Freitag, 12. August 2022

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Politische Öffentlichkeitsarbeit
Hätte Franz Josef Strauß getwittert?

Der US-Präsident setzt in seiner Kommunikation voll auf den Kurznachrichtendienst. Das ist neu. Dass Politiker klassische Medien umgehen, ist es allerdings nicht.

Von Johannes Nichelmann | 07.06.2017

    Der CSU-Vorsitzende und Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Franz Josef Strauß am Rednerpult anlässlich des CDU-Parteitages in Hannover im Mai 1976.
    Franz-Josef Strauß im jahr 1976 auf einem Parteitag in Hannover. (picture alliance / dpa / Gerhard Rauchwetter)
    Friedrich Gipser in einem Wahlwerbespot im Jahr 1972: "Adenauer habe ich sehr geschätzt. Aber diese Rosen sind für Willy Brandt. Der uns den Weltfrieden bringt."
    Willy wählen! Im Jahr 1972 setzt der Wahlkampf der SPD auf Emotionen. Nach einer Regierungskrise und vorgezogenen Neuwahlen sieht es für Bundeskanzler Willy Brandt zunächst schlecht aus. Unions-Herausforderer Rainer Barzel liegt in den Umfragen weit vorne. Und er hat starke Gönner. Zum Teil anonyme Spender geben Millionen D-Mark für über 100 verschiedene Anzeigenmotive in Zeitungen aus, die zur Wahl von CDU und CSU aufrufen. Das Wahlkampf-Drehbuch der SPD schreibt der damals 34-jährige Albrecht Müller.
    "Wir müssen eine Gegenöffentlichkeit gegen die BILD-Zeitung und gegen das ZDF-Magazin und was da sonst noch an Medien waren. Wir müssen diese Medienbarriere überwinden. Wir müssen Menschen gegen das große Geld in Bewegung setzen."
    TV-Botschaften mit Flugblatt verstärkt
    Müller lässt in der Tagespresse kleine Anzeigen schalten, die auf die anonymen Millionen für Rainer Barzel hinweisen und fragt: "Was hat er dafür versprochen?" Willy Brandt äußert sich in abendlichen Fernsehrunden zu den Vorgängen. Sein Wahlkampfteam geht aber noch einen Schritt weiter: Per Fernschreiber werden Flugblätter an die SPD-Ortsvereine übermittelt. Die Texte gehen sofort in den Druck, um am nächsten Morgen vor den Fabriktoren und an den U-Bahnhöfen unters Volk gebracht zu werden.
    Albrecht Müller: "Der Effekt war, dass wir Botschaften aus der Sendung des Abends, ich meine jeder zweite Deutsche hat die gesehen, dass wir das noch einmal verstärken konnten. Oder widersprechen konnten. Die haben ja abends um zehn erst den Fernseher ausgeschaltet und morgens um sechs haben sie schon ein Flugblatt gehabt."
    Damals eine Revolution. In einer Zeit, in der das Wort Twitter noch nicht im Duden stand.
    Wahlkampf in den USA 2016
    Donald Trump: "I am not gonna give you a question. You are Fake-News!"
    Spätestens seit Donald Trump hat sich die Kommunikationslandschaft grundlegend verändert. Er braucht keine teuren Fernsehspots, er hat Twitter und versteht es meisterhaft, mit seinen Tweets kostenlose Sendezeit auf allen Kanälen des Erdballs zu bekommen. Im Jahr 2016 werden die Fake-News - die alternativen Fakten - zum geflügelten Begriff. Auch in der politischen Kommunikation. Politikwissenschaftler Christoph Bieber von der Universität Duisburg-Essen:
    "Was wir mit den Fake-News Diskussionen der jüngeren Tage, und da ist denke ich die US-Präsidentschaftswahl wieder so eine Zäsur, verbinden, ist ja, dass es gewissermaßen ein systemisches Ausnutzen verschiedener Kommunikationsstrukturen und Möglichkeiten gibt, die dazu instrumentalisiert werden, um ganz gezielt Stimmung zu machen und ganz zielgerichtet Menschen von einer Position zu überzeugen, koste es, was es wolle."
    "Wir haben einmal eine Wahrheit unterdrückt"
    Bei den Unionsparteien stehen die Initialen PR für Peter Radunski. Der heute 78-jährige hat von 1976 bis 1990 die Wahlkämpfe von Franz Josef Strauß und Helmut Kohl geleitet. Gab es damals etwas Vergleichbares zu den Fake-News?
    Peter Radunski: "Nein! Nein, das haben wir nicht. 'Fake-News', soweit wir es überblicken können, nie. Aber wir haben einmal eine Wahrheit unterdrückt. Das war bei dem ersten gesamtdeutschen Wahlkampf `90, als wir gesagt haben, das geht ohne Steuererhöhung ab. Sie wissen ja, das kam ja dann sehr viel mehr, nicht. Es kam ja dann der Soli, den es heute noch gibt..."
    "Haben Sie mit Kohl später darüber gesprochen?"
    Peter Radunski: "Ja, er hat es auch bereut."
    Was wäre, wenn es Twitter schon vor 45 Jahren gegeben hätte? Hätten die Chefs von Albrecht Müller, Willy Brandt und Helmut Schmidt, zum Smartphone gegriffen?
    "Aso glaube nicht, bei beiden würde ich annehmen, sie hätten es nicht getan."
    Peter Radunski: "Der Kohl hätte sicher nicht getwittert. Da bin ich ziemlich sicher. Bei Strauß bin ich nicht sicher."