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Selbstkorrektur des patriotischen Überschwangs

In Amerika erobern Bücher die Bestsellerlisten, die sich kritisch bis polemisch mit George Bush und seiner Außenpolitik auseinandersetzen. Klaus-Jürgen Haller bietet einen Überblick über diese Neuerscheinungen und die Debatte, die sie auslösen.

    Nach den Kongresswahlen, dem Rücktritt Verteidigungsminister Rumsfelds und nach der trostlosen Analyse der Baker-Hamilton-Kommission hat sich in Sachen Irak in Amerika Ernüchterung breitgemacht. Zu diesem Stimmungswandel dürfte eine Reihe von Bestsellern beigetragen haben, die, durchweg von Journalisten verfasst, so etwas wie die überfällige Selbstkorrektur des patriotischen Überschwangs der unmittelbaren Kriegsberichterstattung darstellen. Senator John McCain von Arizona zählte einige dieser Titel auf, als er bekannte, wegen all der Fehler das Vertrauen in den Mit-Republikaner und Verteidigungsminister Rumsfeld verloren zu haben.

    "'Fiasco', 'Cobra II', 'State of Denial', es ist hinreichend belegt, dass wir mehr Truppen brauchten, dass wir die Plünderungen nicht zulassen durften, dass wir weit mehr hätten tun müssen, die Sicherheit der Iraker zu garantieren."

    Dass ein engagierter Senator diese Bücher kennt, kommt nicht von ungefähr. Sie bestimmten die politische Diskussion der letzten Monate. "Fiasco, das amerikanische Militärabenteuer im Irak" von Thomas Ricks, dem Militärkorrespondenten der "Washington Post", ist ein Verriss der Bush-Administration, wie er im Buche steht, "Cobra II, die Insider-Geschichte der Invasion und Besatzung im Irak" eine umfassende Beschreibung des Bodenkriegs und der politischen Fehler unmittelbar danach von Michael Gordon, Militärkorrespondent der "New York Times", und Bernard Trainor, Ex-Generalleutnant der Marineinfanterie. "State of Denial" von Bob Woodward von der "Washington Post" beschreibt Bush und engste Mitarbeiter, als seien sie unfähig oder nicht willens, die trostlose irakische Wirklichkeit zu erkennen.

    Man könnte weitere Titel hinzufügen: "The Assassins´ Gate. Amerika im Irak" von George Packer, einem Reporter des "New Yorker", oder "The End of Iraq, wie Amerikas Inkompetenz einen Krieg ohne Ende verursachte" von Peter Galbraith, einem Ex-Diplomaten, der angesichts der Ausweglosigkeit des Bürgerkriegs bereits für die Dreiteilung des Irak plädiert.

    Zusammengenommen wirken diese Bücher wie eine Enzyklopädie der Inkompetenz und Fahrlässigkeit der Administration in Washington. Die Autoren verzichten auf vordergründige Polemik, sie geben sich nicht als prinzipielle Kriegsgegner zu erkennen, umso gewichtiger der Vorwurf der "kriminellen Fahrlässigkeit", wie George Packer schreibt. Rumsfeld wollte im Irak beweisen, dass die moderne Kriegführung ohne massierte Kräfte auskommt. Wer anderer Meinung war, wurde eingeschüchtert oder kaltgestellt wie Vier-Sterne-General Shinseki, der Stabschef des Heeres. Es sei lächerlich, dass man für die Besatzung eines Landes mehr Soldaten brauche als für seine Eroberung, hatte Rumsfeld erklärt. Viele Studien und vor allem die Erfahrungen auf dem Balkan sprachen für das genaue Gegenteil. Dabei schien der Sturmlauf auf Bagdad Rumsfeld zunächst recht zu geben. Er plante, schon wenige Monate nach dem Sturz Saddam Husseins die ersten Verbände abzuziehen.

    "Ein Rein-und-Raus-Krieg, in dem die Iraker die Hauptlast des Wiederaufbaus schultern; die internationale Gemeinschaft hilft","

    so charakterisiert Michael Gordon Rumsfelds Konzept, das lange gescheitert ist. Schon als das große Plündern begann, stellte sich heraus, dass das amerikanische Militär auf so etwas nicht vorbereitet war. Es war nicht einmal in der Lage, die Waffenlager im Lande zu sichern, von denen es 85.000 gegeben haben soll. Was wäre eigentlich passiert, wenn der Irak doch noch über chemische oder biologische Waffen verfügt hätte? Mit einem Federstrich hatte der Chef der amerikanischen Zivilverwaltung die irakischen Streitkräfte aufgelöst, die nach der ursprünglichen Planung mit etwa 300.000 Mann für Ruhe und Ordnung hätten sorgen sollen. Gordon und Trainor schreiben, die Auflösung der irakischen Streitkräfte sei mit Zustimmung Rumsfelds, aber ohne Kenntnis des Außenministers, der Sicherheitsberaterin und der Generalstabschefs erfolgt.

    ""Ich kapiere immer noch nicht, dass eine so wichtige Entscheidung getroffen werden kann, ohne dass alle relevanten Regierungsvertreter und -stellen vorab informiert sind."

