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Regionalflughafen Kassel-CaldenKaum Entwicklungsperspektiven für den defizitären Flughafen

Der Flughafen Kassel-Calden steht stellvertretend für die meisten Regionalflughäfen in Deutschland: Sie sind finanziell defizitär und ein Zuschussgeschäft für die jeweiligen Bundesländer. Hessen kostet der Betrieb sechs Millionen Euro in diesem Jahr. Einige Politiker hoffen zwar noch, dass der Flughafen noch eine Perspektive hat - groß sind die Chancen aber nicht.

Von Ludger Fittkau | 07.07.2016

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Blick auf das Terminal des Regionalflughafens Kassel-Calden (Hessen) (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Durch das offene Fenster des Besprechungsraums der Flughafenverwaltung dringt der Lärm eines startenden Passagierflugzeuges. Den Sound der Antriebsdüsen hört Ralf Schustereder gern. Der schmale Mann Anfang 50 ist seit zwei Jahren Geschäftsführer des Flughafens Kassel-Calden. Ein schwieriger Job. Denn statt der vor drei Jahren bei der Eröffnung des nagelneuen Flughafens prognostizierten rund 600.000 Passagiere pro Jahr, nutzten Calden im vergangenen Jahr nur etwas mehr als 60.000 Flugreisende. Nur ein Zehntel der erwarteten Passagierzahl also für einen Flughafen, der weitgehend aus Landesmitteln bezahlt wurde. Die Kosten haben sich überdies von einst projektierten rund 150 Millionen Euro inzwischen auf annähernd 300 Millionen verdoppelt.
Flughafen-Chef Ralf Schustereder weiß, dass insbesondere die Grünen in der schwarz-grünen hessischen Landesregierung angesichts dieses Millionengrabs längst die Geduld verloren haben. "Ich glaube, das Grundprinzip, das man immer betrachten muss ist: Eine Infrastruktur wie der Flughafen, aber auch andere, die in Deutschland sind, werden nicht gebaut, um sich in fünf Jahren selbst zu tragen. Das ist schwerlich, gerade bei den Kosten, die hier verbunden sind. Das heißt die Geduld ist das a und o."
Ralf Schustereder verweist darauf, dass er die laufenden Zuschüsse bereits um mehrere Millionen reduzieren konnte. Doch immer noch muss das Land Hessen in diesem Jahr rund sechs Millionen Euro für den Flughafenbetrieb mit 128 Mitarbeitern zuschießen. Karin Müller, die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im hessischen Landtag, trauert auch den bereits verbauten mehreren hundert Millionen Euro nach: "Ja, es ist schon der Frust, dass das Geld einfach weg ist und das man nicht bedarfsgerecht ausgebaut hat."
"Es wird sehr, sehr schwierig, Dinge zu bewegen"
Warnende Stimmen gab es schon bei der Planung von Kassel-Calden mehr als genug, die einen Passagierflughafen in Kassel für überflüssig hielten. Zu ihnen gehörte der Airline-Verband Barig, in dem bundesweit rund 100 deutsche und internationale Fluggesellschaften organisiert sind. Barig-Generalsekretär Michael Hoppe: "Wir haben natürlich viele, viele Jahre sogar Jahrzehnte inzwischen Erfahrung in diesem Geschäft. Und wir können an dieser Stelle auch ganz klar sagen, hier landen wir jetzt einen Erfolgscoup oder hier wird es sehr, sehr schwierig, die Dinge zu bewegen. Letzteres haben wir damals gesagt und sagen wir auch heute."
Denn mit Hannover, Frankfurt am Main, Paderborn-Lippstadt oder Erfurt gab es bereits genug Flughäfen, die von Kassel aus gut und schnell per ICE oder PKW erreichbar sind. Doch auch Hessen wollte - wenn auch reichlich spät - vom Boom der Regionalflughäfen profitieren, der vor rund 20 Jahren durch die irische Fluggesellschaft Ryan Air ausgelöst wurde. Ryan Air expandierte damals auf dem europäischen Kontinent mit der Strategie, bewusst kleinere Flughäfen anzusteuern und dort günstigere Tickets anbieten zu können.
Doch dieser Boom ist seit einigen Jahren vorbei, weil auch die traditionellen Fluggesellschaften wie Lufthansa mit Billigstrategien kontern. Günstig in den Urlaub fliegen kann man längst auch von Frankfurt am Main, Berlin oder Köln. Zusätzlich rügte die Europäische Kommission staatliche Dauersubventionen für neue Regionalflughäfen und leitete rechtliche Schritte ein. Das zwang die Länder in vielen Fällen dazu, ihre Zuschüsse für die kleinen Flughäfen wieder zu reduzieren. Denn 2024 ist Schluss, dann müssen sie alle wirtschaftlich unabhängig sein.
Der Flughafen ist eine politische Entscheidung
Auch Yvonne Ziegler sieht kaum Entwicklungsperspektiven für den chronisch defizitären Flughafen Kassel-Calden. Sie ist Professorin für Betriebswirtschaft mit besonderem Schwerpunkt Luftverkehrsmanagement an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Viele Regionalflughäfen haben rein ökonomisch betrachtet keine Zukunft, lautet ihre Prognose: "Der Trend zeigt zumindest, dass nicht alle überleben werden. Es tun sich ja doch viele schwer leider Gottes. Lübeck, Zweibrücken, der Flughafen Hahn. Durch die Schuldenbremse, die ja viele Länder verabschiedet haben, sind natürlich auch die Länder unter Druck zu schauen, welche Verlustbringer sie im Haushalt haben und sich zu überlegen, was sie damit machen. Am Ende ist es schon eine politische Entscheidung zu sagen, dieser Flughafen ist mir das auch wert."
Aufsichtsratschef des Flughafens Kassel-Calden ist der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Er neigt dazu, die Millionen-Defizite des Flughafens noch einige Jahre aus der Landeskasse zu begleichen. Auch deshalb, weil er glaubt, dass Calden irgendwann eine Entlastungsfunktion für den Frankfurter Flughafen bekommen könnte: "In den Kernzeiten, wo eigentlich alle fliegen wollen, wird es nach wie vor sehr knapp. Das ist in Frankfurt erkennbar, darauf antwortet die Luftverkehrswirtschaft mit größeren Flugzeugen auf diesen Strecken, aber auch das wird irgendwann an seine Grenzen kommen. Deshalb glaube ich, dass die Regionalflughäfen auch wieder eine andere Ersatzverkehrsfunktion bekommen, wo man gerade Verkehrsverbindungen braucht, wofür man keinen Hub, also keine Anbindung an einen weiteren Flughafen braucht, sondern Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, dass sie dort möglicherweise mit kleineren Maschinen ihre Bedeutung finden werden."
Doch Schäfers grüner Koalitionspartner in der hessischen Landesregierung signalisiert wenig Bereitschaft, den Flughafen Kassel-Calden noch jahrelang zu subventionieren. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, Calden 2017 noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Karin Müller, die verkehrspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion: "Da wir ihn nicht wollten und alle anderen, auch SPD und FDP waren ja dafür, haben wir gesagt: Wir haben eine andere Position, aber deswegen müssen zumindest die Zuschüsse reduziert werden. Und es muss sich abzeichnen, dass es eine positive Entwicklung dieses Flughafens geben wird. Das evaluieren wir ja im Jahr 2017, so haben wir es festgelegt im Koalitionsvertrag. Und dann wird man entscheiden, wie man da weiter mit umgeht."