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Sprache von EZB-Chef Mario DraghiRätselhaft mit Methode

Wenn er etwas sagt, laufen Analysten zur Wortklauber-Höchstform auf: Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank und somit Verkünder des EZB-Leitzinses. Der Mann spricht mit Vorliebe in Rätseln. Muss er wahrscheinlich. Aber warum eigentlich?

Von Mathias von Lieben | 20.07.2017

Ein Mann läuft von links nach rechts durchs Bild. Er hat dunkle Haare, ist in mittleren Jahren und trägt einen Anzug.
Sein Schatten eilt ihm voraus: Leitzins-Flüsterer Mario Draghi (dpa / Bernd von Jutrczenka)
"The ECB is ready to do whatever it takes to preserve the Euro. And believe me, it will be enough."
("Die Europäische Zentralbank ist bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir, das wird reichen.")
Fast jeder kennt diese Worte von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Geäußert: Während einer Rede in London am 26. Juli 2012. Das Statement schlug an den kriselnden Märkten ein wie der Blitz. Der Euro stabilisierte sich, die Börsenkurse stiegen steil an. Die klaren Worte des Notenbankchefs hatten eine magische Wirkung.
Drei Wörtchen weniger ändern alles
Doch diese Klarheit ist selten für Draghi. Normalerweise lässt er die Märkte mit kryptischer Sprache bewusst im Unklaren über seine Pläne. Ein Beispiel:
"We decided to keep the key-ECB-interest-rates unchanged. We expect them to remain at their present or lower levels for an extended period of time."
"Wir haben uns dazu entschieden, die Leitzinsen der EZB unverändert zu lassen. Wir gehen davon aus, dass sie für längere Zeit auf ihrem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden”, sagt Draghi am 27. April in Frankfurt. Diese Worte stammen aus dem sogenannten "Introductory Statement”, das er jeweils nach den Sitzungen des EZB-Rats verliest. Über Monate war dieser Satz der gleiche. Bis zur Sitzung am 8. Juni in Tallin, eineinhalb Monate später. Da lässt Draghi die drei Wörter "or lower levels" einfach weg.
Ein winziges Detail. Aber: Hat er nach den früheren Sitzungen immer gesagt, dass er die Zinsen im Euroraum notfalls auch noch weiter senken könnte, verzichtet er diesmal bewusst auf diesen Zusatz. Dafür spricht er von einer verbesserten Konjunktur in Europa. Wieder kommt Bewegung in die Märkte:
Verschlüsselungs-Experte: "Das nennt man einen Jargon-Code"
"Die Kommunikationsweise, bei der man irgendwelche unverfänglich klingenden Wörter oder Ausdrücke benutzt, um irgendwelche Nachrichten zu vermitteln, das nennt man einen Jargon-Code. Und das ist ein Beispiel für Steganographie, also für versteckte Nachrichtenübermittlung", sagt Klaus Schmeh, Informatiker und Verschlüsselungsexperte, der sich in einem seiner Bücher auch mit der kodifizierten Sprache des ehemaligen EZB-Chefs Jean-Claude Trichet beschäftigt.
Diese Code-Sprache benutzt auch Mario Draghi: er will die Finanzmärkte mit verbaler Kommunikation verwirren – und damit steuern. Den Jargon-Code der Notenbanker beherrscht Draghi perfekt, sagt Schmeh:
"Wenn der EZB-Präsident sagt, 'wir werden die Leitzinsen im nächsten Monat erhöhen', und die Leute sich dann drauf verlassen, und dann werden sie doch nicht erhöht, dass man das dann juristisch belangen kann. Und ich nehme an, dass das der Grund ist, dass er dann eher sagt, 'wir werden sehr wachsam sein', was dann andeutet dass so eine Zinserhöhung im Raum stehen könnte, aber ohne dass man ihn drauf festnageln kann."
Jedes Wort ist vorher schon abgewogen
Zu klar dürfen die Signale an die Märkte also nicht sein. Das zeigt ein anderes Beispiel: Am 27. Juni signalisiert Draghi in einer Rede in Portugal erstmals, dass die EZB ihren Kurs künftig etwas weniger expansiv ausrichten könnte. Der Euro schießt sofort auf ein Zwölf-Monats-Hoch. Doch am Tag danach: Notenbank-Insider rudern zurück. Es heißt, Draghis Rede sei überinterpretiert worden. Er selbst antwortet:
"It was not discussed." - Es wurde nicht besprochen.
Entwarnung also, die Märkte wieder beruhigen. Doch es zeigte: Mit jedem noch so vertüftelten Statement kann Mario Draghi explosive Reaktionen auslösen. Seine Rhetorik kann Erwartungen bestätigen und enttäuschen.
Deswegen legen Journalisten und Analysten jede seiner Silben auf die Goldwaage. Sie suchen irgendeinen Hinweis in seiner Sprache auf eine Änderung der Geldpolitik. Verschlüsselungsexperte Klaus Schmeh sagt:
"Man kann es fast als Geheimsprache oder Geheimsymbol bezeichnen."
Ein Geheimsymbol für Kenner und Experten, Anleger und Spekulanten. Die werden weiter an den Lippen von Mario Draghi hängen und sehr sensibel auf die Zwischentöne achten.