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Regisseur Werner Herzog "Ich habe meine Kultur nie verlassen"

Werner Herzogs neuer Film "Königin der Wüste" erzählt die Geschichte der Forschungsreisenden Gertrude Bell, die Anfang des 20. Jahrhunderts bei der politischen Neuordnung des Nahen Ostens eine große Rolle spielte. Im DLF erklärte Herzog, warum "Königin der Wüste" kein politischer Film ist - aber ein bayerischer.

Sigrid Fischer im Gespräch mit Werner Herzog | 02.09.2015

German Film Director Werner Herzog at the 66th Locarno International Film Festival, in Locarno, Switzerland, 16 August 2013
Werner Herzog 2013 (picture alliance / dpa / Urs Flueeler)
Sigrid Fischer: Werner Herzog, die Geschichte um Gertrude Bell, die Sie erzählen, reicht ja stark in die Gegenwart hinein, die aktuellen Konflikte im Nahen Osten scheinen damals schon angelegt worden zu sein, denkt man, wenn man den Film sieht. Aber einen explizit politischen Film wollten Sie nicht drehen, oder?
Werner Herzog: Der Film hört ja auf, wo sie politisch wichtig wird. Und da wird das dann so komplex, da bräuchte ich 40 Stunden, eine Riesen-Fernsehserie mit 40 Episoden, dann könnte ich das darlegen. Und es ist mehr Stoff für Bücher und Zeitungen, Zeitschriften. Aber es war natürlich immer klar, es trifft einen Nerv, weil es hat mit Nahen Osten zu tun, und damit, die Würde der Beduinen, dieses Lebens zu zeigen, heute ist das ja dämonisiert zum Teil, in den Medien und in der öffentlichen Auffassung. Bei der öffentlichen Weltpremiere, plötzlich mitten im Film, an einer Stelle, wo der Diener, Gertrude seine neolithische Speerspitze findet. Und er sagt: "Damals, in grauer Vorzeit, kann es keine Kriege gegeben haben, sondern damals hat das Paradies geherrscht, so hat es uns der Prophet gelehrt." Und da steht plötzlich ein Mann im Publikum auf und schreit: "Sie sympathisieren mit dem Islam, zur Hölle mit Ihnen". Das heißt also, auf einmal trifft der Film auch die Verwirrten, wo eine Islamophobie da ist, die nicht sehen können, welche große Würde die Menschen in der Wüste, die Beduinen haben, auch unter dem Islam.
Fischer: Aber unter anderem die Grenzziehungen in der Region, die Gertrude Bell mit angeregt hat als Beraterin der britischen Regierung, die verursachen auch heute noch Konflikte. Wie sehen Sie das jetzt im Nachhinein, wo Sie sich so sehr damit beschäftigt haben?
Herzog: Ich höre immer wieder, waren denn diese Grenzziehungen der Weisheit letzter Schluss im Nahen Osten? Nein, waren sie nicht, die waren fehlerhaft. Natürlich 100 Jahre später können wir sagen: Ja, da war sehr viel fehlerhaft, aber es gibt ja eine Alternative dazu, die im Moment praktisch sich zeigt in gewaltsamen Kämpfen, und zwar der Islamische Staat, der alle diese Grenzen auslöschen will und ein Kalifat an Stelle der einzelnen Staaten setzen will. Das Kalifat umschließt aber auch Libanon und Israel, und Jordanien, Irak, Syrien, Saudi-Arabien. Und jetzt, von unserer Sicht aus, muss ich sagen, die Neuordnung des Nahen Ostens war nicht vollkommen falsch, wie sie vor 100 Jahren gemacht wurde. Heute sehen Sie die Alternative und Sie müssen sich fragen: Welche Alternative ist für die Region besser?
"Ein großer Respekt für diese Art von Welt"
Fischer: Diese Frau ist ja mit sehr viel Respekt unterwegs, ohne Vorurteile, sie hat sich mit Sprache und Kultur und Historie der verschiedenen Völker und Stämme auseinandergesetzt, sie begegnet den Scheichs und Emiren und mit viel Respekt, und wird deshalb auch geachtet. Da denkt man so im Kino: Heute müsste vielleicht jemand das Gleiche tun. Würden Sie das denn als kleine Botschaft Ihres Films gelten lassen?
Herzog: Nein, dann wär ich Botschafter oder Briefträger. Nein, es ist einfach eine bestimmte Wärme, mit der diese ganze Welt gezeigt wird. Es ist ein großer Respekt für diese Art von Welt. Und das ist auch schon Ende der Durchsage, was das Politische anbetrifft. Respekt, Wärme, Verständnis, und die Tiefe und Poesie dieser Welt zu zeigen, das macht der Film.
