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Sich verschiebende Teile eines Bruchs

Viele junge Künstler präsentieren im Migros-Museum in Zürich ihre Auffassung von Formensprache und zeigen damit Ideen für eine moderne Gegenwartsarchitektur.

Von Christian Gampert |
    Wenn man ein wenig die Phantasie spielen lässt, kann man Gebäude wie menschliche Körper betrachten. Das ist insofern gar nicht so abwegig, als viele Gegenwartsarchitekten sich im Grunde als Bildhauer im städtischen Raum verstehen.

    Andererseits nehmen bildende Künstler immer wieder Baumaterialien als Körper-Metapher, um die Verletzlichkeit der menschlichen Seele ins Bild zu bringen: das Schrundige, Geborstene, Rissige oder auch das nach außen Geglättete, zwangsweise in Form gebrachte können als Darstellungen psychischer Zustände gelesen werden.

    Die Ausstellung im Migros-Museum stellt nun eine ganze Reihe solcher architektonischen Körper vor, die Kuratorin Heike Munder schon mal vorsortiert:

    "Für mich gibt's da zwei Richtungen: Das eine ist das Formalistische, das andere ist der Bereich, der aus dem Informellen kommt, der mit dem Kruden, dem Handwerklichen, dem Material, mit dem Haptischen spielt."

    Der Minimalismus wird vor allem von der jungen Schweizerin Emilie Ding vertreten, die den Zuschauer mit ihren glattpolierten Betonstücken aus dem Vorraum in die Ausstellung hineinzieht. Das scheinen Fragmente von Wellenbrechern zu sein, Parkplatzpoller oder Brücken-Elemente mit stählernen Bolzen – aber völlig reduziert auf die Formensprache eines Donald Judd oder John Armleder.

    Die geometrische Reduktion wird dann aufgenommen von dem Schaumstoff-Sarg des Kilian Rüthemann, der innen freilich wie ausgefräst, ausgeschält wirkt und jetzt schon Spuren der Verwesung aufweist, simpler Schimmel wie auf alten Matratzen.

    Die Ausstellung präsentiert fast nur neueste Arbeiten von sehr jungen Künstlern – zusammengehalten von einem schon etwas älteren Großmeister des Monumentalen, von Ulrich Rückriem. Dessen sechs Tonnen schwere Skulptur, aufgeraute, unter Aussparung von winzigen Spalten aneinandergefügte Steinblöcke, wirkt auf den ersten Blick wie eine einzige massive, aber eben auseinander gebrochene Gesteinsmasse mit behauener, griffiger Oberfläche.

    Dieses Konzept - Kanten, Bruchlinien, Bohrungen, Zersägungen -verkörperlicht auch den Titel der Ausstellung. "Displaced Fracture" heißt medizinisch, dass die beiden Teile eines Bruchs sich gegeneinander verschieben können und wieder in die richtige Position gebracht werden müssen. Der Schmerz wiederum kann an ganz anderer Stelle erscheinen. Etwas geht kaputt und tut weh – das zeigen auch andere Werke der Ausstellung, die die körperliche Arbeit des Künstlers betonen, sagt Heike Munder:

    "Wenn man die letzten 30, 40 Jahre in der Kunstgeschichte anguckt, dann war eigentlich immer das Konzept im Vordergrund und man hat vieles in Bearbeitung gegeben. Dass man sich selber physisch mit der Arbeit ins Verhältnis gesetzt hat, war etwas, das seit den 1950iger Jahren in der Weise nicht mehr diskutiert wurde."

    Im Zentrum der Ausstellung steht eine riesige, kreisförmige Skulptur von Phyllida Barlow, die sich zwar als Postminimalistin versteht, die Oberfläche ihrer Skulptur aber grauweiß bemalt und mit Rohmaterialien aus dem Straßenbau sowie Gaze, Styropor und Gips versieht. Auch der vom Portrait ausgehende Berliner Künstler Klaus Winichner baut eine Art Müll-Altar mit eingegipsten Gardinen, Styroporplatten, Spraydosen und einem Zollstock als Vermessungs-Element; hinten prangt ein Madonnenbild. Oscar Tuazon aus Seattle präsentiert ein zerschlagenes Betonteil wie nach einem Erdbeben und lässt an der Decke Wasser in eine Zeltkonstruktion tropfen. Klara Lidén hängt sich in ihren Videos als Klammeraffe an Laternenpfähle und Stützpfeiler. Und Tacita Dean fängt die Abenddämmerung als Spiegelung auf den Glasfenstern des inzwischen abgerissenen Palasts der Republik ein, die Fensterstreben wirken wie Mondrian-Linien.

    Dass Skulptur und Architektur Metaphern des Körpers und der Verwesung sein können, wird ganz am Ende der Ausstellung noch einmal deutlich. Öffnet man nämlich eine Tür hinter der Installation der Tacita Dean, so gähnt hier ein riesiger, unbenutzter, kalter, fauliger Loft.