Dienstag, 07. Dezember 2021

Sturm auf US-KapitolKunsthistoriker: Bilder wie aus dem Irakkrieg

Trump-Anhänger sahen beim Sturm auf das US-Kapitol mit Fellen am Körper und Hörnern auf dem Kopf teils bedrohlich aus. Sie besetzten Abgeordnetenbüros, legten ihre Füße auf Tische – wie auf Bildern aus dem Irakkrieg, sagte der Kunsthistoriker Horst Bredekamp im Dlf.

Horst Bredekamp im Gespräch mit Jörg Biesler | 08.01.2021

Ein Demonstrant sitzt am Schreibtisch von Nancy Pelosi.
Ein Trump-Anhänger im Büro der Demokratin Nancy Pelosi - das Foto sei eine Originalkopie von US-Soldaten, die ihre Beine auf Luxustische von Saddam Husseins Palästen in Tigrit legten, sagte Kunsthistoriker Bredekamp im Dlf (SAUL LOEB/AFP)
Die Bilder vom Sturm auf das Kapitol haben weltweit Entsetzen ausgelöst. Es sind Bilder seltsam gekleideter, seltsam kostümierter Menschen, die Fahnen schwenkend durch das Gebäude ziehen. Vieles, so der Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Horst Bredekamp, sei spontan entschieden worden, "aber die Erstürmung war nicht ohne Systematik." Vor allem das Ausharren auf den Treppen vor dem Kapitol hält er für kalkuliert. Denn genau hier werde demnächst Joe Biden als neuer Präsident vereidigt. Dann werde sich die Welt "bei der tatsächlichen Inauguration an die Besetzung der Treppe erinnern.
Trump-Anhänger, mit wehenden US-Fahnen, vor dem Kapitol in Washington.
Amerikanist: "Die Beschmutzung republikanischer Ideale"
"Zitadelle der Demokratie" nennt Joe Biden das Kapitol. Die Erstürmung des Gebäudes durch Trump-Anhänger erschüttert Menschen weltweit. "Es ist ein Skandal, dass niemand vorbereitet war auf diese Gewalttat" sagte Amerikanist Simon Wendt im Dlf.

"Bilder, um die eigene Identität zu finden"

Während die Menschen auf der Treppe randalierten, das Gebäude erstürmten und Fenster einschlugen, verhielten sich viele im Haus fast zurückhaltend und achteten die Barrieren. Dies, so Bredekamp, sei erstaunlich, genauso wie "die Bereitschaft sein Gesicht zu zeigen. Fast jeder hatte eine Kamera in der Hand."
Seit fast zwanzig Jahren könne man beobachten, dass Taten begannen werden, "um Bilder zu generieren, um die eigene Identität zu finden." Das Foto vom Mann, der auf dem Stuhl von Nancy Pelosi sitzt und seine Beine auf ihrem Schreibtisch hat, "das ist eine Originalkopie von amerikanischen Soldaten, die eben ihre Beine auf den Luxustischen von Hussein in seinen Palästen in Tigrit hatten." Dies erinnere an den letzten siegreichen amerikanischen Krieg, erläutert Bredekamp. "Der 6. Januar wird sich wie 9/11 ins Gedächtnis prägen. Es könnte der erste Bildproduktionsaufstand sein."
Eine zerborstene Scheibe am US-Kapitol in Washington.
Die Macht der Bilder und Begriffe
Die Ereignisse rund um das Kapitol in Washington werden von US-Politikern mit Sprachbildern beschrieben: zum Beispiel als ein Angriff auf das eigene Herz. Der Politologe Michael Koß über symbolische Worte und ikonografische Fotos.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.