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RadsportTeam Sky unter Druck

Er war ein Volksheld, gefeiert wie ein Popstar: Bradley Wiggins hat als erster britischer Radrennfahrer die Tour de France gewonnen. Nun wird ihm vorgeworfen, er habe Medikamente eingenommen, um seine Leistung zu steigern - und mit ihm gerät auch seine Mannschaft Team Sky in Bedrängnis.

Von Ruth Rach | 11.03.2018

Bradley Wiggins trägt ein gelbes Trikot und reckt in Siegerpose beide Arme in die Höhe. In der rechten Hand hat er einen Plüsch-Löwen, in der linken einen Strauß mit gelben Blumen.
Der tiefe Fall des Bradley Wiggins: 2012 Tour-de-France-Sieger, heute unter Dopingverdacht. (picture alliance /dpa /Jerome Prevost/L´Equipe /Pool)
Der Bericht des britischen Parlamentsausschusses ist vernichtend. Ausgerechnet Team Sky, der Mannschaft die stets darauf bedacht war, der Öffentlichkeit ein blitzsauberes dopingfreies Image zu präsentieren, wird unethisches Verhalten vorgeworfen. Ausgerechnet Sir Bradley Wiggins, der legendäre britische Sportler, von der Königin zum Ritter geschlagen, soll leistungssteigernde Substanzen genommen haben - unter dem Vorward, sie seien medizinisch notwendig. Und das schon seit vielen Jahren.
"Warum haben wir diese ethischen Grauzonen, wo Medikamente aus therapeutischen Gründen benutzt werden, wenn sie doch gleichzeitig bekannt dafür sind, dass sie die sportliche Leistung steigern", fragt Damian Collins, Leiter des parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Es dürfe nicht angehen, dass jemand solche Medikamente einnehmen und sich auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könne. Wenn ein Sportler so krank sei, dass er auf derartige Substanzen angewiesen sei, dann solle er lieber erst gar nicht erst antreten.
Im Mittelpunkt des Skandals, ein mysteriöses Päckchen, das Team Sky am letzten Tag des Critérium de Dauphiné 2011 ausgeliefert wurde. Sein Inhalt ist bis heute nicht geklärt. Denn es fehlen jegliche Belege. Fest steht, dass Bradley Wiggins das Rennen 2011 und 2012 gewann. Fest steht auch, dass "Wiggo", wie er damals liebevoll genannt wurde, vor der Tour de France 2011 und 2012 sowie vor dem Giro d'Italia wegen Asthma medizinische Ausnahmegenehmigungen beantragt hatte. Aufgrund dieser so genannten TUEs durfte Wiggins auch das wirkungsstarke Kortikoid Triamcinolon einnehmen. Zunächst war behauptet worden, das mit einem Kurier eigens aus Genf hergebrachte Päckchen habe das weitaus schwächere Hustenmittel Fluimucil enthalten, aber das scheint dem britischen Parlamentsausschuss eher unwahrscheinlich: denn dieses Mittel wäre in jeder Apotheke um die Ecke für nur zehn Euro erhältlich gewesen.
Ethische Grenze überschritten
Irgendjemand lügt hier, so auch UCI-Präsident David Lappartient: "Ich vertraue den Erkenntnissen der britischen Parlamentarier", betont David Lappartient. Und sie seien zu dem Schluss gekommen, dass eine ethische Grenze überschritten wurde. Was das mysteriöse Päckchen angehe, so sei es doch sehr seltsam, dass die Mitglieder von Team Sky an kollektivem Gedächtnisschwund litten. Und welch ein Pech, dass ausgerechnet der Laptop mit den entscheidenden Informationen spurlos verschwunden sei, fügt Lappartient mit beissender Ironie hinzu. Wenn leistungssteigernde Substanzen benutzt wurden, dann betrachte er das als Betrug.
Sir Bradley Wiggins, der sich inzwischen aus dem aktiven Radrennsport zurückgezogen hat, weist unterdessen alle Dopingverdächtigungen zurück: "Wir haben uns während meiner ganzen Karriere ethisch korrekt verhalten. Das kann ich zu 100% bestätigen", so Bradley Wiggins. Das Medikament sei ihm völlig legal von einem Arzt verschrieben worden. Er habe eine Sondergenehmigung besessen. Wenn er das Mittel nicht genommen hätte, wäre er an Asthma erkrankt, an Pollenallergien, an Beschwerden der Atemwege und wäre gegenüber seinen Rivalen ins Hintertreffen geraten.
Die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen empfindet Bradley Wiggins als Hexenjagd: "Ich hätte mehr Rechte, wenn ich jemanden ermordet hätte", klagt Bradley Wiggins. Seine Frau werde angefeindet, seine Kinder würden gemobbt, und er habe alle Hände voll zu tun, um nicht nur seinen guten Ruf, sondern auch seine Familie zu beschützen.
Chris Froome steht ebenfalls unter Druck
Die Affäre zieht immer weitere Kreise. Auch der ehemalige Olympiasieger Sebastian Coe, inzwischen zum Präsidenten des Leichtathlektikweltverbandes IAAF aufgestiegen, ist ins moralische Zwielicht geraten. Lord Coe wird vorgeworfen, er habe jahrelang von der Geheimsache Doping gewusst und vor dem Parlament bereits 2015 irreführende Aussagen gemacht.
Wiggins Thronfolger Chris Froome steht ebenfalls unter Druck. Drei Tage vor seinem Vuelta Sieg im September 2017 wurden bei ihm auffällig hohe Werte des Asthmamittels Salbutamol festgestellt: die erlaubte Dosierung war ums Doppelte überschritten. Seitdem werden die Rufe nach der Suspendierung des vierfachen Tour-de-France-Siegers immer lauter. Aber Chris Froome stellt sich taub.
"Ich gehöre schon seit Anfang an zum Team Sky und kann mich mit dem Bild, das in der Öffrentlichkeit gezeichnet wird, überhaupt nicht identifizieren", betonte Chris Froome vor wenigen Tagen in der Toskana. Er werde sich unbeirrt auf sein nächstes Rennen vorbereiten, und sei weiterhin stolz auf seine Mannschaft.
Chris Froome sieht auch keinen Grund, warum die Leitung von Team Sky zurücktreten sollte. Aber der Gegenwind wird mit jedem Tag stärker. Manche verlangen bereits, Wiggins und Froome sollten ihre Titel verlieren. Und UCI-Präsident David Lappartient hat bereits angekündigt, der Fall Team Sky würde genauer untersucht werden.