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Oskar Roehlers Punk-Film
Tod den Hippies

Einmal mehr erzählt Oskar Roehler mit seinem Film "Tod den Hippies! Es lebe der Punk!" eine Geschichte aus seiner Jugend, wobei die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion verschwimmen. Sein 18-jähriges Alter Ego, gespielt von Tom Schilling, bringt den Punk nach West-Berlin.

Von Rüdiger Suchsland | 21.03.2015
    Die Schauspieler Alexander Scheer (als Blixa Bargeld, l-r), Marc Hosemann (als Nick Cave) und Tom Schilling (als Robert) in einer Szene des Films "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!".
    Die Schauspieler Alexander Scheer (als Blixa Bargeld, l-r), Marc Hosemann (als Nick Cave) und Tom Schilling (als Robert) in einer Szene des Films "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!". (picture alliance / dpa / Nik Konietzny)
    "Irgendwo in Westdeutschland, Anfang der Achtziger. Der hier bin ich. Und das da, das sind die Anderen: 'Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse'. Irgendetwas musste sich ändern: 'Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!'"
    "Tod den Hippies!! Es lebe der Punk" das ist doch mal ein Filmtitel und schon jedenfalls ein Versprechen.
    Einmal mehr erzählt uns Oskar Roehler, dieser großartige, einmalige deutsche Filmregisseur eine Geschichte aus seiner eigenen Jugend, die Roehler, obwohl er gerade 56 Jahre alt geworden ist, immer noch nicht loslässt:
    Robert, sein 18-jähriges Alter Ego, gespielt von Tom Schilling als No-Future-Oh-Boy, bricht die Schule ab, und zieht nach West-Berlin, vermeintlich an den Ort von Freiheit und Abenteuer.
    Oskar Roehler reist in eine sehr bestimmte Zeit, in einen sehr bestimmten Raum: Um 1980, in die Jahre zwischen Hippietum und Neoliberalismus, nach West-Berlin, in die Stadt zwischen Westdeutschland und DDR.
    Hippietum ist out, der aus Großbritannien importierte Punk ist in. Und weil West-Berlin vom Ostblock eingeschlossen ist, kann man in diesem vollsubventionierten, eingemauerten Beton- und Trümmer-Paradies gut leben.
    "Aber in Berlin war Geld kein Problem: 'Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, das macht 1475 Mark'"
    Dies ist gewissermaßen eine Fortsetzung von "Quellen des Lebens", Roehlers letztem Film, dem der Roman "Herkunft" vorausging, und der von seinen Eltern handelte.
    Story mit autobiografischen Zügen
    Und wieder sind wir hier inmitten des ganz eigenen unvergleichlichen Oskar-Roehler-Kino-Kosmos. Roehlers Kino ist schrill, ist wild, ist "schmutzig" - im Gegensatz zu den cleanen Filmen des aktuellen deutschen Komödienkinos der Schweighöfers und Schweigers, aber auch des Autorenfilms der Berliner Schule.
    Es wimmelt nur so von Borderlinern, Kiffern, schwulen Nazis, Stripperinnen, Alkoholikern, Pillenschluckern, Drogendealern.
    Robert träumt davon, Schriftsteller zu werden.
    "Die wichsen hier wie die Weltmeister Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler Mann."
    Einige Grundzüge der Story sind offen autobiografisch, vermischen zugleich aber Dichtung und Wahrheit in schwer trennbarer Weise: Da ist die Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, herrlich gespielt von Hannelore Hoger: Sie hat einen Talkshow-Auftritt, in dem sie über ihren Sohn spricht, darüber sinniert, sie hätte "das Balg lieber abgetrieben". Im Vollrausch stiftet sie den Sohn später zu einem Mord an... Da ist der autoritäre Vater Klaus Roehler, Lektor, Verleger, und angeblich "Kassenwart der RAF".
    Es gibt in diesem Film viele solche surrealen Momente. Es gibt Satire. Es gibt Poesie. Roehler nimmt seinen Stoff ernst, aber das mit Humor, mit Klamauk, grell und schonungslos, aber trotzdem mit Anteilnahme für die Figuren, und einer gewissen, punkhaften Lust an der Zerstörungswut.
    Und mit Lust an der Parodie: Im Film kommen nämlich ein paar Berühmtheiten am Rande vor: Nick Cave, Rainer Werner Fassbinder und Blixa Bargeld:
    "Kann ich vielleicht nen Wodka bekommen" - "Jetzt hast Du mich aus meinen Gedanken gerissen..." - "Tschuldigung"
    Der Zeitgeist um 1980 erscheint bei Roehler hedonistisch aber auch paranoid... ostentativ gefühlskalt... apokalyptisch...
    Eine Welt der freien Liebe, der vergleichsweise freien Drogen, ohne Aids, ohne Internet... Sie zeigen zwar die Nachteile, aber es gibt auch in diesem Film viel Nostalgie. Verständliche Nostalgie. Eindeutig findet Oskar Roehler, dass uns da etwas verloren gegangen ist.
    "Dieser Song ist der CIA gewidmet!"; "Ein Wodka bitte."