Freitag, 13.12.2019
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteCampus & KarriereBraindrain auf Italienisch16.07.2014

Serie: Europas vergessener NachwuchsBraindrain auf Italienisch

Michele Bolla Pittaluga glaubt, die Zukunft liegt in Europa. Damit meint er nicht in erster Linie die Zukunft Italiens, sondern seine eigene. In Italien sieht der junge Wissenschaftler keine Perspektiven. Deshalb hat er jetzt einen Job in Den Haag angenommen.

Ein Reisender verschwindet mit seinem Koffer hinter einer Ecke (AFP / Miguel Riopa)
Immer mehr gut ausgebildete Italiener verlassen das Land. (AFP / Miguel Riopa)
Weitere Teile der Serie: Europas vergessener Nachwuchs

Jugendarbeiteslosigkeit in Spanien (Deutschlandfunk - Campus & Karriere - Von Marc Dugge - 14.07.2014)

Viele junge Ungarn wandern aus (Deutschlandfunk - Campus & Karriere - Von Marc Dugge - 15.07.2014)

Tränen fließen heute in einer Schule in Genua. Maria muss sich von ihren Klassenkameraden verabschieden. Es ist ihr letzter Schultag hier - das neue Schuljahr wird Micheles Tochter in den Niederlanden beginnen. Ihr Vater erklärt:

"In Italien passiert das oft: Man wird in einer Stadt geboren, besucht dort die Uni und sucht sich dann in derselben Stadt Arbeit. Ich bin in Genua geboren, habe hier studiert, mein Doktorat gemacht und habe dann hier meine Anstellung gefunden. Das war jetzt sicher eine schwere Entscheidung für die Familie, doch sie macht gern mit bei diesem Abenteuer."

Bei Maria hält sich der Enthusiasmus heute in Grenzen. Nach Hause geht es mit dem Motorrad.

Die Bollas müssen ihre Sachen packen. Die ganze Familie wird umziehen: Michele, seine Frau und die vier Kinder. Dabei ist es für den gelernten Ingenieur bislang ziemlich gut gelaufen:

"Ich hatte das Glück, relativ schnell angestellt zu werden. Ich bin Forscher mit Festanstellung und Doktorat. Doch abgesehen von dem anfänglichen Glück, ist mir klar geworden, dass es sehr schwer ist, hier Karriere zu machen, und sehr oft hat das nichts mit dem eigenen Können zu tun."

Familienmitglieder bevorzugt

Womit wir bei der Poltrona wären, dem Versorgungsposten. An den italienischen Universitäten laufen viele Stellenbesetzungen über Seilschaften. Und oft kommen nicht die Besten nach oben, sondern die, die die mächtigsten Fürsprecher haben, oder "figlio di ..." sind, Sohn oder Tochter von einem, der Macht hat. Auch das hat den Ausschlag gegeben für Micheles Entscheidung:

"Erstens sicher die fehlende Perspektive. In meinem Fall und in vielen anderen weiß man nicht, ob und wann es Geld geben wird für höhere Posten. Der akademische Bereich wird Jahr für Jahr kleiner, weil nur ein Teil der Professoren, die in Rente gehen, ersetzt werden."

Mittags kommt Michele meist nach Hause: um seine Kinder zu sehen und auch weil Federica, seine Frau, arbeitet. Ihr Gehalt als Ärztin wird dringend gebraucht.

"Dann nimmt man seine Sachen und geht"

Der anstehende Umzug war am Ende eine finanzielle Frage: Michele, der gelernte Ingenieur, ist an der Universität Genua "Ricercatore", also eine Stufe unter dem Professor. Er hat schon in den USA geforscht, in Spanien und in Schottland. Aber Chancen, selber Professor zu werden, sieht er erst einmal nicht.

"Ich gehe jeden Morgen mit großer Lust zur Arbeit. Die Depression setzt erst ein, wenn ich mein Bankkonto anschaue und mir klar wird, dass das bis zum Monatsende nicht reichen wird. Im Vergleich zum Rest der Welt geht es uns in Italien schlecht. Und wenn dann Arbeitsangebote kommen, wie in meinem Fall, bei denen du fünfmal so viel verdienst wie jetzt, für mehr oder wenig dieselbe Arbeit, klar, dann nimmt man seine Sachen und geht."

"Fuga dei cervelli" nennen sie das hier, "Flucht der Gehirne", neudeutsch Braindrain. In den letzten fünf Jahren haben 94.000 Italiener zwischen 15 und 35 das Land verlassen. Zumindest offiziell. Unter ihnen viele Akademiker wie Michele. Bei einer Jungendarbeitslosigkeit von zurzeit mehr als 46 Prozent ergreift, wer kann, die Flucht. Für Michele aber ist das eine Flucht mit Rückversicherung. Für ein paar Jahre kann er unbezahlten Urlaub nehmen, und wenn er dann zurückkommt, stehen seine Chancen an der Uni hoffentlich besser:

"Ich steige für maximal drei Jahre aus und hoffe, dass sich in den drei Jahren etwas ändert und dass ich in der Zwischenzeit Kontakte knüpfe und qualifizierter bin, um mich wieder in die akademische Welt eingliedern zu können."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk