
Galjamina vertrat die Auffassung, dass die Amerikaner und Europäer die Möglichkeit hätten, Putin zu einem Kriegsende zu bewegen. Zugleich appellierte sie an die europäische Öffentlichkeit und speziell auch an die Ukrainer, die Russen als ihre "Verbündeten" und nicht als "ewige Feinde" zu betrachten: "Wir haben einen gemeinsamen Feind: Wladimir Putin, der unser Land im Grunde genommen besetzt hat - mit seinen Leuten. An diesem Krieg lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Wir haben es versucht, aber nicht geschafft." Wegen ihres Protests gegen den Krieg saß die Oppositionelle zwischenzeitlich 30 Tage in Haft.
"Unverständnis" für ukrainische Drohnenangriffe
Auf die ukrainischen Drohnenangriffe würden ihre Landsleute mit Unverständnis reagieren, die sich etwa gegen russische Ölanlagen und den größten Online-Händler Wildberries richteten: "Die Menschen stehen auf dem Standpunkt, dass nicht sie es waren, die angefangen haben zu bombardieren. Es war Putin, der angefangen hat mit den Raketen. Aber Putin selbst wird von niemandem bombardiert. Es sind die einfachen Leute, die bombardiert werden“, erklärte Galjamina weiter mit Blick auf die russische Bevölkerung.
Kleinere Erfolge und Wut auf beide Regierungen
Galjamina verbuchte es dennoch als Erfolg, dass die Gesellschaft aus ihrer Sicht die Abschaltung des Internets durch die Regierung verhindert habe, ebenso eine allgemeine Mobilmachung: "Es findet keine mehr statt. Das ist doch unser Verdienst, auch dass es ihnen nicht gelungen ist, alle in die Ideologie dieses Krieges hineinzuziehen! Die Menschen sagen, da kämpft irgendjemand, aber das geht uns nichts an." Nach Darstellung der Oppositions-Aktivistin distanziert sich die russische Gesellschaft damit "quasi von sich selbst von diesem Krieg". Die Stimmung im Land beschrieb Galjamina in diesem Zusammenhang als eine Mischung aus Kriegsmüdigkeit und "Wut auf die russische aber gleichermaßen auch auf die ukrainische Regierung", die den Krieg nicht beenden würden.
"Entpolitisierung und Atomisierung" der Menschen
Die ehemalige Politikerin der sozialliberalen Jabloko-Partei war vom russischen Justizministerium auf die Liste der sogenannten "ausländischen Agenten" gesetzt worden, mit denen die russische Staatsmacht missliebige Personen und Organisationen finanziell und juristisch unter Druck setzt. Der Dozentin für Philologie und Expertin für sibirische Sprachen ist deshalb die Lehrtätigkeit untersagt. Politisch engagiert sie sich außerhalb ihrer früheren Partei.
Zu diesem Themenblock erklärte Galjamina, wie jedes autoritäre Regime stütze sich auch das russische System auf zwei Säulen: der Entpolitisierung und Atomisierung der Bürgerinnen und Bürger. Deshalb brauche es jede Art von gemeinschaftlichem Handeln und Bindungen. "Dementsprechend ist jede Gründung eines Buch-Clubs oder die Organisation eines Stadtteilfestes bereits eine politische Aktion“, fügte die 53-jährige Moskauerin hinzu.
Diese Nachricht wurde am 01.08.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