Nicole Kidman als Gertrude Bell und James Franco als Henry Cadogan in "Königin der Wüste"
Nicole Kidman als Gertrude Bell und James Franco als Henry Cadogan in "Königin der Wüste" (dpa / picture alliance / Prokino Filmverleih)
Fischer: Es wurde stellenweise gelacht im Film, der ja doch sehr romantisch angelegt ist. Ich war nicht sicher, ob die Lacher immer in Ihrem Sinne sind.
Herzog: Aber ja, ist doch wunderbar. Schauen Sie sich "Bad Lieutenant" an, da wurde mehr gelacht als in einem Eddie-Murphy-Film. Oder auch in "Aguirre" sind witzige, merkwürdige - auch da lacht das Publikum bei manchen Stellen. Die sind so überdreht, dass auf einmal ein merkwürdiger Humor drin ist, ein seltsamer schwarzer Humor. Die Sehweise auf mich - perception wie die Amerikaner sagen - war immer so definiert von den Medien: Da ist ein obsessiver, teutonischer Charakter, der mit Tunnelblick, halb im Wahnsinn, irgendwelche Filmprojekte durchreißt. Stimmt gar nicht. Wenn Sie die Filme genauer anschauen, ohne diese vorgefasste Meinung, dann werden Sie eine Menge Humor drin finden, inklusive "Queen of the Desert".
Fischer: Der Hang zur Romantik ist aber neu bei Werner Herzog, habe ich so noch nicht gesehen.
Herzog: Das stimmt, ja, ich trete ja nicht auf derselben Stelle mein ganzes Leben, aber der Film gehört natürlich in die Familie meiner Filme. Das Merkwürdigste bei der ganzen Geschichte war, dass mir, während ich den Film gemacht habe, nicht auffiel, dass das zum ersten Mal eine weibliche Hauptfigur ist, das fällt mir jetzt auf und ich hätte das viel früher machen sollen, weil ich glaube, ich bin gut in Regie mit Frauen. Und ich habe eine Reihe von Spielfilmprojekten, wo auf einmal Frauen die zentrale Figur sind. Aber das ist nicht so, dass ich da Karriere planen würde. Das Ganze ist wie Einbrecher, die plötzlich mitten in der Nacht in der Küche Lärm machen, und Sie stehen auf, sind schlaftrunken, auf einmal fünf Eindringlinge gegenüber und einer kommt vehement auf Sie zu gerast und mit dem müssen Sie sich als erstes beschäftigen natürlich. Und so ist das mit Filmen.
"Ich habe meine Kultur nie verlassen"
Fischer: Weibliche Hauptfigur, historische Figur, historisch-politischer Stoff - da rufen die Geldgeber nicht gleich Hurra. Schon gar nicht in den USA, wo "Königin der Wüste" produziert wurde. Es klagen Regiekollegen von Ihnen in den USA, dass es so schwer geworden ist, Filme zu finanzieren, die nicht ins Erfolgsschema passen, wie der fünfte Teil von "Iron Man" oder der siebte von "Fluch der Karibik". Haben Sie diese Probleme also nicht?
Herzog: Es gibt eine Kultur der Wehleidigkeit, der gehöre ich nicht an. Jeder in der Industrie hat diesen wehleidigen Ton, da nehme ich nicht dran teil. Und wenn Sie ein Projekt haben, das solche Vehemenz und Substanz hat, dann wird das auch irgendwie gemacht. Und ich folge da einer Vision, die findet ihren Weg dann. Und in den USA oder international ist es ja so, dass ich einen anderen Bekanntheitsgrad habe als hier in Deutschland. Dass ich in den letzten 20 Jahren 35 Filme gemacht habe, ist hier nicht wahrgenommen worden, in anderen Ländern ja, unter anderem USA. Ich werde dort wirklich ernst genommen.
Es gibt viele junge Filmleute, die nur deswegen Filme machen, weil sie Filme von mir kennen. Oder Komponisten wie Hans Zimmer, der war ja in einer Band und hat "Fitzcarraldo" gesehen und sagte sich: Wenn jemand diesen Mut hat, so etwas zu machen, dann habe ich heute den Mut, steige aus der Band aus und werde Komponist. Es gibt viele, die mich als - wie soll ich sagen - als fernes Licht am Horizont sehen und ansteuern.
Fischer: Das heißt, Sie vermissen auch nichts, wenn Sie nicht mehr in Deutschland drehen.
Herzog: Ich habe ja nie meine Kultur verlassen, das heißt, auch wenn ich in Marokko einen Film über Gertrude Bell mache, ist das ein bayrischer Film. Vom kulturellen Klima her sind das alles bayrische Filme und ich sage das, weil es nur einen gegeben hätte, der "Fitzcarraldo" auch hätte machen können: Ludwig II., der hätte das auch gekonnt. Es sind bayrische Filme.