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Patientenselektion bei gesetzlichen Krankenkassen

Es soll vorgekommen sein, dass Mitarbeiter von Krankenkassen bei Patienten gefragt haben, ob diese nicht lieber kündigen wollen. Das Bundesversicherungsamt, die Aufsichtsbehörde der gesetzlichen Kassen, hat diese Vorgehensweise kritisiert.

Von Rainer Brandes | 31.08.2013

Den gesetzlichen Krankenkassen geht es gut. Im ersten Halbjahr dieses Jahres haben sie einen Überschuss von mehr als 1,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Der Gesundheitsfonds, in den alle Beiträge einfließen, verfügt über Rücklagen von 29 Milliarden Euro. Und doch gibt es Fälle wie diesen: Eine Krankenkasse lässt Mitarbeiter bei chronisch kranken und behinderten Menschen anrufen. Ziel des Anrufs: Der Patient soll seine Mitgliedschaft kündigen, weil er zu teuer ist. Aufgedeckt hat diese Praxis im vergangenen Jahr das ZDF-Magazin "Frontal 21". Das Bundesversicherungsamt hat diese Praxis jetzt in seinem jüngsten Bericht bestätigt, sagt allerdings auch: Es handelte sich dabei wohl um Einzelfälle.

Offenbar kein Einzelfall ist allerdings das umgekehrte Vorgehen: Krankenkassen versuchen gezielt, junge und gesunde Mitglieder zu werben. Und das funktioniert so: Mitarbeiter der Krankenkassen bekommen eine Prämie, wenn sie ein lukratives Neumitglied gewinnen können. Ist das Neumitglied dagegen alt, chronisch krank oder behindert, dann bekommt der Mitarbeiter keine Prämie – oder muss sie zurückzahlen. Das Bundesversicherungsamt sagt dazu klipp und klar: Das ist illegal. Trotzdem ist es tausendfach vorgekommen. Mindestens eine Kasse hält grundsätzlich an diesem Verfahren fest.

Der dritte Vorwurf an die Krankenkassen lautet: Sie verweigern lebensnotwendige Behandlungen. So hat es der ARD-Fernsehkorrespondent Rolf-Dieter Krause bei seiner Frau miterleben müssen. Sie ist an Krebs verstorben. Zuvor hatte ihre Krankenkasse – die DAK – die Kostenübernahme einer möglicherweise lebensrettenden Behandlung verweigert.

"Kalte Bürokratie, die einfach versucht zu vermeiden, Geld auszugeben, und die dem Zustand eines Patienten und eines Mitglieds dieser Krankenkasse überhaupt keine Rechnung trug."

So hat Rolf-Dieter Krause das erlebt. Und so hat er es im Deutschlandfunk geschildert. Der jüngste Beratungsbericht der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland stellt fest: Innerhalb eines Jahres haben sich 4900 Patienten an die Organisation gewandt, weil ihre Krankenkasse eine Leistung nicht bezahlen wollte. In dem Bericht heißt: Größtenteils bestehe der begründete Verdacht, dass die Patienten ein Recht auf die Leistung hätten.