Montag, 04. Juli 2022

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Reaktionen auf den Fall Nenad
Erschüttert über ein krasses Fehlurteil

Der Fall des heute 19-jährigen Nenad Mihailowitsch, der viele Jahre als geistig zurückgeblieben galt, obwohl er es gar nicht war, wird in den sozialen Medien intensiv diskutiert. Viele Menschen reagieren betroffen oder entsetzt. Und die Forderung nach Inklusion bekommt Rückenwind.

Von Katrin Sanders | 29.10.2016

Die Logos der Firmen Facebook und Twitter.
Der Fall Nenad wird in den sozialen Medien intensiv diskutiert. (picture alliance / dpa / Weng Lei)
"Ich mag BWL und VWL, also Geschäftsprozesse im Unternehmen, personalbezogene Prozesse und Deutsch und Englisch bin ich auch gut, obwohl ich mein Leben noch nie Englisch hatte, bin ich dort auch gut."
Der heute 19-jährige Nenad Mihailowitsch ist stolz auf das, was er zurzeit in der Regelschule leistet. Endlich kann er zeigen, dass er’s kann: Lernen, denken, einen Schulabschluss machen. Vor elf Jahren - noch in einer bayrischen Grundschule - sahen seine Lehrer das anders. Fälschlich wurden bei ihm die Weichen in Richtung Förderschule geistige Entwicklung gestellt. Ein Test ergab damals einen IQ von 59. Und einmal in der falschen Schublade, wurde nicht mehr richtig hingesehen: Der Förderbedarf wurde Jahr für Jahr fortgeschrieben.
"Da die ja Schwarz-auf-Weiß etwas haben, was besagt, ich sei geistig behindert, dachten die ich wäre ernsthaft geistig behindert."
Mittlerweile steht fest: Der Test damals brachte ein falsches Ergebnis. Dieser krasse Fall von falscher Beschulung wird derzeit in den sozialen Medien heftig diskutiert. Eine "gefährliche Mischung aus Vorurteilen, Ignoranz und Rassismus" erkennt User Klaus Gelbhaar im Fall des Roma Jungen Nenad auf der Facebook Seite des Aktivisten Raul Krauthausen. Viele sind, so wie Natalie Freuer, einfach erschüttert:
"Ich bin sehr bewegt und wütend über dieses System und die Hilflosigkeit der meisten Betroffenen."
Viel Resonanz für Elternvereine für Inklusion
Inklusion - eine Schule für alle - hätte dieses Schicksal verhindert, meint Faustine Imfass. "Förderschulen abschaffen!", fordert sie. Einige User kennen offenbar die gesetzlichen Vorschriften, die hier nicht eingehalten wurden, fragen nach: "Der Förderbedarf soll doch jährlich überprüft werden, oder?" und wieder andere hinterfragen wie sich das Förderschulsystem selbst erhält:
"Na ja, so bekommen die Schulen Schüler zugeschanzt, damit immer wieder Schüler vorhanden sind. Oder haben wir so wenige Kinder mit geistiger Behinderung? Dass zu solchen Mitteln gegriffen wird?"
Viel Resonanz auf die Berichterstattung bekommen auch die rund 20 Elternvereine für Inklusion in Nordrhein-Westfalen. In Briefen, Mails und Telefonaten kommen zahlreiche Betroffene - ermutigt durch Nenads Offenheit - aus der Deckung. Tina Sander vom Kölner Elternverein Mittendrin.
"Das ist ne große Betroffenheit, vielleicht auch: Erleichterung, dass darüber gesprochen wird und damit verbunden der Impuls, die eigene Geschichte erzählen zu wollen. Da kommt jetzt ganz viel hoch, ganz viel Scham und Hilflosigkeit. Weil die Erfahrung, die die Leute gemacht haben, die da gegen ihren Willen viele Jahre festgesteckt haben, ist ja ein Gefühl, dem System ausgeliefert zu sein und eigentlich mit dem, was sie sich wünschen, nicht gehört zu werden. Dass man aufgibt, aber immer das Gefühl bleibt: Da ist etwas nicht gut."
Nenad macht seinen Weg
Doch es gibt auch kritische Einwände: Bildung sei doch eigentlich Aufgabe der Eltern, schreiben gleich drei Nutzer auf der Facebook Seite des Deutschlandfunks: Sie hätten für ihren Sohn kämpfen müssen. Nenad erzählt, dass er selbst seine Eltern erst überzeugen musste.
"Mein Vater hatte zunächst einmal nicht verstanden, was Schule ist und wieso. Und ich hatte ihm das in Ruhe erklärt: Wenn ich die Schule schaffe, kann aus mir was werden, denn heutzutage wollen die Arbeitgeber, die Unternehmen, jemanden, der ein nicht schlechtes Zeugnis hat, aber der auch was will! Da hat er gelacht und hat gesagt: Ok, da wird ich dich nicht aufhalten."
Und - wie immer - wird via Facebook von wenigen auch - wie hier Felix Kroll - gleich die ganze Geschichte infrage gestellt: Wer denn amtlich festgestellt habe, dass im Fall des 19-jährigen Nenad "falsche Kriterien zu einer fatalen Fehleinschätzung geführt hätten", will er wissen. Die Antwort gibt ein aktueller IQ Test des Jungen. Er zeigt: Nenad ist ein ganz normal begabter Schüler und für die Regelschule geeignet. Da macht er zurzeit seinen Weg, was sein letztes Zeugnis zeigt:
"Und dann hab ich es geschafft als Klassenbester. Mit dem Durchschnitt von 1,6. Hab sogar 'ne Urkunde bekommen dafür und: 20 Euro. Hab ich mich gefreut!"