Samstag, 02. Juli 2022

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Stipendium für Journalisten
Auszeit von Krieg und Terror

In vielen Ländern der Welt werden Journalisten bedroht - das ist körperlich und seelisch belastend. In Deutschland können sie sich eine Auszeit nehmen: Reporter ohne Grenzen und die Panter-Stiftung der Tageszeitung (taz) finanzieren sie. Nach etwas Ruhe sollen sie gestärkt wieder an die Arbeit daheim gehen können.

Von Shikiba Babori | 25.07.2017

Explosionen bei einer Trauerfeier in Kabul - viele Menschen wurden getötet (3.6.2017).
Krieg und Terror sind in Afghanistan alltäglich. Im Juni wurden bei mehreren Explosionen bei einer Trauerfeier in Kabul viele Menschen getötet. (AFP / Wakil Kohsar)
Die Journalistin und Moderatorin Shallah Shaiq leitet in Ost-Afghanistan ein Radioprogramm für Frauen. Die Sendung richtet sich an Frauen, die gesellschaftliche oder familiäre Probleme haben, die sie ohne Unterstützung nicht alleine lösen können. Shaiq und ihr Team verstehen ihre Radiosendung als eine wichtige Quelle, um sich neben Bildungsangeboten auch über Menschen- und Frauenrechte zu informieren. Die Arbeit des Senders ist gefährlich, denn in der vorwiegend patriarchalisch ausgerichteten afghanischen Gesellschaft sind diese Themen oft tabu. Es ist daher undenkbar, dass Shallah Shaiq ihr Haus ohne Burka verlässt. Denn würde sie erkannt werden, wäre ihr Leben in Gefahr.
"In unserer täglichen Arbeit in Afghanistan sind wir mit sehr vielen Problemen konfrontiert. Die schlechten Sicherheitsbedingungen sind ein erstes großes Problem. Gerade der Osten Afghanistans, wo ich lebe und arbeite, ist eine sehr gefährliche Gegend. In der Provinz Nangahar sind sowohl die Taliban als auch der IS aktiv. Unser Sender wurde viermal angegriffen."
Für Journalistinnen und Journalisten wie Shallah Shaiq, die unter prekären Sicherheitsbedingungen arbeiten, wurde das sogenannte Auszeit-Stipendium ins Leben gerufen. Die Voraussetzung für die Teilnahme sind, neben Grundkenntnissen in der englischen oder deutschen Sprache, ausreichende journalistische Erfahrungen. Die Panter-Stiftung der taz schreibt das Stipendium aus, erklärt Andreas Lorenz vom Kuratorium:
"Reporter ohne Grenzen hat auch Korrespondenten in vielen Ländern und über die und auch persönliche Beziehungen kommt sozusagen die Ausschreibung an die Interessenten. Sie können sich online bewerben oder sie können auch persönlich Briefe schreiben."
Stipendium enthält auch psychologische Hilfe
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten können nach Bedarf einen Sprachkurs machen. Besonders schätzen sie allerdings, dass sie durch die Auszeit in Berlin Abstand von ihrer alltäglichen Arbeit bekommen. Einige von ihnen bekommen auch professionelle Hilfe. Andreas Lorenz:
"Wir bieten an, eine Psychologin oder einen Psychologen zu besuchen. Das wird bis jetzt sehr gerne angenommen, weil die Kolleginnen und Kollegen, die nach Berlin kommen, nach meiner Erfahrung in der Regel sehr sehr angespannt, sehr sehr nervös sind und ganz froh sind, wenn sie mit einem Experten über ihre psychische Situation sprechen können."
Für viele der Stipendiaten ist es das erste Mal, dass sie sich fernab der Heimat unbeobachtet und sicher bewegen können. Einige von ihnen nutzen diese Möglichkeit zum Schreiben eigener Texte oder auch zum Nachdenken über ihr Leben und ihre Arbeit. Über die materiellen Aspekte ihres Aufenthaltes müssen sie sich ebenfalls keine Gedanken machen. Alle anfallenden Reisekosten übernehmen die Organisatoren. Dabei scheint die Finanzierung des Projekts vorerst gesichert zu sein. Andreas Lorenz:
"Finanziert wird das vor allen Dingen durch die Spenden der taz-Panter-Stiftung. Die taz-Leser sind durchaus großzügig, sie geben Geld für dieses Projekt. In letzter Zeit ist noch eine andere Quelle hinzugekommen, das ist eine Brüsseler Nicht-Regierungsorganisation, die heißt 'ProtectDefenders'. Die kümmern sich um Menschenrechtsaktivisten, die in eine schwierige Lage gekommen sind, aber auch um Journalisten, und die geben ebenfalls etwas dazu, was uns ermöglicht, jetzt nicht nur eine Kollegin oder einen Kollegen im Jahr einzuladen, sondern zwei."
Neue Kraft und neue Energie
Für Shallah Shaiq jedenfalls ist die Auszeit in Deutschland in jeder Hinsicht ein Erfolg:
"Wir können hier an Konferenzen teilnehmen und uns über Inhalte unserer Arbeit in Afghanistan mit Fachleuten austauschen. Es gibt sehr viel Neues und Wertvolles, was ich hier erfahre. Nicht nur im Bereich Handwerk, sondern auch, was Technik und Equipment betrifft. Wir werden hier sehr gut umsorgt und gestärkt. Ich werde sicherlich nach meiner Rückkehr mit neuer Kraft und mit Energie meine Arbeit in Afghanistan wieder aufnehmen können. Dafür bin ich sehr dankbar."