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SachsenFehlende Infrastruktur für Radverkehr

Radfahren ist klimafreundlich und hält fit. Doch in Sachsen ist die Fahrt mit dem Drahtesel zur Arbeit oder zum Supermarkt im nächsten Ort oft nicht möglich. Fehlende Infrastruktur macht das Radfahren in den sächsischen Städten für viele zu unangenehm oder sogar zu gefährlich.

Von Bastian Brandau | 26.05.2016

Radfahrer warten an einer Ampel in der Oranienstraße am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg in Berlin.
In Sachsen bleibt den Radfahrern oft nur die Fahrt auf der Straße. (dpa / picture alliance / Özlem Yilmazer)
An einer Kreuzung in Dresden steht ein weißes Fahrrad. Studentin, 26 Jahre, ist auf einem Schild zu lesen. Blumen und Kerzen stehen an einem Sicherungskasten. Im Februar wurde an dieser Kreuzung eine Radfahrerin von einem LKW überfahren – wohl auch, weil sich die Straße hier verjüngt, ohne dass es angezeigt wird. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club, ADFC hatte schon vor zwei Jahren auf die Gefahr an der Kreuzung hingewiesen. Doch erst nach dem Todesfall baut die Stadt die Stelle um. Ein extremes Beispiel, das aber zeigt, warum viele Menschen noch immer vor dem Radfahren in Sachsen zurückschreckten. Der Vorsitzende des ADFC Sachsen, Olaf Matthies.
"Die Leute haben Angst. Ihnen fehlen die sicheren Radverkehrsanlagen. Viele Menschen würden wirklich gerne mit dem Rad zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen fahren aber sie fühlen sich nicht sicher im derzeitigen Straßenverkehr."
Sächsische Städte beim Fahrradklima-Index im letzten Drittel
Jedes Jahr ermittelt der ADFC unter den deutschen Städten den Fahrradklima-Index. Befragt werden dabei die Radfahrer vor Ort, etwa ob sie sich sicher fühlen, oder ob in ihrer Stadt Menschen aller Altersgruppen Rad fahren könnten. Sächsische Städte landen dabei fast ausschließlich im letzten Drittel, sagt Olaf Matthies.
"Sachsen verfügt bereits über ein gewisses Radverkehrsnetz, aber es ist noch viel zu tun, um überhaupt an den Stand der anderen Bundesländer heranzukommen. Der Ausstattungsgrad der Bundes- und Staatsstraßen ist weit unterdurchschnittlich und wir müssen viel Geld in die Hand nehmen, um es zu schaffen, dass in den nächsten zehn Jahren wenigstens an den derzeitigen Stand der anderen Bundesländer anschließen kann."
Mit dem Rad zur Arbeit in die Stadt. Zum Supermarkt im nächsten Ort, auf einem Radweg - das ist in Sachsen oft nicht möglich. Und dann bleibt nur die für Radler unangenehme Fahrt auf der Straße.
Dabei ist das Geld da. Als sich vor eineinhalb Jahren die schwarz-rote Landesregierung bildete, fand der Radverkehr Eingang in den Koalitionsvertrag. Vier Millionen Euro standen den Kommunen zur Verfügung – sie fragten aber nur knapp zwei Millionen davon nach. Der Staatssekretär im zuständigen Wirtschaftsministerium Hartmut Mangold.
"Das werfe ich den Kollegen auf der kommunalen Ebene aber gar nicht vor, weil die im Moment ziemlich intensiv damit beschäftigt sind, die Infrastrukturprobleme zu beseitigen, die durch die beiden Hochwasser entstanden sind. Das setzt man natürlich Prioritäten. Weil das aber so ist und weil wir das wissen, haben wir nicht nur die Mittel im Straßenverkehr erhöht, wir haben die Richtlinien mit der man die Mittel gerade im Radverkehrabnehmen kann, die Rahmenbedingungen deutlich verbessert. Die kriegen jetzt 90 Prozent gefördert, die kriegen die Planungskosten gefördert. Das heißt, selbst wenn sie nicht genug Personal haben, können sie sich für den Bau eines Radwegs jetzt Personal einkaufen."
Ministerium setzt auf Eigenverantwortung der Kommunen
Maßnahmen, die nicht schnell wirken, sagen die oppositionellen Grünen und der ADFC. Und fordern, dass das Land die Kommune nicht nur finanziell, sondern noch mehr organisatorisch unterstützt. Das aber lehnt man im Ministerium ab und setzt auf die Eigenverantwortung der Kommunen.
"Wir hoffen, dass das jetzt auch greift. Ich gehe davon aus, weil die ersten Indizien sehr gut sind, wir haben unheimlich große Nachfrage im gesamten Bereich der kommunalen Infrastruktur. Auch bei den Radwegen. Also ich bin da ganz optimistisch, dass sich das in Zukunft deutlich besser entwickeln wird."
Viel zu langsam, finden die Grünen und der ADFC. Sie befürchten: Sachsen scheint eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zum Radverkehr zu verschlafen. Der Radverkehr in der Hauptstadt Dresden wird wohl weiterhin ein Flickenteppich bleiben, befürchtet der ADFC-Vorsitzende Olaf Matthies.
"Es ist so, dass sich Dresden dadurch auszeichnet, dass ich teilweise sehr gute Radverkehrslösungen habe, aber teilweise dann 500 Meter weiter wieder sehr schlechte Radfahrbedingungen, wo man am liebsten das Schild aufstellen würde: Radfahrer bitte auflösen, weil man als normaler Nutzer gar nicht weiß, wo und wie man sich hier verhalten soll."