Freitag, 19. August 2022

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Operetta Research Center Amsterdam
Lustspiel-Entstaubung

Operette mal anders: Jüdische Exilkomponisten, die transatlantische Entwicklung des Genres oder Genderfragen sind einige der inhaltlichen Schwerpunkte des 2006 gegründeten Operetta Research Centers in Amsterdam. Die Institution ist Sammlung, Publikationsforum und Online-Service zugleich.

Von Thomas Beimel | 26.07.2016

    Musik: Nikolai Badinski, Die trunkene Fledermaus
    Ursprünglich hat sich der 1967 in West-Berlin geborene Musikwissenschaftler Kevin Clarke nicht für die Operette interessiert. Der Blick auf das oft stiefmütterlich behandelte Genre des Musiktheaters änderte sich radikal, als er Helga Benatzky traf und mit ihr ein Interview führte zur Arbeit ihres Großonkels Ralph, des Komponisten des "Weißen Rössl":
    "Und am Ende von dem Interview drückte sie mir noch eine CD in die Hand mit "Max Hansen singt… Schlager"! Und da war unter anderem auch die sehr berühmte Aufnahme von ihm dabei als Kellner Leopold, wo er den Titelmarsch "Im Weißen Rössl am Wolfgangsee" singt. Und ich dachte: "Wow! So kann Operette klingen? Und so klingt Operette in Berlin? Und es gibt überhaupt so etwas wie eine Revue- oder Jazzoperette in Berlin, in den 20er, frühen 30er Jahren? Das war mir auch alles völlig neu."
    Musik: Ralph Benatzky, Im weißen Rössl
    Operette als Forschungsfeld
    Plötzlich fügten sich für Kevin Clarke Themenfelder zusammen: Nazidiktatur, Exil – und Operette! Sein erster Forschungsgegenstand waren die transatlantischen Operetten von Emmerich Kálmán, dem Komponisten der "Cárdásfürstin" und der "Gräfin Mariza".
    Aus der eigenen Arbeit weiß er, wie mühsam und auch kostspielig Forschungsarbeit sein kann, insbesondere wenn die Quellen noch nicht digital zugänglich sind. Deswegen beschloss er, Abhilfe zu schaffen und gründete 2006 das "Operetta Research Center" mit Sitz in Amsterdam – und Dependance in Berlin. Dort werden, wie in jedem Archiv, Gegenstände gesammelt: Platten, Bücher, Noten etc… Aber in Zeiten des Internets geht noch mehr:
    "Ich hatte festgestellt im Rahmen meiner eigenen Arbeit, dass es sehr viele Forscher auf der ganzen Welt gibt: also Kurt Gänzl in Neuseeland, und Richard Norton in New York und mich damals in Amsterdam; andere wieder in Bayreuth und in Wien und in was weiß ich wo; dass man die vernetzen könnte miteinander. Weil sehr oft Fragen von Theaterschaffenden oder auch von Sängern kommen: "Ich würde gerne dieses Operettenlied singen, wie komme ich an das Material, wo liegt was, wen muss ich fragen?""
    Mittlerweile ist das "Operetta Research Center" zu einem realen und virtuellen Ort geworden, an dem die soziale und politische Geschichte des musikalischen Lustspiels erforscht wird. Laufend werden auf der Internetseite neue Artikel publiziert. Und fachbezogene Fragen werden weitergeleitet an den jeweiligen Experten der global vernetzten Community. Durch die Forschungsarbeit entsteht ein neues Bild von Operette, das sich auch in aktuellen Produktionen widerspiegelt. Wie in Oscar Straus’ "Eine Frau, die weiß, was sie will" für zwei Personen in zwanzig Rollen, die an der Komischen Oper Berlin zu einem Dauerbrenner geworden ist.
    Musik: Oscar Straus, Eine Frau, die weiß, was sie will
    Neuer Blick auf die Operette
    Die Publikationen und das Online-Angebot des Operetta Research Center schaffen eine neue Perspektive auf das Genre. Auch auf die Wahrnehmung der Anfänge in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Fall von Jacques Offenbach ist besonders interessant. Schon Émile Zolas 1880 entstandener Roman "Nana" schildert, wie die Operettentheater damals in einem Umfeld von Prostitution existierten.
    "Und dann dachte ich: "Ist ja irgendwie komisch. Wieso wird mir jetzt Offenbach als so ein großer Klassiker verkauft, der ja fast so gut ist wie Oper, wenn das eigentlich Musik des Bordells ist?" Wenn man das weiß, hört man auch die Witze ganz anders, dass Helena die schönste Frau der Welt ist, auf der die Hand des Schicksals lastet, und die eigentlich ihren alten Mann irgendwie beiseite lassen will, um dann mit dem jungen Mann Sex zu haben und Ehebruch zu begehen: Das sind ja alles ganz skandalöse Dinge für 1860, in einem katholischen Land wie Frankreich!"
    Und wenn Offenbachs Einakter "Die Insel Tulipatan" verklausuliert, aber doch deutlich, die Frage nach einer gleichgeschlechtlichen Ehe aufwirft, dann war das soziale Avantgarde. Hier ein Ausschnitt aus einer historischen Produktion aus dem Jahr 1962.
    Musik: Jacques Offenbach, Die Insel Tulipatan
    Interessante deutsch-deutsche Entdeckungen
    In der Welt der Operette gibt es immer wieder etwas zu entdecken: auch in der deutschen Nachkriegsgeschichte. In der BRD entstand eigentlich kein neues Repertoire.
    "Ganz anders in der DDR, wo man gesagt hat: Einerseits ja, Pflege von Klassikern; aber Operette ist weiterhin ein relevantes Genre – als unterhaltendes Musiktheater: und da gehören natürlich auch neue Titel dazu, die reflektieren, wie das Leben nun im wunderbaren Sozialismus aussieht, d.h. parallel zu der Pflege von sagen wir mal Offenbach und anderen großen Klassikern, gibt es eine ganz gezielte – auch staatliche Förderung von neuen Werken, die dann auch mit sehr viel Aufwand an den großen Bühnen, am Metropoltheater in Berlin, Staatsoperette, Musikalische Komödie, aber auch anderswo herausgebracht wurden, aber dann auch ins Repertoire eingegliedert wurden."
    Wie "Mein Freund Bunbury", eines der beliebtesten Bühnenwerke der DDR, das bis zur Wende über 5000 mal aufgeführt wurde, um dann unreflektiert in der Mottenkiste der Musikgeschichte zu landen. Auch das vergessene DDR-Repertoire steht im Fokus des Amsterdamer "Operetta Research Center".
    Musik: Gerd Natschinski, Mein Freund Bunbury