Dienstag, 09. August 2022

Rupert Neudeck gestorben
"Ein Vorbild an gelebter Mitmenschlichkeit"

Der Gründer der Hilfsorganisationen "Cap Anamur" und "Grünhelme", Rupert Neudeck, ist tot. Er starb im Alter von 77 Jahren nach einer Herzoperation. Die Nachricht seines Todes ist in Politik und Gesellschaft mit Trauer und großer Hochachtung vor seiner Lebensleistung aufgenommen worden - auch von der Bundeskanzlerin.

31.05.2016

    Das schwarz-weiße Bild zeigt einen lächelnden Neudeck
    Mit 77 Jahren gestorben: Rupert Neudeck. (Imago / Müller-Stauffenberg)
    "Rupert Neudeck war ein wahres Vorbild an gelebter Mitmenschlichkeit", erklärte Angela Merkel in einem Kondolenzschreiben. Er habe sich nie mit Misständen abgefunden. "Stets sah er es als seine Aufgabe an, einen praktischen Beitrag dazu zu leisten, Not zu lindern." Bundespräsident Gauck würdigte Neudeck als einen Menschen, "der beherzt, mutig und auch kompromisslos für die Menschen in Not eintrat". Bundesaußenminister Steinmeier sprach von einem "großen deutschen Aktivisten für die Menschlichkeit".
    Merkel spricht lächelnd in ein Mikrofon, Neudeck steht lachend dahinter neben Kauder. Im Hintergrund sieht man durch ein Fenster den Reichstag.
    Merkel und Neudeck bei einem Treffen im Jahr 2006 im Bundestag. (dpa / Wolfgang Kumm)
    Auch die Katholische Kirche würdigte Neudecks Arbeit: Der Kölner Kardinal Woelki erklärte, er habe Neudecks unbeirrbaren, geradezu sturen Willen zur Hilfe für Menschen immer bewundert.
    Auf der Facebook-Seite des Deutschlandfunks äußerte sich ein Nutzer, der nach eigenen Angaben Menschen persönlich kennt, die einst als "boat people" gerettet worden waren: Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft hätten ihnen eine "großartige Zukunft" ermöglicht.
    Das humanitäre Engagement Neudecks und seiner Frau wurde bundesweit erstmals im Jahr 1979 bekannt, als er mit dem Schriftsteller Heinrich Böll das Komitee "Ein Schiff für Vietnam" gründete, aus dem 1982 das Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte hervorging. Zwischen 1979 und 1982 holte die Organisation mit dem Frachter "Cap Anamur" vor der Küste Vietnams mehr als 11.000 "boat people" aus dem Wasser. Viele von ihnen sind inzwischen bestens in Deutschland integriert.
    Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt die Cap Anamur neben einem Schlepper.
    Die "Cap Anamur" erreicht im Juli 1982 mit fast dreihundert geretteten vietnamesischen Flüchtlingen Hamburg. (AP)
    2002 verließ Neudeck "Cap Anamur", und ein Jahr später gründete er zusammen mit dem heutigen Vorsitzenden des "Zentralrats der Muslime in Deutschland", Aiman Mazyek, die Hilfsorganisation "Grünhelme". Sie bezeichnet sich als parteipolitisch neutral, nationalitäts- und religionsübergreifend, tritt aber insbesondere auch für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein.
    Auch Mazyek äußerte sich bestürzt über den Tod seines ehemaligen Mitstreiters. Er sagte dem Deutschlandfunk: "Ich bin tieftraurig und geschockt, dass mein Freund Rupert Neudeck heute gestorben ist. Unser Land verliert mit ihm einen radikal-humanitären Helfer, einen Menschenrechtsaktivisten und Streiter für eine gerechte und friedliche Welt, wie wir ihn selten in unserem Land vorfinden." Die Menschen hätten ihn geliebt, weil er ein wahrer Anwalt der Mittellosen und der "Habenichtse dieser Welt" gewesen sei: "Unser tiefempfundenes Beileid gilt in diesen Stunden der ganzen Familie Neudeck, allen voran seiner Frau und seinen Kindern."
    Forderungen an die Flüchtlinge
    Natürlich hatte sich Neudeck auch in der aktuellen Flüchtlingskrise für die Migranten eingesetzt, aber auch Forderungen an sie gestellt: So sollten Deutschkurse seiner Ansicht nach nicht freiwillig, sondern verpflichtend sein. Neudeck trat zuletzt auch zunehmend als Kritiker der westlichen Entwicklungshilfe auf. Gerade in Afrika seien viele Länder von ihr abhängig geworden, bemängelte er. Seiner Auffassung nach sollte die Entwicklungshilfe so weit wie möglich zu den Nichtregierungsorganisationen verlagert werden.
    Der gebürtige Danziger entging als Kind auf der Flucht aus Ostpreußen nur knapp dem Untergang des Flüchtlingsdampfers "Wilhelm Gustloff", das von sowjetischen Torpedos versenkt wurde: Seine Familie hatte die Abfahrt des Schiffes verpasst. Später studierte er Theologie, wurde kurzzeitig Novize bei den Jesuiten und promovierte über "Politische Ethik bei Jean-Paul Sartre und Albert Camus". Von 1977 bis zum Vorruhstand 1998 arbeitete er als Redakteur beim Deutschlandfunk. "Ich habe meinen journalistischen Beruf sehr gern gehabt", bekannte er jüngst noch im WDR.
    Nach den Worten von DLF-Redakteur Christoph Heinmann wünscht sich die Familie Neudecks, dass sein Einsatz für die Menschen, für Menschenrechte und Menschenwürde fortgesetzt wird.
    (mg/kis)