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Olympia 2024Roms härteste Olympia-Gegnerin

Ende Juni gewann die Anwältin Virginia Raggi die Bürgermeisterwahlen in Rom. In ihrem Wahlkampf betonte die 37-Jährige immer wieder, dass Olympische Spiele nicht auf ihrer Agenda stünden. Rom habe andere Probleme. Doch überraschend viele Römer wollen Spiele in der ewigen Stadt.

Von Jessica Sturmberg | 10.07.2016

Virginia Raggi, die neue Bürgermeisterin Roms
Virginia Raggi, die neue Bürgermeisterin Roms, sieht die Olympiabewerbung ihrer Stadt kritisch (picture-alliance/ dpa / Alessandro Di Meo)
Olympia ja oder nein? Bisher stellte sich die Frage für viele Römer gar nicht. Die meisten sind begeisterte Sportfans und brennen für Olympische Spiele in der eigenen Stadt. Eine nennenswerte Nolympia-Bewegung gibt es nicht.
Doch nach Raggis Erfolg ist der eine oder andere inzwischen nachdenklich geworden: "Vor drei Wochen hätte ich noch sofort gesagt Olympia auf alle Fälle. Aber ich finde es richtig, wenn Virginia Raggi sagt, sie möchte erst die finanzielle Lage überprüfen. Wenn die Stadt sich das leisten kann, dann ja. Aber wenn nicht, dann finde ich es richtig, dass sie es dann den Bürgern überlässt darüber abzustimmen."
Gerade erst die WM 1990 abbezahlt
Ein solches Referendum hat Virginia Raggi in einem Interview bei Radio Vatikan gerade in Aussicht gestellt. "Wenn die Bürger mich bitten, darüber ein Referendum abzuhalten, werde ich das organisieren. In dem Fall werde ich alle Zahlen auf den Tisch legen, die damit verbunden sind, Gastgeber der Olympischen Spiele zu sein. Wir haben gerade letztes Jahr die letzte Rate von der 92 Millionen Euro teuren Fußball-Weltmeisterschaft 1990 bezahlt. Man kann sich vorstellen, wie hoch dagegen die Kosten für Olympia wären. Diese Events lasten am Ende Jahrzehnte auf den Schultern der Menschen. Aber vor dem Hintergrund, dass Rom hoch verschuldet ist, finde ich es nicht ethisch, der Stadt noch weitere Schulden für die nächsten 30 Jahre aufzubürden. Das ist nicht richtig."
Ein Referendum zu diesem Zeitpunkt? Für das römische Bewerberkomitee undenkbar. Seit einem Jahr arbeitet das Team intensiv an der Bewerbung. Bis Ende des Jahres müssen die vollständigen Unterlagen dem Internationalen Olympischen Komitee vorgelegt werden, erläutert Sprecher Fabio Guadagnini: "Wir haben ehrlich keine Zeit mehr für ein Referendum. Wir haben im Verfahren alle Gesetze und Regeln strikt eingehalten. Wir hatten die volle Zustimmung der vorherigen Stadtregierung. Der Rat hat das mit 44 zu 4 Stimmen genehmigt. Wir haben die volle Unterstützung in der Öffentlichkeit und der italienischen Regierung. Wenn wir jetzt ein Referendum abhalten, wo wir grundsätzlich nichts dagegen haben, aber jetzt ist es wirklich zu spät. Das wäre ein enormer Rückschritt für den ganzen Prozess."
77 Prozent der Römer wollen die Spiele
In dem sich das Bewerberkomitee gerade auf einem guten Weg sieht. Das italienische Nationale Olympische Komitee CONI hatte im vergangenen Monat eine Umfrage in Auftrag gegeben. Demnach sprachen sich 77 Prozent der Römer für Olympische Spiele aus, die Hälfte davon uneingeschränkt. Das wertet Sportmanagement-Professor Dino Ruta von der Universität Bocconi als klares Votum, nachdem die letzte Bewerbung gescheitert ist. Vor vier Jahren zog die damalige italienische Regierung zurück - wegen der Finanzkrise.
Das Logo Roms für die Olympia-Bewerbung 2024
Das Logo Roms für die Olympia-Bewerbung 2024 (dpa / picture alliance / Massimo Percoss)
Mittlerweile hat sich das Land erholt. Und die Situation ist genau umgekehrt, erläutert Ruta: "Jetzt ist das Problem die Stadt und die Regierung unterstützt die Bewerbung. Aber damals war die Situation auch eine andere: die Zinsen für die italienischen Banken waren hoch, Verschuldung teuer und das machte es deutlich einfacherer zu sagen Stopp."
Selbst die Umweltschutzorganisationen signalisieren Zustimmung
Der Sportökonom wirbt dafür, die Bewerbung ohnehin nicht als Kostenfaktor, sondern als Investment zu sehen.
Das Bewerberkomitee erhielt vor einigen Tagen zu seiner eigenen Überraschung einen offenen Brief der fünf größten Umweltschutzorganisationen in Italien. Der Inhalt: Detailkritik zur Olympiastättenplanung mit Alternativvorschlägen zum Beispiel einem anderen Zufahrtsweg für die Ruder- und Kanustrecke.
Aber sonst generelle Zustimmung. Das stimmt Fabio Guadagnini vom Bewerberkomitee zuversichtlich, dass man sich mit Bürgermeisterin Virginia Raggi und ihrer neuen Stadtregierung einig werden könnte, den Bewerberprozess wie geplant fort zuführen.
"Unser Programm hat viele Berührungspunkte mit dem politischen Programm der 5-Sterne-Partei in Bezug darauf, was Rom für die Zukunft braucht. Und wir stimmen vollkommen bei den Prioritäten überein: Keine Sporthallen, die anschließend nicht mehr genutzt werden, eine schlechte Infrastruktur, mangelnde Erreichbarkeit. Das ist den Bürgern und Politikern wichtig und das sehen wir auch so. Dank Agenda 2020 sind wir sicher, dass unser Ansatz mit dieser Perspektive perfekt synchron geht."
Frage ist, ob Virginia Raggi das auch so sieht. Sie hat die Wahl vor allem damit gewonnen, dass sie gegen das Establishment mit seinen verkrusteten Strukturen aufgetreten ist und mehr Transparenz versprochen hat. Die Aussicht auf ein Olympia-Referendum war gewiss bei den meisten nicht wahlentscheidend. Aber Raggis konsequente Haltung dazu könnte für einen Stimmungswandel sorgen.