Mittwoch, 01. Februar 2023

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Soziologe über "Cancel Culture"
"Wir haben eine zersplitterte Öffentlichkeit"

Ein Netflix Film wird boykottiert bevor er online geht, eine Lesung abgesagt, weil der Autorin rechte Gesinnung unterstellt wird, ein Konzert findet nicht statt, weil der Band linkes Gedankengut zugeschrieben wird. "Die Empörung hat eine gewisse Tradition", sagt der Soziologe Marc Dietrich im Dlf.

Marc Dietrich im Corsogespräch mit Susanne Luerweg | 24.08.2020

Das Deutschrap-Duo Kollegah (r) und Farid Bang (l)
Kollegah und Farid Bang haben zur Abschaffung des Musikpreises "Echo" beigetragen - Cancel Culture oder sinnvolles Handeln? (imago/xcitepress)
"Cuties" lautet der Titel eines Films, der demnächst auf Netflix laufen soll. Aber schon jetzt haben 150.000 Menschen gegen den Film protestetiert, ohne ihn gesehen zu haben. Denn bislang ist von "Cuteis" nur der Trailer verfügbar.
Altes Phänomen
Und den finden eben schon jetzt sehr viele Menschen bedenklich. Er sexualisiere junge Mädchen, so der Vorwurf, denn die sind in knappen, bunten Outfits unter anderem beim Tanzen zu sehen. Die daraus resultierende "Cancel Culture" ist ein Beispiel, das sich mühlos in eine immer länger werdende Liste einreihen lässt. Marc Dietrich, Soziologe mit Fachgebiet Pop- und Hip Hop-Kultur hat zusammen mit Günther Mey und Martin Seeliger die aktuelle Zeitschrift "Berliner Debatte" herausgegeben, deren Schwerpunkt lautet " Empörung und Skandal."
Diverse Themen
Die Skandalisierung durch abgesagte Events hat in der Regel keinen öknomischen Vorteil für den Künstler oder die Künstlerin. "Die Skandale haben so eine gewisse Janusköpfigkeit. Auf der einen Seite schieben sie gewisse Debatten an, auf der anderen Seite generieren sie große Aufmerksamkeit." Generell befürchtet er nicht, dass die Kreativität durch die drohende Empörung gehemmt werde, so Dietrich.
"Wenn ich Netflix anschaue oder andere, dann ist die Diversität, Kreativität eigentlich immer größer geworden als geringer."