Mittwoch, 30. November 2022

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Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen
Experimentierfeld Bühne

Auf Stückemärkten stellen Dramatiker ihre neuen Texte vor, normalerweise in szenischen Lesungen und normalerweise entscheidet am Ende eine Jury, welcher Text der Beste ist. Auf dem Stückemarkt des Berliner Theatertreffens läuft inzwischen allerdings einiges anders.

Von Barbara Behrendt | 19.05.2016

    Wer heute als Theaterautor erfolgreich sein will, der sollte nicht nur schreiben können, nein, er muss auch sein neues Projekt in zehn Minuten so werbewirksam präsentieren, dass das Publikum jubelt: I like! Aber natürlich: Nur einer kann gewinnen. Nach den Topmodels und den Gesangstalenten sucht Deutschland nun: den Dramatiker-Star!
    Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens will Vorreiter eines solchen "partizipatorischen Verfahrens" sein und schickte in einem groß angekündigten Finale seine fünf aus ganz Europa ausgewählten Autoren und Performer in einen "Pitch". Pitch – das klingt nach einem Geschäftsmodell aus der Start-up-Economy. Richtig! Und das gilt jetzt auch hier. Denn:
    "Letztendlich ist das Theater auch ein Markt – und wird auch wahrscheinlich in Zukunft immer mehr Markt werden", so die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer bei der Eröffnung des Festivals.
    Entscheidung via Live-Stream
    Manch einer, so auch Thomas Krüger, der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, glaubt offenbar allen Ernstes, dass man Kunst prächtig voranbringen kann, indem man einige Zufallszuschauer in Berlin und am Partnertheater in Dortmund mitsamt Internet-Community über die Projektideen von Autoren und Performern abstimmen lässt. Und weil jene Bundeszentrale den Stückemarkt finanziell unterstützt, durfte man nun also vor Ort und per Live-Stream mitentscheiden, ob der Preis von 7000 Euro, plus Uraufführung am Schauspiel Dortmund, nach Kroatien geht, nach Dänemark, nach Großbritannien, Slowenien oder nach Deutschland. Da mag man an den Eurovision-Songcontest denken - aber ganz falsch: Der ist bei weitem unterhaltsamer – und transparenter.
    Als nämlich Thomas Krüger nach über drei Stunden Pitching, Voting, Counting endlich verkündete:
    "Der Preis geht an, the award goes to: Bara Kolenc und Atej Tutta"
    Da erfuhr man nicht einmal: Hat es für den Sieg gereicht, eine Handvoll Freunde daheim für das italienisch-slowenische Performer-Duo zu mobilisieren? Oder waren ganze Lobby-Hundertschaften in Berlin, Dortmund und anderswo am Voten? Wie viele Punkte hat das Heimatland vergeben? Und was meinte eigentlich die Leiterin des Stückemarkts, Christina Zintl, als sie vor dem Pitch-Event erklärte:
    "Außerdem würden wir gerne eine transparente Diskussion über künstlerische Qualität führen und mit Ihnen über Kriterien dafür ins Gespräch kommen. Wir möchten sozusagen kuratorische Auswahlentscheidungen, die normalerweise hinter verschlossenen Türen gefällt werden, offen legen und nachvollziehbar machen."
    Aber es gab hier ja keine Jury – also auch keine kuratorische Auswahlentscheidung. Und die eine Frage, die die vier Publikumsberater und -beraterinnen auf der Bühne, darunter der Dortmunder Intendant Kay Voges, den "Pitchern" nach jedem "Pitch" stellen durften, konnte ja wohl kaum als "transparente Diskussion" durchgehen. Oder etwa doch?
    Gewonnen haben jedenfalls mit Bara Kolenc und Atej Tutta die Performer, die das sperrigste und theorielastigste Projekt vorstellten – hiervon ließen sich die Wähler nicht abschrecken. "Metamorphoses No. 4: Blackholes", also: "Metamorphosen Nummer 4: schwarze Löcher" wird die nächste Folge ihres insgesamt fünfteiligen Moduls heißen. "Mit Ängsten und Paranoia als neuzeitlichem Phänomen" wollen sich die Künstler darin beschäftigen.
    "Sternstunden der Pitch-Patsch-Peinlichkeit".
    Bara Kolenc: "We will create this piece dealing with the emergence of fear and paranoia as the most recent phenomena."
    Der dritte Teil dieser Serie, "Metamorphoses No. 3: Retorika", der am selben Tag beim Stückemarkt gastiert hatte, war eine bombastische, mit Sounds und Nebelmaschinen feuernde Performance, die auf dem Papier weit mehr versprach, als sie auf der Bühne halten konnte.
    In den Tagen zuvor hatte der Stückemarkt übrigens manche interessante, talentierte Autorenstimme präsentiert. Die Casting-Show am Ende hätte es da wirklich nicht gebraucht. Wie twitterte doch gleich die Netzgemeinde so böse? "Sternstunden der Pitch-Patsch-Peinlichkeit".