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StartseiteCorsoKampf gegen das Klubsterben30.04.2014

SubkulturKampf gegen das Klubsterben

"Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte Klub abgerissen ist, werdet Ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr mal geflohen seid". Dieser Spruch hing vor zwei Jahren über einem Berliner Klub. Das Klubsterben grassiert nun auch in anderen Städten.

Von Alice Hasters

Der Sänger Jamie T. steht auf der Bühne im Gebäude 9 und singt ins Mikrofon, vor ihm das Publikum. (picture alliance / dpa/ Felix Heyder)
Der Engländer Jamie T. bei einem Auftritt 2007 im Kölner "Gebäude 9": Auch dieser Klub ist bedroht. (picture alliance / dpa/ Felix Heyder)

Eine Nahaufnahme von Glasbausteinen. In schwarz-weiß und mit dem lauten Straßenlärm dazu, wirkt das Bild wie ein vergessener Ort.
Nach 15 Sekunden dann, die Totale: Die Glasbausteine gehören zur Wand eines leer stehenden Gebäudes. Klein, in weißen Buchstaben, flackert eine Art Todesanzeige auf: Filmhaus und Rocker 33; 1995-2014

"Dann haben wir uns gedacht, schauen wir doch was in Stuttgart im Untergrund passiert ist und gehen mal an die Orte, an denen Klubs waren oder eben Orte der Subkultur und filmen da. Wir wollten ein ... nicht Ratespiel, aber wir wollten, dass man überlegt: "Okay was ist das" und dann sieht man eben "ah okay da wo diese Baustelle ist, war eben mal das Rocker."

Begrenzter Raum für Stuttgarter Subkultur 

Die Medienstudentin Fiona Frahm hat zusammen mit ihrem Kommilitonen Mortiz Hahn das Projekt "Zeit-Raum" ins Leben gerufen. Sie dokumentieren in ihren 20-sekündigen Filmschnipseln, die auf Youtube zu finden sind, das "Klubsterben" in Stuttgart. Was als Medieninstallation beim Stuttgarter Filmwinter 2013 begann, ist mittlerweile ein eigenständiges, fortlaufendes, Projekt. Denn die Problematik bleibt bestehen: Der Raum für die Stuttgarter Subkultur ist zeitlich begrenzt, bis die nächsten Bebauungspläne der Stadt oder privater Investoren kommen. Daher der Name des Projekts: "Zeit-Raum".

"Klar Stuttgart ist eine Industriestadt und das heißt, man will Banken bauen, will Parkplätze bauen, Einkaufszentren und dann natürlich so was wie Stuttgart 21 und wenn so viel abgerissen und neu gebaut wird, aber eben für lauter Dinge die Konsum und Wirtschaft fördern, dann ist klar, dass kleinere Orte oder welche, die Charme haben oder an denen mal Klubs waren, das die dann abgerissen werden."

Kein Platz für das Kölner Gebäude 9

Dass wohnungsarme Gebiete, in denen sich alternative Klubs ansiedeln, früher oder später von Investoren aufgekauft werden, ist nicht nur in Stuttgart ein Problem. Der jüngste Fall kommt aus Köln, wo das renommierte, wie traditionsreiche Gebäude 9 vom Bauprojekt "Mülheimer Süden" bedroht wird. Entstehen soll dort eine Wohnsiedlung, in höherer Preisklasse: Für das Gebäude 9 wäre dann dort kein Platz mehr. Das würde nicht nur für Klubbesitzer Jan van Weegen und Pablo Geller das Aus bedeuten, sondern auch für andere zahlreiche Künstler, die das Gewerbegebiet besiedelt haben. Wegen erhöhten Drucks durch eine hohe Medienaufmerksamkeit, so wie einer Onlinepetition mit über 15.000 Unterzeichnern und Hilfe des Kulturdezernats, wurde der Mietvertrag bis Ende 2015 verlängert werden. Vom Tisch ist die Sache damit trotzdem nicht. Die Verhandlungen gehen weiter.

"Was ein bisschen fehlt, "

... Pablo Geler vom Gebäude 9...

"...ist, dass in der Stadt ein Scharnier fehlt, so eine Art Vermittlerfunktion, das man jemanden einsetzt, der praktisch Mediator wird zwischen der Stadt Köln, der Verwaltung, der Politik und den Veranstaltern- wo ja oft die Gefahr ist, dass man aneinander vorbeiredet und nicht wahrgenommen wird."

Berlin ist mal wieder weiter

Berlin ist da schon einen Schritt weiter. Letztes Jahr wurde dort die Non-Profit-Organisation "Musicboard" ins Leben gerufen. In Auftrag gegeben wurde das Projekt von Oberbürgermeister Wowereit persönlich. Die Leitung überließ er Katja Lucker.

"Das Musicboard macht eine Popkulturförderung, die es so deutschlandweit noch nicht gibt. Wir fördern und vergeben Gelder entweder an Künstler direkt oder an Projekte."

Das Musicboard hat erkannt, dass in mehr als nur den gegenständlichen Erhalt von Klubs investiert werden muss, um eine Subkultur aufrecht zu erhalten. Je mehr Chancen und Förderung Künstler, Musiker oder Labels in einer Stadt haben, desto höher ist auch die Wahrnehmung ihrer Spielstätten. Aber es wird auch konkret etwas zur Verständnisförderung zwischen Klubbesitzer und Immobilieninvestoren getan.

"Wir haben zum Beispiel letztes Jahr im Berghain einen Workshop gemacht mit Vertretern/Vertreterinnen der einzelnen Bezirke und Klubleuten. Das heißt, was ich tun kann, ist an den Stellen zu moderieren, indem ich jetzt zum Beispiel eine Bezirkstour gemacht habe, wo Klubkultur stattfindet um auch auf Bezirksebene Verständnis dafür zu schaffen, wie Klubleute und Konzertveranstalter agieren und was sie brauchen, aber das ganze Thema ist absolut nicht schwarz-weiß."

Auch wenn es im Groben oft ähnlich klingt, bringt jeder Clash zwischen Bauinvestoren und Klubszene individuelle Probleme mit sich und bedarf kreativer Lösungen. Um diese umsetzen zu können, muss es zu einer frühzeitigen Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien kommen.

"Das ist ganz oft die Problematik, dass das Kind ganz oft schon in den Brunnen gefallen ist, wenn eben nicht vorher mit denen geredet wird, die schon da waren und denen, die neu dazu kommen, die manchmal gar nicht wissen, wo sie da eigentlich hinziehen und nicht wissen, dass da nachts eine reger Kulturlandschaft nebenan ist.
Da engagieren sich auch einzelne Bezirke und versuchen wirklich mit den Investoren zu reden und zu sagen, wenn ihr baut, baut doch eure Schlafzimmer bitte nicht in die Richtung, da wird ganz konkret versucht mit den einzelnen Investoren zu verhandeln."

Auch wenn das Musicboard in Köln nicht helfen kann, für das Gebäude 9 besteht Hoffnung, dass sich Wohnungsbebauung und alternatives Clubleben vereinen lassen. Die nächste Konferenz ist in 10 Tagen. Jan van Weegen hofft, dass man dann eine permanente Lösung findet, mit der alle leben können.

"Das wär natürlich für alle beteiligten der Königsweg, das man beides realisieren kann."

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