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Sprit von der Weide

Chemie. - Einst hieß das Werbe-Motto "Pack den Tiger in den Tank", doch seit klar ist, dass auch Treibstoff einmal so rar wie das Raubtier sein wird, suchen Forscher nach Ersatz. Vielleicht gesellt sich bald das Rind zum Tiger, denn Biogas könnte beim Strecken des Sprits helfen.

Von Wolfgang Noelke | 17.01.2006

    Rinder sind bereits unsere heutigen Energielieferanten, denn was vorne herein kommt, fällt auf der anderen Seite wieder heraus - und liefert Energie in Form von Gas. Aus Gas wird Elektrizität. Selbst die Reste der später geschlachteten Tiere liefern noch Elektrizität, wie etwa beim westfälischen Landwirt Hubert Franke, der in einer eigenen Anlage Schlachtabfälle vergären lässt:

    "Wir haben jetzt ungefähr 250 Kubikmeter Gas hier drin. Das entspricht ungefähr 500 Kilowatt elektrischer Leistung. Der große Vorteil bei Biogas ist: das Gas ist extrem leicht. Wenn also hier irgendwo eine Undichtigkeit ist, würde man das sofort riechen, weil dieses Biogas bestialisch stinkt, und es würde sofort oben durch den First entweichen. Jetzt gehen wir mal durch die Tür in den Motorenraum. Also jeder Motor kann ungefähr 160 Kilowatt elektrische Leistung fahren. Mal drei, das heißt: ich kann also maximal 480 Kilowatt fahren. Meine Durchschnittsleistung liegt irgendwo zwischen 320 und 350 Kilowatt über das ganze Jahr gesehen."

    Die Energieausbeute des Biogases wäre effektiver, müsste das Biogas nicht über die Motoren in Strom verwandelt werden. Der stellvertretende Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas, Markus Ott, strebt eine langfristige Alternative an:

    "Biogas wird jetzt praktisch zu 100 Prozent zur Verstromung genutzt. Das sind etwa zweieinhalbtausend Anlagen in Deutschland. Knapp 500 Megawatt elektrischer Leistung sind installiert in Deutschland. Interessant ist ja, dass wir damit fast ein Fünftel des Wind-Stroms produzieren im Vergleich. Deswegen, weil Biogasanlagen ja ständig rund um die Uhr laufen. Und die Aufgabe der nächsten Jahre ist es, dem Biogas einen Zugang zu verschaffen in das Erdgasnetz."

    Darauf bereiten sich erste Stadtwerke bereits vor, beispielsweise in Aachen. Biogas muss gereinigt werden. Mikroalgen schaffen es zwar im Labor den 40prozentigen Kohlendioxid-Gehalt zu entfernen, gegen die stinkenden Schwefelwasserstoffanteile sind die Algen jedoch noch zu empfindlich. Mit gereinigtem Biogas fahren Erdgasfahrzeuge. Dr. Karin Retzlaff vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie sieht die bislang wenig beachteten alternativen Kraftstoffe auf einem rasanten Vormarsch:

    "Wir hatten knapp eine Million, also 980.000 Tonnen Absatz im Jahr 2004 - jetzt im Jahr 2005 beträgt der Absatz zwei Millionen Tonnen. Das ist eine Verdoppelung des Absatzes! Das, würde ich sagen, ist schon eine rasante Entwicklung. Die anderen Biokraftstoffe: Ethanol ist jetzt im Kommen, aber wir reden natürlich auch von den so genannten "Biomass-To-Liquid-Kraftstoffen", die so genannten synthetischen Kraftstoffe, die aus Biomasse hergestellt werden können. Hier stehen wir relativ am Anfang. Es ist zwar ein altes chemisches System, aus Biomasse über Vergasung dann einen Flüssigkraftstoff herzustellen. Aber das im größeren Maßstab hier in Gang zu bekommen, bedarf natürlich Investitionen und Forschungsanstrengungen und insofern wird das noch einige Zeit brauchen."

    In vier Jahren endet das Branntweinmonopol. Auftrieb erhofft sich der Bundesverband Biogene Kraftstoffe dann für die vom Gesetzgeber noch gedrosselten landwirtschaftlichen Brennereien: sie könnten ihre Leistung vervierfachen! Torsten Gabriel, Sprecher der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe schätzt, dass dann ein Viertel des heutigen Verbrauchs ersetzt werden kann vom alternativen Tiger auf dem Acker:

    "Bei synthetischen Biokraftstoffen haben wir den großen Charme zum Einen, dass Getreide, Mais und viele andere Erzeugnisse eingesetzt werden können, und zum anderen wird die ganze Pflanze im Vergasungsprozess verarbeitet und wir gehen davon aus, dass bis zu vierzig Prozent der Energie, die in der gesamten Pflanze steckt, nachher sich im Kraftstoff wieder findet. Das heißt: Hier haben wir letztlich eine technologische Revolution: wir werden sehr viel mehr Energie vom Acker direkt in den Kraftstoff bekommen! Deswegen sprechen wir von einer neuen Generation von Biokraftstoffen!"