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"Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"

Christian Dietrich Grabbes Farce vom Scherz undsoweiter ist, wie der Hinweis auf die "tiefere Bedeutung" bereits andeutet, eine ernste Angelegenheit: Es ging mit diesem Vormärz-Produkt des schwerblütigen ostwestfälisch-lippischen Sturmgenies und Kampftrinkers um Kritik am klassischen deutschen Idealismus und dessen Menschenbild, um Auseinandersetzung mit Goethe und dessen diabolischem Faust, um Wissenschaftswahn und Kritik am Bildungssystem. Und wahrscheinlich um noch einiges mehr. Aber dieser Surplus ist Sache der Philologie. Das Theater schert sich nicht länger drum.

Von Frieder Reininghaus | 18.12.2004

Ihm kommt der Teufel aus blauem Himmel geschneit. Und just so verhält es sich nun auch in Köln bei der Weiterverarbeitung des alten Grabbe-Textes durch den Berliner Literaten Jörg Gronius und den aus Hamburg stammenden Henze-Schüler Detlev Glanert. Das eiserne Rückgrat der Satire bildet das Quartett der Naturhistoriker, das sich zum running Gag mausert. Die vier Weißkittel sind mit Lupen auf Schmetterlingsjagd: Rumms - ein Orchester-Schlag bringt den Gottseibeiuns zur Welt, der als Oberkirchenrat seinen Weg zu Jungbaronesse Liddy durch das kleinkarierte Milieu zwischen tapferen Schneiderlein und Schloss Lopsbrunn alias Lopsborn antritt. Matthias Koch verleiht dem Hohen Herrn aus der Tiefe irdische Figur und hohen Ton.

Der Teufel kommt, singt hörbar wenigstens eine Oktave zu hoch (weshalb die Naturforscher auch konstatieren: "Er passt nicht in unser System"). Ihn friert. Die geistliche Macht aus der Tiefe des Raums sorgt überhaupt für den Fortgang der sau-"komischen Oper" und mischt sich daher mit "plastischer Musiksprache" in die Brautwerbung um die Baronesse ein. Die wird vierfach begehrt: vom Edlen von Wernthal, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat; vom Dichter Rattengift, der sie als Türöffner für die besseren Kreise zu missbrauchen beabsichtigt; vom Herrn Mollfels, der sie - o Gott! - ganz und gar zu lieben behauptet und vom Herrn von Mordax, der vernünftigerweise nur ihren Körper begehrt und zu diesem Behuf mephistophelische Unterstützung in Anspruch nimmt. Theodor Teufel verlangt im Gegenzug einen sinnlosen Massenmord: 13 Schneidergesellen als Morgengabe.

Regisseur Christian Schuller zeigt ihn säuberlich stilisiert als "Reise nach Jerusalem", bei der der Teufel jeweils einen Stuhl beiseite stellt. Das grellbunte Bühnenbild von Jens Kilian wird so richtig stadttheatrig durch die Kostüme von Ulrich Schulz - Gamsborsten am Hütchen und vergleichbaren Accessoires betulicher Heiterkeit sollen der rasch aufkommenden Langeweile entgegenwirken.

Was den Kölner GMD Markus Stenz geritten hat, diesen symphonisch geblähten Scherz, dem die Ironie wie die tiefere Bedeutung abgeht, auf die Bühne zu hieven, bleibt unerfindlich. Glanert schriebt eine oberflächengewandte Musik, die auf unmittelbare, ja: naive Weise illustriert. Vor allem entfaltet sie eine Geschäftigkeit, die auf die Modelle der berüchtigten "Spielmusik" in der Mitte des totalitären 20. Jahrhunderts rekurriert. Das mag im Kontext der vier fachidiotischen Experten der Naturforschung sogar in Ordnung gehen.

Längst zeigt das Operngewerbe Züge des Anachronistischen. Zuweilen freilich besonders krass. Glanerts Grabbe-Fortschreibung mögen manche für Ferment einer charmanten Idylle halten. Wenn die auf der Tagesordnung stehen sollte: na gut denn.