Samstag, 28. Mai 2022

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Radsport
Vom Fracking-Weißwäscher zum Corona-Helfer

Abgesagte Wettkämpfe, erschwerte Trainingsbedingungen, eingeschränkte Reisemöglichkeiten: Der Sport leidet massiv unter der Corona-Pandemie. Auch der Radsport steht still. Das Radsportteam Ineos hat deswegen umgeschwenkt und verteilt kostenlos Desinfektionsmittel vom eigenen Sponsor. Doch es steckt mehr dahinter.

Von Tom Mustroph | 03.05.2020

Daivd Brailsford, General Manager des Teams Ineos
Daivd Brailsford, Chef des britischen Rennstalls Ineos, wurde Greenwashing mit dem Rennstall zugunsten des Konzerns vorgeworfen. Jetzt sind die negativen Schlagzeilen erst einmal verstummt. (Nico Vereecken/imago images / Panoramic International)
Ineos erweitert in Covid-19-Zeiten seine Geschäftsfelder. Der Chemiekonzern produziert Desinfektionsmittel und gibt sie kostenlos an Kliniken, Altenheime und Apotheken ab. Vier Fabriken in Großbritannien, Frankreich und Deutschland nahmen in nur zehn Tagen den Betrieb auf.
Das deutsche Werk in Herne etwa, war früher eine Steinkohlengrube. Vor mehr als 50 Jahren wurde ein Chemiestandort daraus. Eine weiteres Werk wird in den USA errichtet. Richard Longden, Sprecher des Chemieunternehmens:
"Es war ursprünglich Sir Jims Idee. Wir stellen die wichtigsten Rohmaterialien her. Und wir haben auch die Möglichkeit, daraus medizinische Produkte herzustellen wie die Handgels. Es gab Gespräche zwischen Sir Jim und Sir Dave. Und dort sagte Sir Dave dann: Wir haben die Logistik-Erfahrung. Wir können das in das Projekt einbringen."

Auf einmal sind die Umstrittenen die Guten
33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2
Sir Dave ist Dave Brailsford, Chef des britischen Rennstalls Ineos. Der holte noch unter dem Namen Team Sky, in sieben Jahren sechs Tour de France-Siege. Im vergangenen Jahr kam unter neuem Namen, Team Ineos, der siebte Toursieg hinzu.
Sir Jim ist Jim Ratcliffe, Milliardär, Besitzer des Chemiekonzerns Ineos, des gleichnamigen Radrennstalls sowie Hauptsponsor der Fußballklubs OGC Nizza und FC Lausanne. In ihrer Heimat sind die beiden britischen Edelleute eher umstritten. Ratcliffe wegen der Fracking-Aktivitäten seines Unternehmens in Großbritannien. Brailsford wird Greenwashing des Konzerns mit dem Rennstall vorgeworfen.
Jetzt aber sind sie die Guten. Der Chemieriese hilft mit Desinfektionsmitteln in der Pandemie und schafft in Herne sogar neue Arbeitsplätze. Und der Rennstall liefert die Flaschen aus.
"Als Team haben wir die Distribution des Ganzen übernommen. An Bildern hat man das gesehen, da sind mit unseren Bussen und kleinen Vans unsere Servicemitarbeiter in Belgien und Großbritannien rumgefahren und haben das Handgel verteilt an Altenheime und Krankenhäuser. Wir haben auch das Marketing dafür übernommen", erzählt Christian Knees, Radprofi des Teams.
400.000 Flaschen Desinfektionsmittel produziert
Knees wohnt in der Nähe von Bonn. Er hat sogar das Fotoshooting vorbereitet für die erste Flasche Desinfektionsgel, die in der neuen Produktionsanlage in Herne vom Band ging. Er sieht die Mitarbeit pragmatisch.
"Wir machen ja nichts anderes. Wir schiffen unser Equipment das ganze Jahr über quer durch Europa und die Welt. Und das Gleiche haben wir jetzt einfach mit dem Flaschen gemacht, um sie umsonst zu verteilen. Wir haben da die Kontakte genutzt, um sie an den richtigen Stellen unterzubringen."
Allein das deutsche Werk in Herne hat laut Unternehmensangaben bislang 400.000 Flaschen Desinfektionsmittel produziert. Team Ineos lieferte sie an 65 Apotheken und Krankenhäuser in Deutschland. Unter anderem auch an das Krankenhaus in nordrheinwestfälischen Heinsberg:
"Die haben etwas gespendet, ich meine, es waren zwei Kartons mit ganz kleinen Flaschen Handdesinfektionsmittel. Das sind Kittelflaschen, die die Ärzte oder das Pflegepersonal in der Kitteltasche haben und sich auf dem Weg, wenn mal kein Desinfektionsspender an der Wand hängt, sich auch mal schnell desinfizieren können", sagt Gustav Baum, Einkaufsleiter des Krankenhauses in Heinsberg, mitten im deutschen Hotspot der Pandemie.

Im engeren klinischen Bereich, zur Desinfektion von Operationsbesteck zum Beispiel, wird das Handgel aber nicht eingesetzt. Dazu ist es nicht wirkungsvoll genug.
Andere Krankenhäuser, wie etwa die Evangelischen Kliniken Essen-Mitte, geben die Fläschchen sogar nur an Patienten und Besucher aus. Und auch mengenmäßig stellen die geschenkten Gels nicht die allerletzte Rettung in der ganz großen Not dar. Normalerweise würden die Desinfektionsmittel in großen Spendern an der Wand hängen, so Einkaufsleiter Baum:
"Aber da geht es locker um Hunderte Liter pro Monat. Diese kleinen Fläschchen sind ganz nett, die sind auch hilfreich. Aber für den normalen Verbrauch, den wir auf den Stationen und im OP haben, nützt das natürlich nichts. Aber für jede Person einzeln ist es echt hilfreich."
Radprofi als Fahrradkurier
Nützlich ist es also. Eine sinnvolle Beschäftigung für den Rennstall auch. Radprofi Knees kann sich sogar vorstellen, die Flaschen selbst auszuliefern, als Fahrradkurier.
"Ich würde es machen, natürlich, warum nicht. Aber ich glaube, als Fahrradkurier bin ich nicht effizient genug, um ein paar Flaschen durch die Gegend zu fahren."
Na klar, im Rennen bringt er maximal ein Dutzend Wasserflaschen zu seinem Kapitän Chris Froome. In der Pandemie geht es um ganz andere Stückzahlen.
Geldgeber Ineos denkt mittlerweile über die Solidaritätsaktion weit hinaus. Wolf Hänel, Geschäftsführender Vorstand des Unternehmens, sagte dem Deutschlandfunk in einem Skypegespräch:
"Ineos hat sich dazu entschlossen, das als eigene Produktsparte, als eigenen Geschäftsbereich zu betreiben. Das nennt sich Ineos Hygienics. Und dementsprechend wird man sich die Produktionsanlagen noch einmal anschauen, und dann in diejenigen investieren, die als nachhaltig betrachtet werden. Und dann die Automatisierung der Produktionsanlagen auch weiter vorantreiben."
Der Chemiekonzern rechnet also mittelfristig mit einem größerem Bedarf an Desinfektionsmitteln. Die aktuellen Engpässe nutzt er zur Markterkundung. Verbunden mit Hilfe in einer Krise.
Schöner Nebeneffekt: Von den Frackingaktivitäten, die in der Heimatbasis Großbritannien für großen Ärger gesorgt haben, spricht gegenwärtig niemand mehr.