Archiv


Schul-Speisung und Weiterbildung

Von Jacqueline Boysen |
    1989 ist für mich eine Welt zusammengebrochen: Wer bis 1989 Lehrer war, war alles mögliche, aber bestimmt kein Widerstandskämpfer.

    Birgit Siegmann war in der DDR Staatsbürgerkundelehrerin, ab 1992 unterrichtete sie Geschichte an einem Gymnasium im ehemaligen Sperrgebiet in Thüringen.

    Irgendwann hat ein Schüler mich gefragt, wieso ist die DDR gegen den Baum gefahren, wenn doch alles viel besser war? Ich war fassungslos und hab ein Projekt ins Leben gerufen, das die andere Seite der DDR gezeigt hat.

    Kaum aber hatte sie versucht, ihre eigenen Wissenslücken in Sachen Demokratie und Herrschaftsgeschichte der DDR zu schließen und - dem Wunsch ihrer Schüler entsprechend - die SED-Diktatur zum Unterrichtsthema erklärt, sah sie sich massiven Anfeindungen im eigenen Lehrerkollegium ausgesetzt.

    Bei den Schülern war das so, die wurden von Kollegen in - Siggi war mein Spitzname - in siggi-feindlich und siggi-freundlich unterteilt. Da war der Teufel los. Da rutschten auch schon mal Noten von guten Schülern in den Keller. Aber die Schüler haben nicht gekuscht und haben sich das verbeten.

    Birgit Siegmann schloss sich der Initiative Schul-Speisung an: Nahrung sollen hier Lehrer erhalten, die ihren Beruf in der DDR erlernt haben und denen daran liegt, dass sie in der Bundesrepublik nicht Zaungäste oder Nostalgiker bleiben, sondern das in sich aufnehmen, was Pädagogen im starren, parteihörigen Volksbildungssystem verwehrt war:

    Sie sind nicht - ohne Schuldzuweisung - nicht ausgebildet, so dass es mit einem demokratischen System kompatibel wäre. Sie sind Bildungshandwerker. Didaktisch, das muss man auch sagen, sind sie nicht schlecht ausgebildet, aber es fehlt ihnen die Eigenverantwortung.

    Uwe Hillmer, Lehrer und Didaktiker von der Freien Universität Berlin, beklagt heftig, dass in vielen Lehrerkollegien der nicht mehr ganz neuen Länder bis heute eine gedankliche Starre herrsche. Dagegen wollte Hillmer angehen, als er zusammen mit der Bürgerrechtlerin Freya Klier 1997 die Schul-Speisung ins Leben rief. Lehrern soll die Möglichkeit gegeben werden, alte Denkmuster zu überwinden:

    Wenn man mit Lehrern und Schülern über das System der DDR redet, herrscht sofort Aggression bei den Lehrern, weil sie sich dafür verantworten, Asche aufs Haupt streuen. Die Befreiung kommt dann, wenn klar wird, ich muss mir nicht Asche aufs Haupt streuen, sondern das System war eines des erzwungenen Mitmachens - ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit.

    In Mecklenburg-Vorpommern bietet auch das Büro des Landesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit Seminare für interessierte Lehrer an. Jochen Schmidt, Stellvertreter des Landesbeauftragten, berichtet davon, wie befreiend diese durchaus konfliktträchtige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, aber auch dem Berufsethos der Pädagogen wirkt - insbesondere bei jenen, die diese Selbstreflexion bis heute gescheut haben:

    Natürlich geht es um Faktenwissen, dann aber auch darum, wie ich mit diesen Dingen umgegangen bin, nicht nur mit der Stasi: Wie verstehe ich mich? Auch der Umgang mit den Schülern: Wenn dann die Frage kommt, warum sind Sie in die Partei gegangen, gibt es gar kein Problem, dass der Lehrer das offen erzählt. Wir kriegen auch Reaktionen der Schüler, die sagen, das finden wir gut, das ist ehrlich.