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Riesenschildkröten bedroht

Mit Cristobal Delgado sind wir früh raus aufs Meer gefahren. Wir sehen Kolonien von Seerobben, Meeresleguanen und Vögeln. Alles scheint perfekt. Seit 15 Jahren lebt der Fischer auf Galapagos - eine der artenreichsten Gegenden der Erde. Früher waren die Fänge erlaubt und deshalb lukrativ. Doch seitdem sich die Bevölkerungszahl auf Galapagos verdoppelte, sind die Fischschwärme weniger geworden. Hinzu kommen die saisonalen Fangverbote. Deshalb taucht der Fischer nach Seegurken. In Asien sollen sie eine Delikatesse sein. Die Tiere, die wie Gurken aussehen, haben eine wichtige Funktion im Meer: Wie ein Schwamm saugen sie verschmutztes Wasser auf und reinigen es. Doch zu viele von ihnen holten die Fischer aus dem Meer, der Bestand ist bedroht und der Fang heute deshalb verboten.

Von Claudia Schefke |
    Wir wissen, in Asien sind die Seegurken viel wert, aber hier, hier verdienen meistens nur die Händler und uns bezahlen sie einen Hungerlohn.

    Das monatliche Einkommen von Cristobal Delgado ist auf 150 Dollar geschmolzen. Zu wenig für die Galapagos-Inseln, wo das Leben teuer ist. Der Leiter der Charles Darwin Station, Fernando Espinoza, fürchtet, dass viele Fischer weiter nach Seegurken tauchen, auch wenn sie kaum noch ausgewachsene Tiere fangen.

    Im Jahr 1991/92 hatten wir 80 bis 100 Seegurken auf 100 Quadratmetern. Heute finden wir nur noch 10 bis 20.

    Die ganz Skrupellosen machen Jagd auf Haie. Im abgeschlossenen Schuppen zeigt uns der Polizist Juan Perreira über eintausend tote Jungtiere. Mit den getrockneten Haifischflossen wollten zwei Einheimische das Geschäft ihres Lebens machen: In Japan gelten die Flossen nämlich als wertvolles Potenzmittel. Ein Fischer hatte die beiden verraten.
    Der Wert der Flossen liegt bei ungefähr 90.000 Dollar. In asiatischen Ländern wird das Dreifache dafür bezahlt.

    Die Diebe träumten wohl von dem Reichtum, der ihnen täglich von Touristen aus aller Welt vor Augen geführt wird. Eine fünftägige Galapagos-Tour kostet nicht weniger als 2000 Dollar. Doch das Geld teilen sich Hoteliers, Bootsbesitzer und Souvenirverkäufer. Und von den 100 Dollar Eintrittsgebühren fließt nur die Hälfte in den Naturschutz, der Rest wird in Ecuadors Hauptstadt Quito überwiesen. Staatliche Hilfen gibt es für Fischer wie Cristobal Delgado nicht.

    Den Behörden ist es egal wie wir unsere Familien ernähren. Sie kümmern sich noch nicht einmal um einen Absatzmarkt für die Fische, die wir fangen dürfen.

    Die Lösung der Politiker: Mehr neue Jobs durch mehr Touristen, also bald einhundertzwanzigtausend pro Jahr. Doch ob alle Fischer davon profitieren, ist zweifelhaft. Der Biologe Fernando Espinoza sieht außerdem noch eine andere Gefahr.

    Wenn mehr Schiffe, mehr Flugzeuge, mehr Menschen nach Galapagos kommen, erhöht man ganz klar die Gefahr für die Biodiversität.

    Diese Gefahr existiert seit Entdeckung der Inseln im 16. Jahrhundert. Piraten und Walfänger töteten Millionen Riesenschildkröten. Ratten und Frösche vermehren sich seitdem unkontrollierbar. Verwilderte Kühe und Schweine sind Nahrungskonkurrenten geworden. Die Haustiere haben sich ihrer Umgebung perfekt angepasst: Verwilderte Ziegen trinken sogar Salzwasser. Hunde und Katzen machen sich über kleine Leguane und Schildkröten her. Immerhin, es gibt auch Erfolge: Kleine Inseln sind ziegenfrei und auch auf den großen hat die Jagd auf die wilden Haustiere mit internationaler Unterstützung begonnen. Mehr Menschen auf den Inseln aber bedeutet mehr fremde Pilze, Bakterien, Viren und Insekten. Neuerdings gibt es Mücken auf der Hauptinsel Santa Cruz.

    Diese Insekten übertragen Krankheiten nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf Vögel und Säugetiere. Also, ein Virus, das Seehunde und Vögel befällt, das wäre tödlich. Was passiert, wenn ein Virus Vögel angreift, das verantwortlich wäre für den Tod der letzten 1500 Pinguine? Diese Tiere zu verlieren, das wäre das Chaos für Galapagos.

    Die Schwarzmalerei der Naturschützer kümmert die Fischer wenig. Für Cristobal Delgado zählt, wie er seine Familie über die Runden bringt.

    Und wenn der Langustenfang demnächst auch verboten wird. Fangen Sie die dann trotzdem? Es ist eine Frage des Überlebens. Abgesehen davon haben wir wenig gefangen. Wir sind hier seit sieben Uhr früh und wir haben fast nichts. Wir sind zwölf Personen zu Hause. Es reicht nicht mal fürs Benzin.

    Die ökologische Entwicklung auf Galapagos ist auch aus Kostengründen schwer zu kontrollieren. Für die Parkverwaltung ist deshalb die Umwelterziehung an Schulen das wichtigste Projekt: Die nächste Generation könnte dann vielleicht die erste sein, die nicht länger den Ast absägt, auf dem sie sitzt und das "Paradies Galapagos" schützt, statt auszubeuten.