    Als Richard Haass, Colin Powells Planungschef, im Juni 2002 Bedenken gegen die Invasion vortragen wollte, bedeutete ihm Sicherheitsberaterin Rice, er könne sich die Mühe sparen, die Sache sei entschieden. Dies sollte ein Markenzeichen der Bush-Administration werden: die Umgehung der regulären Entscheidungsprozesse, der Ausschluss der Fachleute, die Vermeidung kontroverser Debatten. Außenminister Powell konnte Bush noch bewegen, die Vereinten Nationen einzuschalten. Aber als Frankreich ankündigte, im Sicherheitsrat jeden Invasionsbeschluss zu verhindern, war Powells Mission gescheitert. Er erkannte erst spät, dass er von Rumsfeld und Vizepräsident Cheney systematisch übergangen wurde. Powell sagte Bush dann rundheraus, dass der politische Entscheidungsprozess zerrüttet sei, aber erst bei seinem Ausscheiden, nachzulesen in "Soldier", der Powell-Biografie von Karen DeYoung von der "Washington Post". Dass Powell salutierte und weitermachte, wird zunehmend kritisiert. Bob Woodward geht weit, wenn er sagt:

    "Wenn Powell standgehalten und erklärt hätte, ich geh an die Öffentlichkeit und trete zurück, das Ganze ist ein Fehler; vielleicht hätte das den Krieg aufgehalten."

    Der Kongress, ein einziges Trauerspiel, übte in Sachen Irak keinerlei Kontrollen aus.

    "In anderen Kriegen,"

    spottet Thomas Ricks,

    "hatten wir Falken und Tauben, in diesem Krieg herrschte im Kongress das Schweigen der Lämmer."

    Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin, war nicht in der Lage, Rumsfeld und Vizepräsident Cheney Paroli zu bieten. Präsident Bush, an Selbstsicherheit nicht zu übertreffen, kümmerte sich kaum um Einzelheiten. Vizepräsident Cheney, der die treibende Kraft gewesen sein dürfte, bleibt, all den Recherchen zum Trotz, der große Unbekannte. Die Bush-Administration überzeichnete die von Saddam Hussein ausgehenden Gefahren so drastisch, dass sie einen Präventivkrieg rechtfertigten. Für die Zeit nach seinem Sturz allerdings galten die rosigsten Erwartungen: Der befreite Irak wird aus dem Stand demokratisch; der wirtschaftliche Wiederaufbau lässt sich gewissermaßen aus der Portokasse der Ölförderung finanzieren. Thomas Ricks schreibt vom vielleicht miserabelsten Kriegsplan der amerikanischen Geschichte, George Packer von der kriminellen Fahrlässigkeit, die Iraker wie Amerikaner gleichermaßen betrogen habe. Packer zufolge ging es weder um die irakischen Massenvernichtungswaffen noch um Saddams vermutete Beziehungen zum organisierten Terror.

    "Es war der Wunsch einer kleinen Gruppe in Schlüsselstellungen der Administration, Geschichte und Politik im Nahen Osten umzukrempeln, weg vom säkularen oder religiösen Extremismus, hin zum Westen, insbesondere zu den Vereinigten Staaten."

    Wie diese wenigen, unter anderen Paul Wolfowitz und Douglas Feith im Verteidigungsministerium, Scooter Libby im Büro des Vizepräsidenten, die Entscheidungsträger Bush, Cheney und Rumsfeld auf ihre Linie brachten, bleibt weiter rätselhaft. Das Projekt, mit dem Sturz Saddam Husseins die demokratischen Neuordnung des Nahen Ostens einzuleiten, ist jedenfalls gescheitert. An den bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Irak, an dem gigantischen Ansehensverlust der Vereinigten Staaten. Ihr Bild in der arabischen Welt wird nicht von der Freiheitsstatue, sondern von den gespenstischen Szenen aus dem Gefängnis von Abu Graib bestimmt. Es geht heute nur noch darum, das völlige Chaos zu vermeiden. Aber wie die Baker-Hamilton-Kommission konstatierte, eine Garantie, dass man nicht doch dort landet, gibt es nicht. Washington versucht unverändert einen geeinten Irak zusammenzuhalten.

    Peter Galbraith, der als amerikanischer Botschafter in Kroatien einschlägige Erfahrungen sammelte, rät, sich mit der Teilung des Landes abzufinden. Die Kurden im Norden seien bereits selbstständig, die Schiiten im Süden suchten mit Hilfe ihrer Milizen nach iranischem Vorbild, islamische Gesetze durchzusetzen. Die Sunniten hätten ganz andere Vorstellungen vom künftigen Irak. Und ein Festhalten an einem geeinten arabischen Irak erscheine als Formel für endlosen Krieg.


    Michael R. Gordon, Bernard E. Trainor: Cobra II - The Inside Story of the Invasion and Occupation of Iraq Pantheon 2006, 27,95 Dollar

    Thomas E. Ricks: Fiasco. The American Military Adventure in Iraq Penguin Press 2006, 482 Seiten, 27,95 Dollar

    Bob Woodward: State of Denial: Bush at War, Part III Simon and Schuster 2006, 560 Seiten, 30 Dollar

    Karen DeYoung: Soldier. The Life of Colin Powell Knopf 2006, 610 Seiten, 28,95 Dollar

    George Packer: The Assassins´ Gate. America in Iraq Farrar Straus Giroux. 2005, 467 Seiten, 26 Dollar

    Peter W. Galbraith: The End of Iraq. How American Incompetence created a War without End Simon and Schuster 2006, 272 Seiten, 28 Dollar