese Distanz erlaubt es ihm immerhin, sich mit seinen Songs nicht zu langweilen. Zumal sein Album in der Heimat schon fast zwei Jahre draußen ist.

"Da ist es wichtig für die geistige Gesundheit, immer mal wieder neue Sachen darin entdecken zu können. Und das klappt auch. Einiges offenbart sich erst mit der Zeit. Das ist ja das Schöne an Musik. Sie ist auch eine große Leerstelle, die sich mit dem füllen kann, was gerade in deinem Leben von Bedeutung ist. Und da verändert sich ständig etwas.

Musik als Leerstelle

"I’m painting in oil", singt Marlon Williams in seiner Live-Version von Screamin’ Jay Hawkins‘ "Portrait Of A Man". Noch so eine Interpretation, die ihm perfekt steht, es aber noch nicht auf einen Tonträger geschafft hat. So malt dieser Marlon Williams letztlich immer auch ein Stück von sich selbst. Und entgeht dabei doch der Falle eines confessional songwriting, das nur um eigene Befindlichkeiten kreist. Auch wenn gesagt werden muss:

Er schreibe schon bittere Songs, wenn er traurig sei. Wenn er schreibt. Ach, dieses verdammte Songschreiben.

"Ich mag Songs, wenn sie geschrieben sind. Aber das Schreiben nicht. Kommunikation ist das, worum es bei Musik geht. Aber zugleich auch ihr Feind. Nichts ist perfekter als die Idee zu einem Song. Und alles was du dann versuchst ist, das Ganze nicht auseinanderfallen zu lassen. Wieviel von dieser Idee kann ich bewahren, bevor alles zusammenbricht? So denke ich, wenn ich schreibe. Die Musik, die dabei herauskommt, ist oft Mist, verglichen mit dem, was herauskommen könnte."

Auf die Nachfrage, welcher seiner Songs der ursprünglichen Idee dahinter denn am nächsten komme, überlegt Marlon Williams sehr lange. Und sagt dann:

"Everyone’s Got Something To Say" ist für mich der befriedigendste Song, mit dem fühle ich mich am wohlsten. Es war der letzte Song, am letzten Tag im Studio. Ich war total müde und fertig, Hanna schlief schon neben mir. Und da schrieb ich einfach diesen Song darüber wie es ist, müde und fertig zu sein. Ich dachte nicht groß darüber nach, und er fühlt sich immer noch am reinsten von allen an."

Ein großartiger Interpret ist Marlon Williams bereits. Ein großartiger Songschreiber könnte auch noch aus ihm werden – wenn er künftig noch öfter einfach mal so loslassen kann, wie bei "Everyone’s Got Something To Say".

Musik: Marlon Williams - "Everyone’s Got Something To Say"

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