
Versprochen: Zum Tag des Mauerfalls haben die Wohlfühl-Textbausteine wieder Hochkonjunktur, wenn an die Ostdeutschen erinnert wird, die die Mauer eingerissen haben.
Erlittene Traumata werden nicht ernst genommen
Wer dann aber kaum zu Wort kommt: die Opfer des SED-Regimes, sie leiden bis heute. Unter den Folgen des Unrechts. Unter den Folgen erlittener Traumata. Bis heute fällt es vielen schwer, darüber zu reden, was sie erlebt haben. Weshalb ein großer Teil schweigt.
Auch weil sie es – bis in die eigene Familie hinein - erleben, dass ihre Erfahrungen nicht ernst genommen werden. Ihre Berichte als „übertrieben“ abgetan werden, wie Betroffene erzählen, aber auch Psychotherapeuten berichten. Schikanen wie Verhöre zur Nachtzeit, Isolierung und Informationssperren waren keine Seltenheit.
Betroffene erleiden eine Re-Traumatisierung
Die Wunden - obwohl die DDR nun schon seit 36 Jahren Geschichte ist - sind noch lange nicht verheilt. Wer dann jedoch davon erzählt, dem wird oft nicht zugehört, weggehört, oft nicht geglaubt. Eine oft gemachte Erfahrung, die Experten in Beratungsstellen von Betroffenen hören. Gerade in Zeiten, wenn Populisten ihre verstaubte Simson aus der Garage holen und laut rufen: „Wir holen uns die gute alte Zeit zurück“.
Erlebnisse von Menschen, die sich dem System entgegengestellt haben, werden in der Folge infrage gestellt, negiert. Relativiert. „Selbst schuld“ wird denen gesagt, die Unrecht erlitten haben: Hättest du dich angepasst, wäre dir nichts passiert. Was dann geschieht: Betroffene erleiden eine Re-Traumatisierung. Die zart verheilten Wunden brechen wieder auf. Und: Wer Verhöre in Hoheneck oder Berlin-Hohenschönhausen erlebt hat, kennt die dunkle Seite des SED-Regimes.
Zuhören ist die Währung der Anerkennung erlittenen Unrechts
Ja, und genau dann kommt - im schlimmsten Fall - die Frage aus dem direkten Lebensumfeld der Betroffenen: „Kannst du mir beweisen, dass das passiert ist?“ Und genau an dieser Stelle beginnt das Problem: die Beweisumlast. Denn genau das geht eben oft nicht. Weil eben viele Repressionserfahrungen damals natürlich nicht dokumentiert wurden, hinter verschlossenen Türen, in Haftanstalten passiert sind.
Klar, für gesundheitliche Folgen erlittenen Unrechts gibt es medizinische Betreuung. Es gibt finanzielle Ausgleichszahlungen durch den Staat. Doch Geld wiegt nichts auf, überhaupt nichts.
Was man nicht verordnen kann, aber gerne der ganzen Gesellschaft verordnen würde: Zuhören. Wichtig. Denn: Zuhören ist die Währung der Anerkennung erlittenen Unrechts. Ein Medikament, das die Schmerzen mildern kann. Aber das passiert in der deutschen Mehrheitsgesellschaft - egal ob Ost oder West - viel zu wenig. Eine breite öffentliche Debatte über die traumatischen Erfahrungen, die Langzeitwirkung des erlittenen Unrechts ist dringend vonnöten.
Stattdessen wird - beispielsweise durch die AfD und das BSW - mit Verklärungen Unrecht zunehmend relativiert. Es geht hier nicht um das betreute Zuhören an Gedenktagen. Es geht um die authentische Anerkennung erlittener Qualen - aus einem echten Interesse heraus.
Zuhören - damit sich so etwas nicht wiederholt
Es geht nicht um die Wolf Biermanns dieser Welt, sondern um Menschen abseits der Scheinwerfer: die sich durchwurschteln. Versuchen, mit den Folgen des Unrechts, der eigenen Krankenakte umzugehen. Um der um sich greifenden Erzählung - die DDR war kein Unrechtsstaat - etwas entgegenzuhalten.
Die Gesellschaft muss raus aus den Zonen des Schweigens. Denn: Das Verschweigen des Unrechts gibt am Ende nur denen Recht, die für die Zwangsmaßnahmen, die erlittenen seelischen und körperlichen Schäden verantwortlich waren. Kein Geld der Welt kann jedoch diese Schmerzen aufwiegen.
Nur das Zuhören, das Gespräch schafft Empathie, Miteinander, Anerkennung. Und Verständnis dafür, welchen seelischen Schaden den Betroffenen des SED-Regimes zugefügt wurde. Am Ende ist es Grundlage dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt, dass zukünftige Generationen aus der Geschichte lernen.















