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StartseiteWirtschaft am MittagRegion Höxter setzt auf Gemeinwohlökonomie09.04.2020

Serie "Grünes Wirtschaften" (4)Region Höxter setzt auf Gemeinwohlökonomie

Umweltschutz und faire Arbeitsbedingungen helfen der Bilanz – aber nur, wenn ein Unternehmen im Sinne der Gemeinwohlökonomie wirtschaftet. Der Kreis Höxter hat sich dem Konzept angeschlossen, doch noch ist die Gemeinwohlökonomie eine Nische.

Von Robert B. Fishman

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Eine Illustration zeigt Geschäftsleute auf einem Boot im Meer, die versuchen, sich zu orientieren. (imago/Ikon Images)
Der Gemeinwohlökonomie geht es weniger um Wachstum als um faire Arbeitsbedingungen und Umweltschutz (imago/Ikon Images)
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Apotheker Albrecht Binder rührt in seiner Sankt Rochus Apotheke eine Salbe an. Im Flur hängt eine Pinnwand. Darauf steht das Wort "Achtsamkeit". Für jeden Monat überlegt sich Binder mit seinen Angestellten einen Wert, den sie in den Mittelpunkt ihres Arbeitsalltags stellen wollen.

"Und ich merke schon, dass wir jetzt Entscheidungen gemeinsam wertebasiert treffen und dass das auch Zufriedenheit schafft."

Albrecht Binder, Jahrgang 1961, versteht sich als Unternehmer. Trotzdem geht es ihm um mehr als das Geldverdienen. Deshalb hat er für seine beiden Apotheken eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Nach dem Konzept des österreichischen Autors Christian Felber untersuchen und bewerten unabhängige Auditoren, was Unternehmen zum Gemeinwohl beitragen. Kriterien sind etwa: Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung. Punkte gibt es zum Beispiel für geringen Ressourcenverbrauch, die Nutzung von Ökostrom, Dienstfahrrädern und für eine geringe Lohnspreizung. Bewertet werden außerdem die Lieferkette und regionale Wirtschaftskreisläufe. Binder hat zwei Apotheken – sie haben 455 von 1000 Punkten erreicht.

 "Ich sehe es als Controlling-Instrument und wir gucken uns jetzt wieder die Bereiche an, in denen wir nicht so gute Punkte bekommen haben: Da können wir dran arbeiten."

Fünf  Stühle in verschiedenen Farben und Größen stehen nebeneinander. Von links nach rechts werden die Stühle immer größer. (imago / Westend61) (imago / Westend61)"Grünes Wirtschaften" (3) - Ein grünes BIP als alternative Größe
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Gemeinwohlbilanzierung stärke auch die Mitarbeiterbindung

Transparenz, faire Arbeitsbedingungen und Gehälter helfen laut Binder auch, die Beschäftigten im Unternehmen zu halten.

"Was wir messen konnten im Rahmen der Gemeinwohlbilanzierung ist, dass unser Krankenstand deutlich niedriger ist als im Durchschnitt und das macht sich eben dann auch wiederum in der Wirtschaftlichkeit bemerkbar."

Auch Axel Meyer ist von der Gemeinwohlökonomie überzeugt. Sein Unternehmen Taoasis in Detmold stellt ätherische Öle und andere Duftstoffe in Bio-Qualität her.

"Wir reden darüber, dass wir Gutes tun. Wir sind dadurch immer beliebter geworden und diese Beliebtheit von Taoasis sorgt dann letztendlich für den gestiegenen Umsatz."

Eine Grafik zeigt Hände, die einen Globus halten (Imago/ Alexx Williamson) (Imago/ Alexx Williamson)"Grünes Wirtschaften" (2) - CO2-neutral - ein glaubwürdiges Label?
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Wachstumskritikern geht Gemeinwohlökonomie nicht weit genug

In seiner ersten Gemeinwohlbilanz hat Taoasis 642 Punkte erreicht. Ganz zufrieden ist Meyer damit nicht. Die Gemeinwohlkriterien passten nicht für alle Betriebe, etwa wenn es darum geht:

"Die Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeitenden. Da haben wir 60 Prozent Abzug bekommen. Wenn ich das will, dass sie nur vegetarisch essen und übern Tellerrand hinaus denken, dann muss ja bei auch bei dem anderen der Wille und die Einsicht sein, warum soll ich das denn machen. Die essen lieber ihr Steak weiter. Wie soll ich das denn bitte ändern."

Manchen Kapitalismuskritikern geht die Gemeinwohlökonomie nicht weit genug – denn auch hier gehe es um Wachstum. Einige Wirtschaftswissenschaftler werfen der Gemeinwohlökonomie hingegen Einseitigkeit vor. Viele Kriterien seien schwer zu messen und es sei nicht klar, wer das Gemeinwohl für alle verbindlich definieren dürfe. 

Reinhard Raffenberg, Leiter der Stiftung Gemeinwohlökonomie Nordrhein-Westfalen hält dagegen:

"Es muss ein Mehrheitsprozess stattfinden: wie wollen wir in Zukunft wirtschaften und miteinander leben? Wollen wir noch den ökologischen und den humanen Part mehr in unsere Gesellschaft mit einfließen lassen? Die Bilanzierung ist festgelegt heutzutage. Und diese Mär, dass durch eine Veränderung unser Wirtschaftssystem vielleicht nicht mehr funktionieren wird, das haben wir schon vor 30 Jahren beim Thema Atomenergie gesehen. Erneuerungen, die passieren oder die passieren sollen, bringen die Leute immer ein bisschen auf die Palme. Das ist nun mal so."

Mehr als 600 Firmen und Kommunen haben bisher eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Gut 2.000 unterstützen das Konzept  – bei 3,5 Millionen Unternehmen insgesamt allein in Deutschland  ist diese Form der Unternehmensführung noch eine Nische.

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