
Viele Westdeutsche hätten mittlerweile "die Nase voll" angesichts der ständigen Klagen aus dem Osten. Dies behauptet Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte – und greift dabei auf ein verbreitetes Klischee zurück: den „jammernden Ossi“.
Vor den nahenden Landtagswahlen in ostdeutschen Bundesländern ist die Ost-West-Debatte wieder aufgebrochen. Sie kreist um die Unterschiede von Mentalitäten, Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten in Ost- und Westdeutschland – besonders im Hinblick auf Politik und Wirtschaft.
In dieser Debatte werden viele Stereotypen über „die“ Ostdeutschen wirksam, manche unterschwellig, andere ganz offensichtlich.
Woran liegt das und wo sind die Gründe dafür zu finden?
Das Bild der Ostdeutschen wird in westdeutschen Medien gemacht
Die überregionalen Leitmedien wie „Spiegel“ oder „Frankfurter Allgemeine“ werden in Hamburg, München und Frankfurt am Main für eine hauptsächlich westdeutsche Leserschaft geschrieben - und abgesehen von der Bild-Zeitung auch fast nur dort gelesen.
Zwischen zwei und vier Prozent ihrer Auflagen setzten „Spiegel“, „SZ“ und andere westdeutsche Printmedien im Osten ab. Die Regionalausgabe der „Zeit“ – die „Zeit im Osten“ – bringt es auf etwa sechs Prozent.
Die ostdeutsche Medienlandschaft nach der Wende
Nach dem Mauerfall wurden die ehemaligen Regionalzeitungen der DDR von westdeutschen Medienholdings aufgekauft. Die für die Privatisierung staatlichen Eigentums zuständige Treuhandanstalt verkaufte 1991 zehn große ehemalige SED-Bezirkszeitungen an westdeutsche Medienkonzerne wie Springer, Burda, Gruner & Jahr und Bauer.
Auch kleinere ehemalige DDR-Zeitungen und Verlage wurden privatisiert. Ziel war es, die ostdeutsche Medienlandschaft nach westdeutschem Vorbild umzugestalten. Auf diese Weise seien ein „westdeutsches Meinungsmonopol“ und eine mediale Spaltung entstanden, die bis heute anhalte, so der Medienwissenschaftler Lutz Mücke.
Er kritisiert, dass nach der Wiedervereinigung führende westdeutsche Medien weiterhin hauptsächlich für die gebildeten Mittel- und Oberschichtmilieus Westdeutschlands berichteten – und die Spaltung in Ost und West damit zementierten. Ostdeutschland und die Ostdeutschen zu repräsentieren – daran hätten sie kein ernsthaftes Interesse gezeigt.
„Blau und rechtsradikal“: Darstellung von Ostdeutschen in den Medien
Das Bild von Ostdeutschen in westdeutschen Medien ist von konstanten und oft negativen Stereotypen geprägt. Einen Anfang macht das bekannte Cover der Satirezeitschrift „Titanic“ mit der „Zonen-Gabi“ – eine junge Frau, die anstelle einer Banane eine geschälte Gurke isst.
Eine medienwissenschaftliche Analyse der Universität Leipzig bestätigt diesen Eindruck. Für das Projekt wurden etwa 320 Millionen Presseartikel über Ostdeutschland ausgewertet, die zwischen 1990 und 2025 erschienen.
Dabei fiel auf, dass etwa 70 Prozent der Artikel negativ konnotiert waren und bestimmte Begriffe besonders häufig verwendet wurden wie beispielsweise: überfremdet, völkisch, unterrepräsentiert, sozialistisch, antifaschistisch, ausländerfeindlich, rechtsradikal, rechtsextrem, kapitalistisch, sowjetisch.
Auch tauchten Verben wie schrumpfen, spalten, beklagen oder fürchten sehr häufig auf – sowie solche, die mit Widerspruch und Ablehnung oder einer gewissen Verweigerungshaltung verbunden werden, wie etwa protestieren oder demonstrieren.
Auffällig ist zudem, dass über Ostdeutschland zu wiederkehrenden Zeitpunkten berichtet wird, vor allem im Oktober und November zum Einheits- und Mauerfalljubiläum.
Und schließlich sind ostdeutsche Themen besonders vor ostdeutschen Landtagswahlen präsent, wie sich derzeit an der breiten Berichterstattung zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigt – besonders im Hinblick auf den möglichen großen Wahlerfolg der AfD in den beiden ostdeutschen Bundesländern.
Beispielhaft dafür ist die Bezeichnung „Das blaue Land“, welches Ostdeutschland dabei medial oft verliehen wird. Für Mücke eine Stereotypisierung des gesamten Ostens als „bedrohliches AfD-Land“,– während die Wahlergebnisse in ostdeutschen Regionen und Städten durchaus sehr unterschiedlich seien. Auch sei der Erfolg der AfD ein bundesweites und nicht ausschließlich ostdeutsches Phänomen.
Was Medien anders machen können
Das Lokalmagazin „Katapult MV“ hat sich auf Nachrichten und Recherchen für Mecklenburg-Vorpommern spezialisiert – also auf eine lokale Perspektive für die Region. Es gehört zu den wenigen ostdeutschen Medien, das auch einen ostdeutschen Verleger hat.
Besonders im Hinblick auf die kommenden Wahlen sei demokratieförderlicher Journalismus für die Regionen wichtig, so Redakteurin Sandra Grubert. Denn der Großteil der Menschen in der Region wähle immer noch demokratisch.
Die Journalistin Anja Reich hat 30 Jahre lang ostdeutschen Biografien und Sichtweisen Raum gegeben – in Reportagen und Porträts für die „Berliner Zeitung“, die 2019 von einem ostdeutschen Unternehmerpaar übernommen wurde. Danach erhöhte sich die Präsenz ostdeutscher Themen.
Dafür habe es auch Kritik gegeben, so Reich: Dass „wir da ostdeutsche Identität mit geschaffen haben, ist nicht überall so gut angekommen, auch nicht bei West-Kollegen.“
Viele Menschen im Osten sehen sich medial unterpräsentiert oder sogar „unsichtbar“, hat Anja Reich beobachtet. Daher sei wichtig, Ostdeutsche zu Wort kommen und über ihre Erfahrung sprechen zu lassen, besonders über die gesellschaftlichen und seelischen Verwerfungen während und auch noch lange nach der Wendezeit.
Denn immer noch gebe es das Narrativ: Die Ostdeutschen müssen so werden wie die Westdeutschen, denn die sind die „Norm“.
Und der Bürgerrechtler Frank Richter betont: Um die deutsche Gegenwart zu verstehen, müssten die Perspektiven aus dem Osten und dem Westen aufeinander bezogen werden und das Gemeinsame herausgefiltert werden.
Radiobeitrag: Ralph Gerstenberg, Onlineartikel: Catherine Shelton


























