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Kriegsstrategie
Militärisches Vorgehen Russlands in Syrien: eine "Blaupause" für den Ukraine-Krieg?

Die Nachrichten aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol sind verstörend. Zivile Einrichtungen wie Kindergärten sollen bombardiert worden sein, es gebe zahlreiche zivile Opfer, heißt es. Unabhängig lassen sich die Angaben nicht überprüfen, doch Expertinnen und Experten sehen Ähnlichkeiten zur russischen Kriegsführung in Syrien. Sie sprechen von einer Blaupause für den Ukraine-Krieg.

08.03.2022
    Russische Soldaten in einer Straße im Ostteil der zerstörten syrischen Großstadt Aleppo.
    Russische Soldaten im Ostteil der zerstörten syrischen Großstadt Aleppo (picture alliance / dpa / Timur Abdullayev)
    Russisches Militär greift seit 2015 an der Seite von Machthaber Assad in den Syrienkrieg ein. Auch dank der russischen Militärhilfe gelang es Assad, die Kontrolle über weite Teile des Landes zurückzuerobern. Putins Motive seien dabei nicht uneigennützig gewesen, so die Fachleute. Der Militärexperte Joris Van Bladelm vom Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik sagte der "Tagesschau", Syrien sei "ein Versuchslabor für das militärische Arsenal" Russlands gewesen. Etwa 90 Prozent der russischen Luftwaffenpiloten sollen bei dem Einsatz Erfahrung gesammelt haben. Putin habe außerdem mehr als 200 Waffensysteme getestet haben, rechnet die "Tagesschau" vor: Präzisionswaffen, die von Schiffen und U-Booten abgefeuert werden, neue Kampfjets, Drohnen, bunkerbrechende Raketen, Aufklärungstechnik.

    "Humanitäre Korridore" als Auftakt für Bombardierungen

    Auch mit Blick auf die sogenannten humanitären Korridore weisen Experten auf Ähnlichkeiten hin. Diese Fluchtwege hat Putin nun auch in der Ukraine angeboten - so wie zuvor bereits im syrischen Aleppo.
    Blick von außen durch die Scheibe. Der Junge schaut traurig nach draußen, sein Vater scheut ihn besorgt an. Beide tragen schwarze Wollmützen. Der Junge hält ein Handy in der Hand.
    Ein kleiner Junge und sein Vater in einem Bus, der Zivilisten aus der von der russischen Armee belagerten Stadt Mariupol bringt. (AP)
    Michael Horowitz, ein Analyst der Denkfabrik "Le Beck", sagte der "Bild"-Zeitung, was zunächst harmlos erscheine, folge einer tödlichen Logik. Sobald diese "Korridore" eingerichtet seien, werde jede verbleibende Person als legitimes Ziel angesehen. Horowitz warnte weiter: "Unter dem Deckmantel einer 'humanitären' Geste sind die Korridore in Wirklichkeit der Auftakt zu massiven Bombardierungen."
    Der langjährige Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary beschreibt die Lage ähnlich. Die von den Rebellen kontrollierten Orte in Syrien, seien mithilfe der russischen Luftwaffe systematisch bombardiert und über lange Zeiträume belagert, zerstört und ausgehungert worden. Wer dann die Städte verlassen wollte, dem seien "humanitäre Korridore" angeboten worden, die zunächst oft in den Gebieten unter der Kontrolle des Regimes in Damaskus endeten. "Wer dort ankam und irgendwie nach Opposition roch, wurde abgegriffen und auf Nimmerwiedersehen weggeführt", so El-Gawhary: "Ein Grund, warum auch damals viele zögerten, diesen Weg zu nehmen, ähnlich wie heute viele ukrainische Zivilisten, die nicht nach Russland oder Belarus transportiert werden möchten."

    Amnesty International: Russland schützt Zivilpersonen nicht

    Solche und ähnliche Taktiken dienen dazu, die Bevölkerung unter Druck zu setzen und Widerstand zu schwächen. Auch Amnesty International macht Russland massive Vorwürfe: 2015 seien in Syrien bei einer Reihe russischer Luftangriffe auf Wohngebiete in Homs, Idlib und Aleppo zwischen September und November mindestens 200 Zivilpersonen getötet worden. Im Jahr 2020 berichtete Amnesty International, dass russische Flugzeuge sowohl Schulen als auch Krankenhäuser in Syrien angriffen hätten. Einen Teil dieser Einrichtungen hatte die UNO zuvor zu Orten erklärt, die vor Angriffen zu schützen seien.
    Syrien-Konflikt, Aufnahme vom 10. August - aufsteigender Rauch über einem Tunnel, der von Truppen des syrischen Präsidenten Assad in der Stadt Foua im Nordwesten von Idlib genutzt wird. AFP PHOTO / OMAR HAJ KADOUR
    Rauch über einem Tunnel in Foua in der Provinz Idlib in Syrien (AFP / OMAR HAJ KADOUR)
    Die russischen Streitkräfte hätten wahllose Angriffe durchgeführt, verbotene Waffen eingesetzt und manchmal offenbar absichtlich Zivilpersonen und zivile Objekte angegriffen, was ein Kriegsverbrechen sei, so die Menschenrechtsexpertin Agnès Callamard.

    In Syrien wurde niemand zur Rechenschaft gezogen

    Amnesty International beklagt aber auch eine fehlende Reaktion des Westens auf diese Art der Kriegsführung. Niemand sei zur Rechenschaft gezogen worden. Die Menschenrechtsorganisation vermutet, dass Wladimir Putin in Syrien austestete, wie weit man gehen kann.
    Die ehemalige Nahost-Korrespondentin der Wochenzeitung "Die Zeit", Andrea Böhm, sieht das ähnlich. Sie schreibt in ihrer Kolumne: "Ich frage mich heute, ob es zu diesem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gekommen wäre, wenn Barack Obama 2013 nach einem massenmörderischen Giftgasangriff des Regimes auf oppositionelle Gebiete [in Syrien] seine Androhung von Luftangriffen eingehalten hätte, statt seine eigene 'rote Linie' zu verwischen und Syrien dem Kreml zu überlassen. Wenn westliche Staaten eine Flugverbotszone über oppositionellen Gebieten eingerichtet oder wenigstens Luftbrücken für belagerte Städte riskiert hätten. Wenn sie also Wladimir Putin nicht in dem festen Glauben gelassen hätten, dass 'der Westen' an die von ihm gepredigten universalen Werte selbst nicht glaubt."