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Soldaten der Grauzone

Das Söldnertum ist ein Phänomen, das zum lukrativen Geschäft wurde, seit in den kriegerischen Auseinandersetzungen der Moderne nicht mehr Regierungen das Sagen haben, sondern Warlords und Milizen. Doch nicht nur sie heuern Söldner an: Auch viele westliche Streitkräfte betreiben das Outsourcing von Soldaten. Angeblich sind 4000 Deutsche in dieser Branche tätig, schreibt der Kriegsreporter Franz Hutsch in seinem Buch.

Von Daniel Blum | 13.07.2009
    Bagdad ist für Benny immer noch ein Schlachtfeld. Sein Schlachtfeld. Wild hupend bahnt er sich einen Weg. "Nicht stehenbleiben! Weiter! Weiter!", schreit er den Fahrer an, als würde der Pole nicht direkt neben ihm sitzen. Bennys Augen suchen die Straßenränder ab. Spielende Kinder bereiten ihm Unbehagen. Um Mülltonnen macht er einen Bogen. Kinderwagen lassen seinen Adrenalinspiegel in die Höhe schnellen. Alles mögliche Sprengfallen. Der Deutsche greift seinem Fahrer ins Lenkrad, kurbelt herum.

    In Deutschland gäbe es dafür wohl Punkte in Flensburg - in Bagdad wird solches Draufgängertum dagegen gut honoriert. Benny ist ein deutscher Söldner im Ausland. Vor einigen Jahren wäre er damit ein Exot gewesen, heute ist er Trendsetter. Konvois begleiten, umkämpfte Städte ausspähen, Pipelines bewachen: für einen Söldner liegt das Geld im Irak auf der Straße. Wenn man es aufhebt, kann man allerdings erschossen werden - "no risk, no money". Autor Franz Hutsch ist Kriegsreporter, ein anerkannt guter und mehrfach mit Preisen ausgezeichneter obendrein. Bei seinen Einsätzen in aller Welt ist ihm aufgefallen,

    "dass immer mehr Deutsche mir begegnet sind im Irak und in Afghanistan, die dort eben nicht als Angestellte oder als Soldaten der Bundeswehr unterwegs waren oder mit einem staatlichen Auftrag, sondern privat auf eigene Rechnung arbeiteten - und das wurden immer mehr."

    Ein Albtraum für Diplomaten, ein Traum für die Söldnerbranche: Es gibt mittlerweile Sicherheitsfirmen wie den US-amerikanischen Branchenführer Blackwater, die eine ganze Armee von freiberuflichen Söldnern unter Vertrag haben. Sie machen gegen gutes Geld vornehmlich die Jobs, für die die Leben regulärer Soldaten nicht riskiert werden sollen:

    "Söldner braucht es vor allem deswegen, weil jeder Soldat in einem Sarg zurückkommt, auf dem dann eine Landesflagge liegt, während ein Söldner im Plastiksack zurückkommt - das heißt also, unbeachtet von der Öffentlichkeit."

    Autor Franz Hutsch ist nicht nur ein erfahrener Kriegsreporter, sondern auch studierter Politikwissenschaftler, und er war Berufsoffizier bei der Bundeswehr. In seinem Buch "Exportschlager Tod" verbindet er Porträts deutscher Söldner mit einer fundierten Recherche der politischen Hintergründe. Geschickt verschränkt er energiegeladene, vibrierende Reportagen mit präzisen Analysen. Hutsch weiß seine Aussagen gleich mehrfach zu belegen: durch die eigene Anschauung vor Ort, die Auswertung der internationalen Literatur, durch Interviews, zum Beispiel mit UN-Vertretern.

    Und er zieht auf der Basis der vorliegenden Fakten plausible Schlüsse. Söldner ziehen persönlichen Profit daraus, dass man nicht miteinander verhandelt, sondern aufeinander schießt. Muss das nicht in Krisengebieten zwangsläufig zu vermeidbaren Eskalationen führen, fragt Hutsch:

    Wenn eine Struktur von militärischen Dienstleistern entsteht, kann man nicht ausschließen, dass diese permanent neue Konflikte inszenieren, um ihre Weiterversorgung zu gewährleisten. Die Privatisierung des Kriegshandwerks trägt kaum zur Befriedung der Kriegsgebiete bei, ganz im Gegenteil.

    Über den US-Branchenführer Blackwater hat der Journalist Jeremy Scahill ein Buch geschrieben, das weltweites Aufsehen erregte. Franz Hutsch legt nun den Fokus auf den deutschen Anteil am Geschäft. Bei der Bundeswehr verabschieden sich mittlerweile immer mehr Soldaten, um auf dem freien Markt schnelles Geld zu verdienen. Die Branche reagiert begeistert: Deutsche Militärs galten schon immer als theoretisch gut ausgebildet. Seit der rot-grünen Bundesregierung unter Schröder und Fischer konnten deutsche Streitkräfte im Kriegshandwerk auch praktische Erfahrung in aller Welt sammeln, jetzt gelten ihre Soldaten für eine Söldnerkarriere wie geschaffen.

    "Exportschlager Tod" heißt Franz Hutschs Buch nicht von ungefähr: Deutsche Sicherheitsunternehmen spielen auf dem Weltmarkt zwar immer noch eine Komparsenrolle, deutsche Soldaten dagegen werden von US-amerikanischen und britischen Firmen gerne engagiert. Häufig führen sie als Subunternehmer Einsatzteams an von fünf, sechs Söldnern, die oft aus Osteuropa stammen.

    Bis zu 1800 Dollar, also 1400 Euro täglich, verdient ein deutscher Söldner. Bar auf die Hand, steuerfrei. In anderthalb Tagen verdient ein Söldner das, was ein Schutzmann in Hamburg oder München, in Köln oder Berlin in einem Monat verdient. Benny, der im Irak Routen ausspäht, über die Konvois geleitet werden, sagt: "Nach drei, vier Jahren im Irak oder Afghanistan hast du dein Häuschen in Deutschland abbezahlt".

    Franz Hutsch hat nicht nur mehrere deutsche Söldner bei Einsätzen im Irak oder Afghanistan begleitet. Er dokumentiert auch, dass die Bundeswehr im Ausland die Dienste von fremden Söldnern in Anspruch nimmt. Das deutsche Parlament weiß nichts davon oder will davon nichts wissen. Pikant auch ein anderes Ergebnis seiner Recherchen: Am personellen Aderlass der Bundeswehr ist diese selbst nicht unbeteiligt: Sie zahlt ausscheidenden Zeitsoldaten Zuschüsse, wenn sie sich in Söldnercamps, zum Beispiel in Israel, fortbilden lassen. Ein rechercheintensives und spannendes Buch hat Franz Hutsch vorlegt - er beleuchtet eine Grauzone, die die Streitkräfte gerne im Dunkeln lassen würden.

    Daniel Blum rezensierte: Franz Hutsch: Exportschlager Tod - deutsche Söldner als Handlnegr des Krieges. Erschienen im Econ-verlag, knapp 300 Seiten für Euro 18,90.