Mittwoch, 05. Oktober 2022

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Stadtforscher und Minimalist

Stefan Schneider ist Fotograf und Musiker zugleich. Direkt nach seinem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf hat ihn die elektronische Musik gefangen genommen. Als Autodidakt ist er Mitbegründer der Band Kreidler.

Von Susanne Luerweg und Sabine Oelze | 03.10.2013

    Steckbrief Stefan Schneider
    Geboren 1961 in Düsseldorf,
    1988 bis 1993 Besuch der Kunstakademie, Meisterschüler von Bernd Becher.
    1993 bis 1998: Mitglied der Düsseldorfer Avantgarde-Electronica-Band Kreidler; 1995 gründete er die Band To Rococo Rot, Initiator von Mapstation, einer Art Labor, in dem Musiker experimentieren.


    "Meine Name ist Stefan Schneider. Wir sitzen hier in meiner Wohnung, die nur noch drei Tage lang meine Wohnung ist. Da gibt es einen grauen Schrank, da sind die Kunstsachen drin, das ist der Schrank, wo Negative und Prints eingeschlossen sind. die bei Bedarf rausgeholt und weiter verarbeitet werden."

    "Wenn mich Leute fragen, sage ich immer ich bin Musiker, obwohl das eigentlich nicht wirklich stimmt, weil ich keine Musikausbildung habe, als Musiker bin ich Autodidakt und eine Ausbildung habe ich als Bildender Künstler an der Kunstakademie in Düsseldorf genossen und habe in der Fotografieklasse von Bernd Becher studiert, meinen Abschluss gemacht und bin dann direkt nach dem Meisterschülerjahr zur elektronischen Musik gekommen. Habe da mit der Band Kreidler angefangen zu spielen. Und dann hatte man plötzlich viele Auftritte und Plattenaufnahmen und so bin ich direkt nach dem Kunststudium zur Musik gekommen.""

    Stefan Schneider, Ronald und Robert Lippok sind das reibungslos geölte Trio einer Elektronika-Musik aus dem Geiste von luftiger Pavillon-Architektur. Seit ihrem ersten Album arbeiten sie an der Eleganz des Vergänglichen, sind aber auch Spielkinder genug, um Grooves auf der einen und Ausrutscher auf der anderen Seite zu schätzen.

    "Ich habe ganz viel in Düsseldorf fotografiert, habe damals schon vor dem Studium angefangen, Aufnahmen vom Stadtgebiet zu machen, habe das im Studium unterbrochen und bin dahin zurückgekehrt. Das ist jetzt eine Arbeit von über zwanzig Jahren, im nächsten Jahr erscheint sie als Publikation. Und diese fotografische Arbeit in Düsseldorf konnte ich nicht fortsetzen, weil wir von 95 bis 96 bis 2005 konstant sowohl mit Kreidler, To Rococo Rot so viel auf Konzertreisen waren oder im Studio waren, um Platten aufzunehmen, dass ich keine Zeit hatte, in Düsseldorf zu sein, um weiter an diesem fotografischen Projekt zu arbeiten."

    Im Sinne der hohen Güter Freiheit und Kontemplation reduzieren der umtriebige Multiinstrumentalist Bill Wells aus Glasgow und das Düsseldorfer To Rococo Rot-Drittel Stefan Schneider den Kern postromantischer Kammermusik aufs Wesentliche.

    "Ich bin ja nicht existent auf dem Kunstmarkt, da gibt es keine Termine. Im Gegenteil zur Musik, da gibt es sehr wohl Termine, weil es gibt einen Veröffentlichungstermin, es ist öfter vorgekommen, dass ich am Schauspielhaus arbeite und da gibt es immer ein Zeitfenster, das finde ich zum Arbeiten ganz angenehm. Finde ich zum Kunstmachen auch sehr gut, aber da gibt es andere Zeitmaße. Die Arbeit über Düsseldorf umfasst einen Zeitraum von 20 Jahren und bei musikalischen Arbeiten ist das viel kürzer."

    Stadtporträts, Landschaften, Waldstücke, Hinterhöfe, Einkaufspassagen, Gehöfte, Autos, der Himmel und Flussläufe sind vornehmlich die Dinge die Schneider in seinen Bildern zeigt. Das Einzelne zeigt sich hier stets als Teil eines Zusammenhangs. Alles gehört dazu mit allen Gegensätzen und Ambivalenzen. Den Orten auf seinen Aufnahmen begegnet Schneider meist auf seinen Reisen als Musiker, die ihn seit Jahren durch Europa führen. Text zur Ausstellung "Europa physisch" in der Staatsgalerie Prenzlauer Berg, 2011.

    "An diesen Orten hat mich interessiert, dass ich immer an Orte gegangen bin, die weniger touristische orte gewesen sind, Seitenstraße, Vororte oder Industrieorte, wo ich mir eingebildet habe, dass das Leben, was eine Stadt ausmacht, dass ich die eher an Orten des Alltags wiederfinde als an Orten des die Vorzeigeorte sind oder typisch sind für eine Stadt. Ich habe immer Orte gesucht, an denen ich mich wohlfühle, die ich aufsuche, die mir eine Stadt verständlicher zu machen stehen als Orte, die in einem Touristenführer drin stehen, das sind orte, die mir eine Stadt charakteristisch erscheinen lassen."

    "Stunden” ist ein faszinierendes Werk, bei dem Vertreter zweier Generationen deutscher Musik-Freidenker zusammengekommen sind, um ein zeitlos schönes Album aufzunehmen.” Christoph Dallach, Popmusikexperte vom "Spiegel":

    "Von dem neuen Album von Roedelius und Schneider würde ich auswählen: Indie Woogie, das ist ein Stück, was wir in Wien aufgenommen haben, bei Joachim zu Hause an seinem Piano und wir haben das so mikrophoniert, dass man den Pianospieler beim Spielen atmen hört und wir fanden das beide sehr interessant auch diesen physischen Aspekt, dass der Pianist den ganzen Körper bewegt und dabei Atmung nötig ist, auf einer Tonaufnahme zu dokumentieren."