Samstag, 03. Dezember 2022

Sexualisierte Gewalt
Größte Interviewstudie in Deutschland

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat eine einzigartige Studie veröffentlicht. Es ist die größte Interviewstudie zu sexuellem Missbrauch im Sport in Deutschland. 72 Betroffene haben ihre Geschichten zur Verfügung gestellt.

Von Andrea Schültke | 27.09.2022

Eine Turnerin bereitet sich auf ihren Wettkampf vor
Eine Turnerin bereitet sich auf ihren Wettkampf vor (picture alliance / dpa Bernd Thissen)
"Es sind schwerwiegende Übergriffe, die dort stattgefunden haben. Es geht um sexualisierte Gewalt in Form von Vergewaltigungen und meistens auch mehrfach oder über längere Zeiträume. Manchmal eben auch bis hin zu Jahren", so Studienleiterin Bettina Rulofs. 72 Betroffene, überwiegend Frauen, haben der Kommission ihre Geschichte erzählt. Sie waren zur Tatzeit im Durchschnitt elf Jahre alt. Viele schildern, dass sie keine Unterstützung bekommen haben, wenn sie sich jemandem anvertraut haben. Im Gegenteil, es wurde ihnen nicht geglaubt.

Betroffene leiden ihr Leben lang

Die Geschichten der Betroffenen "zeigen ein Bild, das überhaupt nicht passt zu unseren allgegenwärtigen Vorstellungen vom gesunden, fairen und schönen Sport. Im Gegenteil. Betroffene von sexualisierter Gewalt haben lebenslängliche Schäden für ihre Gesundheit aus dem Sport mitgenommen und erzählen deshalb eine ganz andere Geschichte über den Sport, als es normalerweise der Fall ist", sagt Rulofs.
Um den Sport sicherer zu machen, müsse zu Beginn die Aufarbeitung stehen, so Angela Marquardt vom Betroffenenrat der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Und dann sollten Maßnahmen umgesetzt werden, die die Betroffenen in der Studie eingefordert hätten.

Klare Regeln: Nicht einfach in die Kabine oder in die Dusche

"Kein Trainer, keine Trainerin sollte mit einer Gruppe alleine sein, warum nicht grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip? Niemand sollte in eine Umkleidekabine gehen, ohne anzuklopfen", sagt Marquardt.. Niemand sollte in eine Dusche reinlaufen, selbst wenn er nur kurz miteinander was besprechen will. Das sind alles so kleine Verhaltensweisen, die zu einem Umdenken führen können, aber auch zu einem Mentalitätswandel im Sport, der dringend nötig ist."
Dazu brauche es unabhängige Unterstützung von außen, sagt Studienleiterin Bettina Rulofs.  Es geht um das geplante, unabhängige Zentrum für Safe Sport. Das solle unter anderem Betroffene unterstützen, aber auch eine Stelle sein, die eingreift, "die hier also wirklich aufklärt und aufdeckt, wenn dort Gewalt stattfindet und die auch in der Lage ist, zum Beispiel Lizenzen zu entziehen, damit Trainer beispielsweise nicht weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen können".

Kommission: Organisierter Sport soll sich bekennen

Die Finanzierung eines solchen Zentrums müsse von der Politik kommen, so Heiner Keupp von der Aufarbeitungskommission. Aber der Sport dürfe sich hier keinesfalls aus der Verantwortung ziehen.
"Dieses Zentrum lebt davon, dass auch der organisierte Sport sein Commitment zeigt", sagt Keupp. "Und wenn er sich da raushält und sagt, das soll doch bitteschön der Staat machen, dann wäre das ein Armutszeugnis. Und das sollte auf keinen Fall akzeptiert werden." Die heute veröffentlichte Studie kann die Forderungen an den Sport untermauern.