Präsidentenwahl im Internationalen Kanu-VerbandWie Russland über Sportverbände Außenpolitik betreibt

Beim Kongress des Internationalen Kanu-Verbandes ICF geht es um die Nachfolge von Präsident José Perurena. Kandidaten sind der Deutsche Thomas Konietzko und Evgenii Arkhipov. Der Russe ist einer von vielen Spitzenfunktionären, die jetzt von der politischen Führung im Kampf um mehr Einfluss in der internationalen Sportwelt unterstützt werden.

Von Piet Kreuzer | 30.10.2021

MOSCOW, RUSSIA - JULY 16, 2019: Russian Canoe Federation President Yevgeny Arkhipov at a press conference, PK, Pressekonferenz ahead of the 2019 ECA (European Canoe Association) Dragon Boat Nations & Clubs European Ñhampionships scheduled to start on July 17 in Moscow. Alexander Shcherbak/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY TS0B3456
Evgenii Arkhipov will neuer Präsident des Internationalen Kanu-Verbands werden. (IMAGO / ITAR-TASS)
Nach dem Skandal um das russische Staatsdoping arbeiten Politik und Sport daran, ihren Einfluss wieder zu etablieren. Ein wesentlicher Aspekt: die Ausrichtung von Sport-Großereignissen. Timm Beichelt, Professor für Europa-Studien an der Europa-Universität Viadrina, sieht dafür auch innenpolitische Gründe: "Russland ist ja ein Regime, das nach innen sehr stark darüber funktioniert, das lokale Eliten oder auch wirtschaftliche Eliten mit dem Putin-Regime verbandelt sind. Und über internationale Sportereignisse kann man sehr gut zum Beispiel Bauvorhaben betreiben, ja, die man sonst nicht legitimiert bekäme. Und insofern ist das innerrussisch so eine Art Schmiermittel, um sich die Eliten gewogen zu halten."
Für Simon Chadwick, den Direktor des Zentrums für die Eurasische Sport-Industrie an der Emlyon Business School in Frankreich, ist auch das Sponsoring ein wichtiger Faktor um politisch Einfluss zu nehmen. "Ich denke, dass man durch das Anbieten von viel Geld für einen Verein oder einen Dachverband oder eine Veranstaltung im Grunde genommen eine gewisse finanzielle Abhängigkeit von den russischen Geldern schafft. Wir wissen, dass eine solche Abhängigkeit dem Sponsor eine gewisse Macht verleiht."

Außenpolitik über Sportverbände

Macht soll aber auch durch Personen ausgeübt werden. Das geht über die Besetzung von Schlüsselrollen in den internationalen Sportverbänden. So kann sich die Stimme Russlands Gehör verschaffen Timm Beichelt: "Die bemühen sich über Sportverbände eine Außenpolitik zu betreiben, die geht auch schon in die Zeit zurück vor diesen Doping Skandal. Das ist eben ein bestimmter Pfeiler der russischen Außenpolitik."
Die olympische und die russische Flagge nebeneinander bei den Winterspielen in Sotschi 2014.
Russische Städte wollen Olympia 2036
Zwei russische Städte melden Interesse für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2036 an. Die Olympia-Pläne sind ein Zeichen dafür, wie sich Russland nach dem Dopingskandal rehabilitieren will.
Aktuelles Beispiel ist der Kampf um das Präsidentenamt im Internationalen Kanu-Verband ICF. Lange Zeit galt Thomas Konietzko als der designierte Nachfolger von Amtsinhaber José Perurena. Der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes ist seit 2012 Vorstandsmitglied des ICF und seit 2016 Vizepräsident. Sein Konkurrent ist Evgenii Arkhipov. Der russische Geschäftsmann ist seit 13 Jahren Präsident des Russischen Kanu-Verbandes. Er wirbt vor allem mit Sponsorengeldern, die bei seiner Wahl fließen würden – zehn Millionen Euro. Beim Box-Weltverband AIBA ist diese Strategie aufgegangen. Auch hier hatte ein Russe die Präsidentschaftswahl für sich entschieden. Umar Kremlev warb im Wahlkampf mit frischen Sponsorengeldern und der Begleichung der Schulden in Höhe von kolportierten 24 Millionen Euro.
Das Geld sei zwar ein gewichtiges Argument, sagte Konietzko dem Deutschlandfunk. "Aber ich bin ziemlich optimistisch, dass Geld nicht unser wichtigstes Problem ist. Wir sind nicht reich als Weltverband. Wir sind aber tatsächlich auch nicht so arm, dass wir nicht mit intelligenten Budget-Veränderungen und mit zusätzlichen Einnahmen, die auch jetzt vom IOC aufgrund einer leichten Erhöhung der Zuschüsse nach Olympia kommen, diese Maßnahmen, die ich vorschlage, finanzieren können."

Nicht nur Russland versucht, Macht zu erkaufen

Aber nicht nur Russland versucht, sich mit Geld Macht und Einfluss zu erkaufen. "Nationen wie Katar, Saudi-Arabien und China sehen darin quasi eine geopolitische Waffe, die sie zur Sicherung ihrer eigenen Interessen einsetzen können. Sie nominieren Kandidaten für die Leitungsgremien der großen internationalen Sportverbände, damit sie die Pläne der Länder, die sie vertreten, umsetzen", so Sportökonom Simon Chadwick.
Laut Chadwick denken Deutschland und andere westliche Nationen zu engstirnig und zu langsam, um dem etwas entgegenzusetzen. Mit der Ausnahme der Bewerbung um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nahmen Politik und Wirtschaft nur wenig Einfluss. Zwar haben das Bundesinnenministerium und der Deutsche Olympische Sportbund mittlerweile ein kleines Budget für Bewerbungen um Sport-Großereignisse und internationale Ämter zu unterstützen, aber nicht zu vergleichen mit dem Engagement nichtdemokratischer Länder.
Delegationen tragen die Flaggen Chinas, (vorn l), Griechenlands, Chinas und die Olympische Flagge (r) während der Zeremonie zur Übergabe der Flamme für die Olympischen Winterspiele 2022 im Panathenäischen Stadion. Die Olympischen Winterspiele finden vom 4. bis 20. Februar 2022 in Peking statt.
Das Märchen von einer besseren Welt durch Sport
Auch vor den Winterspielen in Peking werben die Sportverantwortlichen wieder damit, dass Sport die Welt besser mache. Eine Erzählung, die immer dann bemüht werde, wenn sportliche Großereignisse in Diktaturen stattfinden, kommentiert Andrea Schültke.
Ein aktuelles Beispiel, wie russische Präsidenten agieren, ist beim Box-Weltverband AIBA zu sehen. Obwohl weiter unter der Beobachtung des Internationalen Olympischen Komitees, hat die AIBA die derzeit laufende Weltmeisterschaft nach Serbien vergeben. Und die Serben haben den Sportlern aus dem Kosovo die Teilnahme untersagt. Ein kniffliger Fall, denn eigentlich dürfen internationale Wettbewerbe nur in Länder vergeben werden, die keine politischen Konflikte wie Serbien und Kosovo austragen. In diesem Fall ist die völkerrechtliche Lage kompliziert. Denn nicht einmal alle EU-Staaten erkennen das Kosovo an.
Timm Beichelt: "In Bezug auf das Kosovo ist es eben so, dass wichtige Mitglieder in der UNO auch die im Sicherheitsrat,wie China und Russland, eben die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen. Und insofern ist das aus der Sicht eines russischen Präsidenten oder auch eines russischen Sportfunktionärs gar keine Grenze."