Dienstag, 05. März 2024

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Oberhausener Gasometer
20.000 Quadratmeter Projektionsfläche

Es dürfte einer der deutschen Kunstblockbuster dieses Jahres werden: "Der schöne Schein" im Oberhausener Gasometer mit Reproduktionen von hundert Gemälden, die jeder kennt: die Mona Lisa, Boticellis Venus und Wimmelbilder von Hieronymus Bosch. Ein weiteres Highlight ist die Lichtinstallation "320 Grad" die den Anspruch hat, seinem Publikum "den Boden unter den Füßen wegzuziehen".

Von Peter Backof | 10.04.2014
    Zwei Medienvertreter betrachten am 10.04.2014 in der Ausstellung "Der schöne Schein" im Gasometer in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) die 100 Meter hohe Installation "320° Licht" von Urbanscreen in den Innenwänden des Gasometers.
    Die Ausstellung "Der schöne Schein" im Gasometer in Oberhausen. (picture-alliance / dpa / Matthias Balk)
    320 Grad? Wieso 320 und nicht 360? - Die Differenz, also die 40 Grad, die zum totalen Surround-Gefühl fehlen, das sind genau die Treppenstufen des amphitheatralischen Zuschauerraums Eine Art von Guckkastenbühne: jedoch mit Aussicht auf 20.000 Quadratmeter Projektionsfläche. Das sind vier Fußballfelder, die im abgedunkelten Kreisrund des Gasometers zunächst ein schwarzes Nichts sind. Generalprobe mit Thorsten Bauer, Art Director bei Urbanscreen.
    "Wir sehen ja nicht einfach so. Wir brauchen Licht zum Sehen. Licht konstruiert immer Raum, ist aber auch immer das Medium, welches wir nicht selbst sehen, sondern nur den Gegenstand, der es reflektiert."
    Licht als solches, das ist die Strategie: Zwanzig Minuten dauert die Projektionsschleife. Wir sehen, motivisch simpel, wie aus weißen Lichtpunkten Linien werden, dann Flächen. Und wieder Punkte. Alles weiß, bis grau. Wir sehen vor allem auch: den Gasometer selber. Durch und durch auf diesen Raum bezogen akzentuiert "320 Grad" die Zwiebelringe, die sich in der Architektur übereinanderschichten, hundert Meter hinauf bis zur industriekathedralen Kuppel. Raum und Licht, puristisch und elementar betrachtet:
    "Die Lichtprojektion war schon immer ein mystisches Medium. Und gerade für uns halt, im digitalen Zeitalter repräsentiert es ganz stark diese Oberfläche zwischen realem Raum und virtuellem Raum: Es ist ja nichts, was da real erscheint, es sind Lichtquanten in der Materie."
    Reale Effekte sind faszinierend
    Nichts, was da real erscheint? Die Effekte zwischendurch kommen uns aber dann doch sehr wirklich vor: Die Licht-Zwiebelringe entkoppeln sich irgendwie von der Wand und wir wabern plötzlich in einer riesigen Qualle.
    Oder geometrische Raster ondulieren in unmöglichen Perspektiven, eine Art M.C.-Escher Bild, eine Megacity-Wolkenkratzer-Fassade in 3-D. Plötzlich verdichtet sich das Ganze zur Linie und stürzt zu Boden. Wir spüren die Fallhöhe. In der Magengrube.
    Thorsten Bauer: "Wir beschäftigen uns mit Großbildinszenierungen, arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kunst und Eventkontexten. Das machen wir jetzt seit 8 Jahren. Und haben mittlerweile das Glück, dass wir internationale Anfragen kriegen."
    Urbanscreen ist ein Zehnmannteam aus Bremen: Bühnenbildner, Informatiker oder wie Thorsten Bauer Kulturmanager und Musiker. Technisch ist es Avantgarde: Der gefühlte Schlag in die Magengrube ist mit einem gewöhnlichen Wohnzimmerbeamer nicht zu machen. Für "320 Grad" wurden 21 Hochleistungsbeamer zu einem Gesamtbild zusammengeschaltet, das erst einmal auf den runden Raum hin programmiert werden musste. International bekannt wurden Urbanscreen mit einer ähnlich komplexen Illumination der bekannt zackigen Silhouette des Opernhauses im australischen Sydney. In Bremen haben sie unlängst eine empört engagierte Arbeit über "Kreativwirtschaft" projiziert: Da durfte es dann plakativer werden. Reale Menschen wurden als poppig bunte Performer einbezogen.
    "Wenn man da steht, geht es einundzwanzig mal rauf und runter".
    Gasometer entwickelt ein Eigenleben
    Immer auf den Ort ausgerichtet. Deshalb diese ätherischen Klänge und Bilder: Der Gasometer hat ein Eigenleben, architektonisch wie akustisch. Würde man hier zu bunt oder mit Percussion arbeiten, wäre der Raum zugemüllt, meint Thorsten Bauer. Für ihn spiegelt sich generell technische Innovation in der sich aktuell spannend entwickelnden Lichtkunst: Was ist Lichtquelle, was Projektionsfläche - wenn man mit Beamern, Holografien, die ohne Bildschirm und Display im Raum schweben, oder ganz neuartigen O-LEDS , Lichtquantenstreifen, experimentieren kann? Licht als Zukunftsmedium, mal mit dem Raum, mal gegen ihn projiziert. Auch eine Art Ausblick auf unseren Licht-Alltag in 20 Jahren: In diese Richtung weist 320 Grad. Poetisch, wirkungsmächtig!