Sonntag, 03. Juli 2022

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Sommermärchen-Affäre
"Weiteres massives Defizit am Freshfields-Bericht"

Sportjournalist Thomas Kistner liefert, nach den neuesten Enthüllungen in der Affäre rund um die WM-Vergabe 2006 nach Deutschland, eine Einschätzung ab, wie der DFB auf den Ausfall eines asiatischen Wahlmanns reagiert haben könnte. Außerdem übt Kistner Kritik am Freshfields-Bericht des DFB. "Es ist eine teure Arbeit, die mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert", sagte Kistner im DLF.

Thomas Kistner im Gespräch mit Marina Schweizer | 25.03.2017

Sepp Blatter und Jack Warner herzen sich bei der U17-WM in Südkorea 2007
Sepp Blatter und Jack Warner (li.) herzen sich - Der karibische Sportfunktionär ließ sich offenbar von den Deutschen seine Stimme abkaufen (imago Sportfoto)
"Elias Zaccour war ein enger Freund von Ex-FIFA-Präsident Joao Havelange. Zugleich war er einer der Erfinder der schmutzigen Fußball-Wahlkämpfe. Er hat fragwürdige Figuren, wie Jack Warner oder Mohammed Bin Hammam in der FIFA groß gemacht und das so ein Mann im Jahr 2000 den Deutschen für zwei Millionen Dollar zur WM 2006 geholfen habe, nährt logischerweise den Verdacht, dass hier mit den üblichen Schmiermitteln gearbeitet wurden, die bei jeder anderen WM-Vergabe seit 1998 angewendet wurde, das ist ja belegt", sagte Thomas Kistner im Deutschlandfunk.
Warner musste offenbar kurzerhand für einen Asiaten einspringen
Kistner berichtete auch, dass er im Juli 2013, Zaccour in Rio - kurz vor dessen Tod - traf. Der Brasilianer habe ihm bei den Gesprächen dargelegt, dass Jack Warner bei der deutschen WM-Kür für einen der vier asiatischen Wahlmänner eingesprungen sei, da einer von ihnen aus dem Deutschland-Block ausgeschert war. Die Deutschen hätten einen Ersatzmann für den Asiaten gebraucht, dies müsse nach der Aktenlage Jack Warner gewesen sein. "Das bezeugt nicht nur Zaccour, sondern auch ein Zehn-Millionen-DM schwerer Vertrag, der mit ihm abgeschlossen wurde", berichtet der sportpolitische Experte der Süddeutschen Zeitung.
Es gebe weitere Verdachtsmomente, so Kistner, besonders auffällig sei, wie diskret die DFB-Aufklärer der Kanzlei Freshfields mit dem Namen Jack Warner umgingen. "Da wurde eine Jack-Warner-Datei, ein Jahr lang den Behörden vorenthalten, dann wurde der Zehn-Millionen-Vertrag zwölf Tage nicht publik gemacht."
DFB-Verteidigungsstrategie passt nicht mehr
Vor allem würde die Verteidigungsstrategie, die der DFB sich in der Affäre zurecht gelegt habe, nun nicht mehr stimmen. Der DFB hatte immer behauptet, er hätte der FIFA eine Provision über zehn Millionen Franken überweisen müssen. Dies passe nun nicht mehr.
Der Journalist und FIFA-Experte Thomas Kistner
Der Journalist und FIFA-Experte Thomas Kistner (imago stock & people)
Auch am Freshfields-Bericht, der die WM-Affäre nach einem DFB-Auftrag aufarbeiten sollte, übte der FIFA-Experte große Kritik. "Es wird immer deutlicher, dass der Freshfields-Report eine sehr spezielle Sicht auf die Äffäre pflegt. Das Zaccour im Freshfields-Report fehlt, ist ein weiteres massives Defizit." Sowohl der erste Millionenvertrag als auch Zaccours Beteuerung, Warner habe für Deutschland gestimmt, stehen nicht in dem Bericht.
Angesicht der hohen einstelligen Millionensumme, die der Bericht gekostet habe, fragt sich Kistner, ob der Bericht nicht DFB-intern neu bewertet werden müsse. "Ich denke, dass gerade das Amateurlager oder der Frauenfußball nicht erfreut sind, über eine solch teure Arbeit, die mehr Fragen aufwirft, als Antworten liefert."
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