Sonntag, 29. Januar 2023

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Palästina-Konflikt auf der Bühne
Schaurige Gefühlsachterbahn

Die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks "Mord" von Hanoch Levin am Staatstheater Stuttgart gelingt verblüffend gut - und dabei nervenaufreibend. Was eben noch Kabarett und grelle Satire war, kippt im nächsten Moment ins Tragische und Mythische.

Von Christian Gampert | 08.03.2015

    Einer Mauer trennt Jerusalem in einen israelischen und palästinensischen Teil, im Hintergrund der Felsendom mit der goldenen Kuppel.
    Einer Mauer trennt Jerusalem in einen israelischen und palästinensischen Teil: Auch im Staatstheater Stuttgart spielt diese Barriere eine wichtige Rolle. (AFP / Ahmad Gharabli)
    Auf die Betonmauer, die Palästinensergebiete und Israel trennt, hat ein freundlicher Prospektmaler die Hügel von Jerusalem gemalt; das ist das Bühnenbild, eine Frontlinie. Vor der Mauer sitzt ein Hase, zunächst starr, dann in wechselnden, eingefrorenen Posen, die allesamt Fluchtbewegungen karikieren, psychotisch anmutende, zitternde Zerrbilder der Angst, Ausweichmanöver eines Flüchtenden im Kugelhagel. Die Tänzerin Brit Rodemund exekutiert diesen Wahnsinn zehn Minuten lang in vollständiger Stille, dann kommen die Soldaten. Sie packen den Hasen und sind erstaunt: "Man kann alles mit ihm machen." Und irgendwann ist der Hase ein Junge, und der Junge ist tot.
    Mit diesem hinzuerfundenen Vorspiel beginnt Wojtek Klemm seine Inszenierung, und das Choreographische, das Stilisierte, Bizarre wird den ganzen Abend lang eine Hauptrolle spielen. Schon das zeigt, dass Klemm sehr viel von Hanoch Levin verstanden hat, der in seinen eigenen Inszenierungen ständig mit solchen pantomimischen Elementen arbeitete. "Mord" erzählt die ewig andauernde Geschichte von Rache und Vergeltung: "Wir sind die Guten", rufen die Soldaten. Der Vater des Jungen, schwarz gekleidet wie ein Jude, von der Rolle aber eher ein Palästinenser, kommt auf die Hochzeit eines der Soldaten und meuchelt das Brautpaar. Der Vater des Soldaten stellt den anderen Vater zur Rede. Und so weiter. Irgendwann sitzen die beiden Väter aneinandergedrückt wie siamesische Zwillinge auf der Bühne und geben nur noch Laute von sich, Gemurmel, Knurren, Stöhnen.
    Gewalttätige Bühnenmusik
    Mit solchen Bildfindungen versucht Wojtek Klemm diesem disparaten Stück beizukommen, und das gelingt in Stuttgart verblüffend gut. Die Texte von Hanoch Levin pendeln ständig zwischen High and Low: Was eben noch Kabarett und grelle Satire war, kippt im nächsten Moment ins Tragische und Mythische. Levins erste Stücke waren pure Provokationen gegen das siegreiche 67er-Israel; sein letztes Stück "Requiem" ist dagegen fast traumwandlerisch erzählt, wie ein Märchen. Ständig geht es bei Levin um den Tod, und er ist im Nahen Osten omnipräsent. Ständig geht es um Sex, Levin ist derb und obszön, und im nächsten Moment ist der Sex politische Gewalttat oder absurdes Theater. Ständig gibt es so etwas wie Kinderspiele - und gleich wird aus dem Kinderspiel blutiges Drama.
    All das ist auch in der Stuttgarter Inszenierung von "Mord" zu sehen, an der die Choreografin Efrat Stempler mindestens so viel Anteil hat wie der Regisseur. Willst du mich heiraten, fragt der kleine Junge. Nein, du bist mir zu hässlich, antwortet das Mädchen, und dein Pimmel ist klein. In solchen Kränkungen steckt schon der halbe Nahostkonflikt, der ja immer mit Entwertungen des anderen arbeitet. Weißt du, dass du einmal sterben wirst, fragt der Junge. Ich werde nicht sterben, sagt das Mädchen. Aber dann wird gestorben. Ständige Rollenwechsel, merkwürdige, schräge Songs wie in der Nachtbar oder im Fernsehen, aber Levin liebte das. Und es gibt in Stuttgart die gewalttätige Bühnenmusik von Micha Kaplan, die das pantomimische Töten mit unendlicher Bösartigkeit begleitet.
    Im letzten Teil des Stücks wird aus einem Spanner, der eine Nutte beobachtet, plötzlich ein Terrorist, der für einen Anschlag verantwortlich sein soll. Wojtek Klemm lässt die Nutte von einem Mann spielen, der vorher einen Soldaten gespielt hat - so vermischen sich ständig die Rollen und Geschlechter. Nur selten scheint in diesem bewusst herbeigeführten grotesken Chaos durch, dass Levins Text formal wie eine Litanei geschrieben ist, ein großer Klagegesang, der auf Traditionen des osteuropäischen jüdischen Volkstheaters zurückgreift. Dafür wird zum Ende hin immer mehr sichtbar, dass Täter und Opfer in diesem Spiel heimlich identisch sind, auswechselbar. Das ist kein Trost. Wir werden uns bei Gedenkzeremonien treffen und Freunde werden, sagen die Soldaten. Und zwischendrin singen sie vom nächsten Krieg.