Donnerstag, 09. Dezember 2021

Polizei Frankfurt ehrt Widerstand"Von Vergessen zu reden, ist völlig unerträglich"

Immer wieder waren in den vergangenen Monaten in Deutschland Polizisten an rechtsextremen Chatgruppen beteiligt. Drohmails wurden mit Polizeiwachen, Adressabfragen mit Polizeicomputern in Verbindung gebracht. In Frankfurt am Main setzt die Behörde dagegen nun ein deutliches internes Zeichen.

Von Ludger Fittkau | 10.02.2021

Auf einer Glastür im Polizeipräsidium Frankfurt am Main stehen die Namen der Polizisten Christian Fries, Ferdinand Mührdel und Otto Kaspar, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus tätig waren.
Erinnerung als Verpflichtung: Zentrale Veranstaltungsräume im Polizeipräsidium Frankfurt am Main sind nun nach Widerstandkämpfern gegen den Nationalsozialismus benannt - bislang nur nach Männern (Ludger Fittkau)
Frankfurt, Bahnhofsviertel, das Hinterzimmer eines Restaurants. Hier treffen sich regelmäßig Polizisten, die der SPD nahestehen. Heute wäre das nicht weiter erwähnenswert. Doch diese Treffen finden zur Zeit des Nationalsozialismus statt. Es sind konspirative Versammlungen, in denen der Sturz Adolf Hitlers vorbereitet wird. Die Gruppe gehört nämlich zum Widerstandsnetz, das Wilhelm Leuschner, der ehemalige sozialdemokratische Innenminister des sogenannten "Volksstaats Hessen", seit Mitte der 1930er Jahre aufgebaut hat.
Leuschner arbeitet vor dem 20. Juli 1944 eng mit den zum Aufstand gegen die Diktatur bereiten Militärs um Stauffenberg zusammen. Die Frankfurter Polizisten wollen die örtliche Gestapozentrale stürmen und auch "Radio Frankfurt" besetzen, sobald das Signal aus Berlin kommt. Der Kopf der Gruppe ist Christian Fries, nach der Befreiung Kriminaldirektor in der Mainmetropole. Einer der Nachfolger von Christian Fries ist dort heute Rainer Beer, stellvertretender Kripo-Chef:
"Wenn man das heute noch einmal hört, welch ein kühner Plan, das muss man wirklich sagen! Hier den Auftrag zu erhalten, so eine Zelle zu gründen, das zu gründen aus aktiven Polizeibeamten und sonstigen Leuten, die er da um sich geschart hat. Ja, und dann also wirklich, wie man sich das so vorstellt, den Hessischen Rundfunk zu stürmen und hier die Gestapo zu entwaffnen. Es ist unglaublich, seine Geschichte. Und ich sag mal, das im Rahmen eines regelrechten Doppellebens zu tun. Er war ja aktiv im Dienst, hielt Distanz zu den Nationalsozialisten, war aber irgendwie doch aktiv im Dienst."

Handgranate im Kino

Christian Fries, geboren im Saarland, engagiert sich schon nach dem Ersten Weltkrieg in Arbeiter- und Soldatenräten in Saarbrücken und später weiter westlich für ein demokratisches und sozialistisches Deutschland. In den Polizeidienst in Frankfurt am Main tritt er ein, um dort die demokratischen Kräfte zu stärken. Schon vor 1933 geht er gegen Nazis vor. Etwa 1931, als SA-Mitglieder im großen Frankfurter Roxy- Kino während der Aufführung des Anti-Kriegsfilms "Im Westen nichts Neues" nach dem Roman von Erich Maria Remarque eine Handgranate werfen.
Fries ermittelt den Täter und geht persönlich zu einem berüchtigten SA-Treffpunkt, um ihn dort zu verhaften. Keine ungefährliche Aktion, so Rainer Beer:
"Absolut - das ist natürlich eine bemerkenswerte Aktion von ihm. Und auch wenn man noch mal sich vergegenwärtigt, dass Politik damals im Wesentlichen auch Straßenkampf war, ja, der auch genauso geführt wurde, das sind schon unglaubliche Verhältnisse gewesen. Und der Einsatz oder der Ermittlungserfolg von Fries bei diesem Vorfall – bei diesem gewalttätigen Anschlag auf das Roxy-Kino – ist sicherlich ganz bemerkenswert gewesen. Und die Nazis haben das auch nicht vergessen."
Christian Fries wurde 1933 zwar nicht entlassen, blieb aber unter Beobachtung und von Beförderungen ausgeschlossen. Ab 1937 ging er daran, die Widerstandsgruppe aufzubauen.

Viele Polizisten an NS-Verbrechen beteiligt

In einem von der Polizei neu herausgegebenen Buch und mit der Namensgebung von zentralen Veranstaltungsräumen wird nun im Polizeipräsidium Frankfurt am Main an Fries und zwei weitere Widerstandskämpfer erinnert. Gleichzeitig wurde eine Wander-Ausstellung eröffnet, die zeigt, dass die meisten Polizisten in der NS-Zeit an den Verbrechen des Systems aktiv beteiligt waren.
Der leitende Frankfurter Kripobeamte Rainer Beer betont: Die Ehrung der Widerstandskämpfer ist auch ein ganz bewusst gewähltes politisches Symbol angesichts der rechtsextremen Chat-Gruppe in der Polizei Frankfurt am Main sowie der bis heute nicht aufgeklärten Datenabfrage von einem Polizeicomputer der Stadt. Die Daten wurden für Drohmails vor allem gegen Frauen des öffentlichen Lebens verwendet:
"Oder dass es auch Stimmen gibt, die da jetzt immer lauter werden und sagen: Es muss irgendwann mal ein Schlussstrich gezogen werden. Angesichts dieses Ausmaßes an Gräueltaten fällt das wirklich schwer. Und von daher muss man sagen: Wer heute in Chatgruppen vermeintlich lustige Hitler-Bilder verschickt, ja, sollte sich einfach vergegenwärtigen, in welcher Form damals der Staat Leute terrorisiert hat. Und in so einem Zusammenhang dann irgendwie von einem Schlussstrich, von einem Vergessen zu reden, ist völlig unerträglich."